Peter Glaser blickt in die Kristallkugel Zukunft unter Tage

Von Peter Glaser 

Der Platz in den Städten wird knapp. Unser künftiger Lebensraum könnte unterirdisch sein. Der StZ-Kolumnist Peter Glaser stellt historische und aktuelle Pläne von Städten unter der Erde vor.

Unter der Erde leben und arbeiten? Dafür müssen noch einige Phobien abgebaut werden. Auf dem Bild: ein Tunnel beim Metro-Bau in Neu Dehli. Foto: dpa
Unter der Erde leben und arbeiten? Dafür müssen noch einige Phobien abgebaut werden. Auf dem Bild: ein Tunnel beim Metro-Bau in Neu Dehli. Foto: dpa

Stuttgart - Hier geht es in Zukunft um die Zukunft. Das StZ-Hausorakel Peter Glaser befragt einmal die Woche die Kristallkugel nach dem, was morgen oder übermorgen sein wird – und manchmal auch nach der Zukunft von gestern. Dazu als Bonus: der Tweet der Woche!

In den Bond-Filmen ist es das Habitat des Superbösewichts, das unterirdisch gelegen ist. Auch Bunkeranlagen oder Kontrollzentren wie das Cheyenne Mountain Operations Center, in dem bis 2006 das Nordamerikanische Luft- und Weltraum-Verteidigungskommando NORAD in Betrieb war, liegen unter der Oberfläche. Als Zivilist kommt man mit den tiefergelegten Lebensbereichen täglich in U-Bahnen, Unterführungen und Tiefgaragen in Berührung.

Die Vorstellung, dass Untergrund-Städten die Zukunft gehört, gibt es schon lange. Hier eine - etwas unüberlegte - Idee aus der Zeitschrift Popular Science Monthly von 1934: Die Erdmassen, die bei dem Aushub zu bewegen wären, entsprächen etwa 25.000 Großen Pyramiden oder 5.400 Empire State Buildings. So betrachtet wäre es wirtschaftlicher, eine Stadt in den Grand Canyon zu bauen und ihn dann zuzuschütten.

Atomar gesprengte Lebensräume

Anfang der Vierzigerjahre gab es in den USA sogar Konzepte für unterirdische Flughäfen. Begünstigt wurden diese Überlegungen zweifellos durch die Tatsache, dass Krieg in Europa herrschte und der Bombenkrieg zunehmende Fortschritte machte.

1969 schlug der Stadtplaner Oscar Newman vor, durch Atomexplosionen Hohlräume unter Manhattan zu schaffen, um darin Untergrundstädte bauen zu können. Auf das Problem angesprochen, dass man unter der Erde ja keine Aussicht habe, entgegnete er: „Was die meisten Leute sehen, wenn sie aus dem Fenster schauen, ist die Wand des Hauses gegenüber.“

Inzwischen nimmt die Übervölkerung der Städte und Metropolen zügig zu. Das Thema steht wieder auf der Agenda. 2050 sollen zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Städtische Wohnfläche wird zu einer zunehmend knappen Ressource. Der kalifornischen Stadtforscherin Annette Kim zufolge leben schon heute allein in Peking etwa eine Million Menschen in ehemaligen Schutzräumen und Kellern auf wenig luxuriöse Weise unterirdisch.

Mehr Platz gibt es nur noch unterhalb

In Singapur, einer der am dichtesten bevölkerten Regionen der Welt, leben auf 710 Quadratkilometern 5,5 Millionen Menschen (zum Vergleich: Berlin hat 892 Quadratkilometer und 3,5 Millionen Einwohner). Für Zhou Yingxin, Mitarbeiter des Associated Research Centers for the Urban Underground Space, ist die Landknappheit der Hauptgrund dafür, in die Tiefe zu gehen. Die herkömmlichen Methoden der Landgewinnung durch Aufschüttung sind weitgehend ausgeschöpft. Nun ist auf 300.000 Quadratmetern eine Underground Science City geplant, in zwischen 30 und 80 Metern Tiefe gelegen, die Biotechnologie-Unternehmen und Arbeitsplätze für 4.200 Menschen beherbergen soll.

Für Mexico City, wo im historischen Stadtkern strikte Denkmalschutzvorschriften befolgt werden müssen, hat das Architekturbüro BNKR Arquitectura eine 300 Meter tiefe, umgekehrte Pyramide entworfen, den sogenannten Earthscraper, der 5.000 Bewohner beherbergen soll, die - bis auf die untersten Geschosse - natürliches Licht durch eine riesige Glasdecke bekommen.

Es ist netter, unterirdisch zu arbeiten

In Helsinki haben auch die Temperaturen eine Rolle dabei gespielt, neun Millionen Kubikmeter unterirdischen Raum unter anderem für Läden, eine Laufstrecke, ein Schwimmbad und eine Eishockey-Halle zu schaffen: „Angesichts des finnischen Wetters“, sagt Helsinkis oberster Untergrundgestalter Eija Kivilaakso, „ist es viel netter, unterirdisch zu arbeiten oder dort seinen Kaffee zu trinken. Man muß dann nicht raus in den Regen oder die Kälte.“

Um Menschen dazu zu bringen, längere Zeit in der Tiefe zu verbringen, müssen allerdings einige Ängste und Phobien behoben werden. „Unterirdisch“ wird meist assoziiert mit einer dunklen, engen, höhlenartigen Umgebung und der Gefahr, lebendig begraben zu werden. Bei dem mexikanischen Earthscraper beispielsweise soll das Problem durch einen weiten, offenen Raum in der Mitte und viel Licht von oben gelöst werden.

Gunnar Jenssen, der sich für die skandinavische Forschungseinrichtung SINTEF mit der Psychologie und Gestaltung von Räumen im Untergrund befasst, hat am Bau von vier der längsten Straßentunnel der Welt mitgewirkt. Um in der Tunnelröhre eine Illusion von Raum zu schaffen, hat er in den Tunnels beleuchtete Oasen mit Palmen und einen Pseudo-Himmel entlang der Fahrtstrecke einrichten lassen. „Man hat das Gefühl, draußen zu sein“, so Jenssen, „auch wenn man 1000 Meter unter Tage ist und sich durch einen Berg bewegt.“

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Und hier noch wie immer der Tweet der Woche: