Peter Glaser blickt in die Kristallkugel Die 3-D-Straße

Von Peter Glaser 

Was haben alle mit fliegenden Autos? Diese Zukunftsvision ist 100 Jahre alt. Und sie ist längst Realität.

  Foto: Terrafugia / dpa
  Foto: Terrafugia / dpa

Dubai - Auf ihrer Website verweist die britische Rundfunkanstalt BBC auf eine Artikelserie unter dem Titel „Disruptors“. Der Begriff bezeichnet Innovationen, die erfolgreiche bestehende Technologien „unterbrechen“ und sie vom Markt verdrängen. Im Hintergrund zu sehen ist das Burj Khalifa in Dubai, das höchste Haus der Welt, und ein Stück daneben in der Luft eine Flugdrohne. Sie hat 18 Rotoren, sicher ist sicher, denn in dem pilotlosen Senkrechtstarter sollen zwei Fahrgäste Platz nehmen können. Tests derartiger Fluggeräte finden seit einigen Monaten statt, im Sommer sollen die Sausekugeln dann auch offiziell zum Einsatz kommen – Anforderung per App, Steuerung vollautomatisch.

In Deutschland lässt währenddessen die künftige Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär (CSU), mit markanten Forderungen an die Zukunftsfähigkeit des Landes aufhorchen. Digitalisierung sei mehr als nur schnelles Internet, sagte sie in einem ZDF-Interview, man müsse auch beispielsweise über autonomes Fahren nachdenken – oder über Flugtaxis. Der Appell an den visionären Sportsgeist wirbelte in den sozialen Medien mehr Staub auf als ein Hubschrauberstart. Mit fliegenden Autos vom schleichenden Breitbandausbau ablenken, so wie Elon Musk von einer Kolonie auf dem Mars schwadroniert, um von den Problemen bei der Produktion seiner Tesla-Elektrolimousinen abzulenken.

Das erste Flugauto: der I-TEC Maverick

Zumal: Fliegende Autos sind eine Zukunftsvorstellung von gestern. Sie sind keine Visionen, sondern weisen auf einen Mangel an Visionen hin. „Sie haben uns fliegende Autos versprochen, bekommen haben wir 140 Zeichen“, monierte der Paypal-Mitgründer und Investor Peter Thiel bereits 2008. Damals war Twitter zwei Jahre alt, und die fliegenden Autos standen für Vorstellungen aus den 60er Jahren, die man sich über das Jahr 2000, vulgo die Zukunft, machte und auf die wir heute angeblich immer noch warten würden. Seit einem Jahrzehnt geistert nunmehr das fliegende Auto als neu aufgelegtes Symbol einer schaumgebremsten Zukunft durch die Medien.

Den ersten Entwurf für einen Hubschrauber fertigte Leonardo da Vinci Ende des 15. Jahrhunderts an. Das erste realisierte Flugauto war das 1917 gebaute „Autoplane“ des US-Luftfahrtpioniers Glenn Curtiss, das immerhin über kurze Strecken vom Boden abheben konnte. Während später die Zeichentrickfamilie Jetson auf Schwebegleitern durch die Zukunft zischte, konnte man sich bei James Bond kaum noch retten vor Kleinstfluggeräten, vom Düsenrucksack („Feuerball“, 1965) über den Ein-Mann-Tragschrauber „Little Nellie“ („Man lebt nur zweimal“, 1967) bis hin zum goldenen AMC Matador Coupé des Schurken Scaramanga, das sich in einem Hangar kurzerhand in ein Flugzeug verwandelt und abhebt („Der Mann mit dem goldenen Colt“, 1974).

Am Ende war es Steve Saint, der Sohn eines amerikanischen Missionars, der das erste Flugauto baute, das wirklich in Serie ging – den I-TEC Maverick. Er wollte damit erst Ureinwohner in entlegenen Gegenden Ecuadors erreichen, erwirkte dann aber die Zulassung in den USA, sowohl für den Flugmodus als auch für die Straße. Seit 2010 ist der Maverick (zu Deutsch: der Einzelgänger), der ein bisschen an ein landwirtschaftliches Gerät erinnert, in verschiedenen Varianten erhältlich.

Seit mehr als 80 Jahren gibt es nun funktionierende Flugautos, von denen – bis auf den Maverick – nie mehr als fünf Exemplare gebaut wurden. Und es gibt Leute, die ­sagen: Sie haben uns fliegende Autos versprochen und stattdessen Twitter angeschleppt.