Peter-Glaser-Kolumne Kein Platz für Öffentlichkeit

Facebook und Konsorten fühlen sich an wie ein öffentlicher Raum - sind es aber nicht. Foto: dpa
Facebook und Konsorten fühlen sich an wie ein öffentlicher Raum - sind es aber nicht. Foto: dpa

Auch wenn viele mitmachen: soziale Netzwerke wie Facebook und Google+ gehören Unternehmen, die darin ihr Hausrecht ausüben.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Im Netz entstehen immer wieder riesige Schneekugeln. Bereiche, die zwar transparent, aber geschlossen sind. Sonderwelten wie AOL oder Second Life. Oder iTunes. Oder Google+ und Facebook. Es geht sozusagen um Reisefreiheit im Netz. Die Freiheit der Wege wird auf verschiedenen Ebenen bedroht. Firmen wollen die Netzneutralität aufheben, also bestimmte Datenstrecken bevorzugen und dafür Wegezoll verlangen. Aber schon seit der Einführung kommerzieller Internetprovider in den neunziger Jahren läuft der Datenverkehr nicht mehr so uneingezäunt wie in der digitalen Prärie der frühen Jahre, als sich IP-Päckchen ihre Wege durchs Netz frei suchen konnten. Heute treffen Provider sogenannte Peering-Vereinbarungen, um den Datenverkehr des jeweils anderen durchzuleiten - was bei gleichrangigen Anbietern ohne Ausgleichszahlungen funktioniert. Kleinere Konkurrenten dagegen müssen schon heute bezahlen.

Auf einer anderen Ebene geht es zur Frage der digitalen Identität hoch her. Die Leute von Google verlangten bis vor Kurzem, dass die Nutzer des sozialen Netzes Google+ ihren Klarnamen angeben. Das gab nicht nur Probleme bei Künstlernamen und Pseudonymen, unter denen Blogger sich im Netz einen Namen gemacht haben. Natürlich muss es auch im Netz Freiräume geben, in denen man sich ungefiltert äußern kann, ohne dass man gleich befürchten muss, deshalb seinen Job zu verlieren.

Eine beispiellose Privatisierung von Öffentlichkeit

Die eigentliche Illusion aber besteht darin, dass es sich bei Facebook und Konsorten um öffentlichen Raum handle. Es sind Unternehmensbereiche, die sich vielleicht anfühlen wie öffentlicher Raum, in denen aber das Hausrecht des Betreibers gilt. Was sich nun mit den sozialen Netzen vollzieht, ist eine bislang beispiellose Privatisierung von Öffentlichkeit.

So wie in diesem Beispiel aus Japan: Die meisten U-Bahn-Linien in Tokio werden von Privatunternehmen betrieben. Einem davon gehört auch ein großes Einkaufszentrum in einem der Bahnhöfe. Da man die Bahnhöfe nur mit einem gültigen Ticket betreten kann, bedeutet das: ohne Fahrkarte darf niemand ins Einkaufszentrum. Öffentlicher Raum, der bis vor Kurzem als eine Domäne sozialer Gemeinschaftlichkeit angesehen wurde, wird in der realen wie auch in der digitalen Welt in zunehmendem Maß wirtschaftlichen Interessen untergeordnet.

Es gibt im Netz keine Entsprechung dessen, was wir als Öffentlichkeit wahrnehmen. Es gibt keine öffentlichen Plätze und Straßen, keine Townhalls, keine Stufen vor der Akademie. Wird die Öffentlichkeit zum Kellerkind, das sich in den Souterrains von Kommentarfeldern herumdrückt, in denen es nach Rattengift und Irrwitz riecht? Wenn ich mir vorstelle, wie ein nachgereichter, staatlicherseits eingerichteter öffentlicher Raum im Netz aussehen könnte, befällt mich alles andere als Zuversicht. Was tun? Wie können zuverlässig öffentliche Orte - Public Domains - im Netz aussehen?

E-Mail an den Autor: p.glaser@stz.zgs.de

Hier geht es zu Peter Glasers Blog Glaserei

Unsere Empfehlung für Sie