Peter Handkes neues Buch „Die Obstdiebin“ Stachel im Fleisch

In Peter Handkes Welt: Szene aus dem Filmporträt „Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte...“ Foto: Verleih
In Peter Handkes Welt: Szene aus dem Filmporträt „Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte...“ Foto: Verleih

Peter Handke geht mit der „Obstdiebin“ noch einmal auf große Fahrt. Sein letztes Epos handelt von einer Reise vom Rand ins Innere. Der eigentliche Held ist der Leser.

Kultur: Stefan Kister (kir)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Vor einigen Wochen hat Peter Handke, der am 6. Dezember seinen 75. Geburtstag feiert, seine Tagebücher dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach überlassen. Da harrt dieses verwunschene Reich aus Gedankenblitzen, Notizen und Gekritzel nun darauf, erschlossen zu werden. Durch die abgegriffenen Hefte ziehen sich Spuren eines gelebten Lebens, die sich in einem Lebenswerk weiter verfolgen lassen, das sich in seiner Eigenart immer konsequenter und konzentrierter bekundet. Wer in den jüngsten Tagebuch-Aufzeichnungen oder in dem daraus zusammengestellten Band „Vor der Baumschattenwand nachts“ blättert, stößt immer wieder auf Notate, die um ein „Letztes Epos“ kreisen: „Das ‚Letzte Epos‘ anheben lassen mit einem staubigen Schuhlöffel“, ist da zu lesen. Oder: „,Letztes Epos‘: die junge Geherin an der Außenlinie.“ Nun liegt es vor: Aus der jungen Geherin ist die titelgebende „Obstdiebin“ geworden und aus dem staubigen Schuhlöffel ein Bienenstich in den nackten Fuß des Erzählers an einem Mittsommertag, den der so Aufgestachelte als ein Zeichen nimmt: „Die Stunde des Aufbruchs, sie ist gekommen.“

Einem neuen Buch von Peter Handkeblickt man mit gemischten Gefühlen entgegen: der Furcht vor Verstiegenheit, aber auch der Hoffnung, über die polierten Absehbarkeiten literarischer Dutzendware erhoben zu werden und auf etwas zu stoßen, das auch im eigenen Leben Epoche machen würde, wie es bei manchen seiner literarischen Ausfahrten zuvor der Fall war. Zuletzt aber sind Handkes Wege immer verwinkelter oder krummer geworden, und sie verlangen dem Leser einiges an Ausdauer, Zähigkeit und im schlimmsten Fall sogar Gefolgschaft ab – weshalb einige es vorziehen, nach eigenem Gutdünken durch die Erlebnis- und Ideenwildnis der Journale zu pirschen als dem langen, steinigen Weg durch die Sierra de Gredos zu folgen, den Handkes letzte große Erzählung „Der Bildverlust“ beschritten hat. Und wer den allegorischen Bewusstseinsabenteuern einer ihre Geschäftigkeit hinter sich lassenden Bankfrau nicht standhalten konnte, wird auch dieses letzte Epos kaum überstehen.

Denn diese Obstdiebin ist in jeder Hinsicht die Tochter jener Finanzexpertin. Und wollte man die Geschichte dieses neuen Werks vom unmarkantesten Punkt her aufzäumen, einer Handlung oder dergleichen, hätte man sie mit dieser Auskunft schon beinahe erschöpft: eine streunende Obstdiebin sucht ihre Mutter.

Tanzende Schmetterlinge

Nein, dieses Epos besteht nicht aus einer Folge von Ereignissen. Was geschieht, ruft der Betrachter selbst ins Leben: komische Nachbarschaftsverhältnisse, Frauen im Zug, verschleiert oder mit Masken der Gleichgültigkeit, tanzende Schmetterlinge und Nomaden von heute, denen der algerische Wirt einer Bar vorführt, wie lange er auf einem Bein stehen kann. Hier wird nicht nacherzählt, sondern vorerzählt. Und untermalt vom Rauschen der Gegenwart, dem nachhallenden Terror, der Frankreich heimgesucht hat, ersteht die Wirklichkeit neu als ein Sinnzusammenhang aus Zufall, Natur und Reflexion. Aber wer würde sich noch zutrauen, so etwas zu stiften? Nur ein Narr oder ein Held. Und genau zwischen beiden hält sich der Erzähler auf, der zu Beginn seines Romans aufbricht: von den Pariser Rändern in die Picardie, „in ein Landesinnere wie nur je eines“.

Wacker dichtet er die Geringfügigkeiten des Lebens um zu unerhörten Begebenheiten. Und damit wäre man schon mitten in einem Epos: Wo sonst als hier finden reine Toren, unterwegs ins Offene einer abenteuerlichen Welt, ihre Bestimmung? Auf seinem Weg begegnet er merkwürdigen Figuren wie jenem Clochard, bei dem sich der – nach allem, was man weiß – mit Peter Handke ziemlich identische Erzähler nach der Obstdiebin erkundigt, einer jungen Frau, „weder klein noch groß, weder dick noch dünn, weder weiß noch schwarz“. Der Clochard gerät daraufhin selbst ins Erzählen und berichtet, wie er einmal mit einer Schlange im Hemd durch Afrika getrampt sei. Auch als die Obstdiebin endlich gefunden ist, bilden die Erzählungen Begegnender das Rückgrat dieser Geschichte ohne Handlung: Mit einem lebensmüden marokkanischen Pizza-Ausfahrer teilt die ruhelose Titelfigur ein Stück des Wegs – und der Erzähler das Schicksal der Elternlosigkeit: „Wir Elternlosen werden’s euch noch zeigen, wartet nur. Wir, wir sind die Welt. Wir sind die künftigen Weltkönige. Und wo heute das Unheil herrscht, wird morgen von uns Mutter- und Vaterentledigten das Heil ausgehen.“ Die Drohung, die in dieser Ankündigung liegt, wird die Obstdiebin später tanzend entschärfen.

Auf der anderen Seite der Wirklichkeit

Auf einen Zwischenton von Kauzigkeit und Erlösertum sind diese Predigten gestimmt. In kindlichem Ernst und heiliger Einfalt rankt sich die Erzählung immer dichter und undurchdringlicher ins Quellgebiet des Flüsschens Viosne. Ein Zaubergarten aus Handke-Motiven, hintergründigen Heimlichkeiten, Zwischenräumen. Und weil zu jedem Epos schwierigste Bewährungsproben gehören, muss endlich auch die Rede auf den wahren Helden der Geschichte kommen. Es ist der Leser, der bisweilen völlig verzagt durchs Dickicht der Erzählung irrt, immer wieder versucht, das Buch an die Wand zu werfen und dem Ganzen ein Ende zu machen. In gewisser Hinsicht ergeht es auch den Weggefährten so, der Obstdiebin und dem Pizza-Boten. Doch „umzukehren, gar das Unternehmen aufzugeben: undenkbar. Dieses wild verflochtene Quellgebiet galt es zu durchqueren. Etwas anderes kam nicht in Frage. Und daß die Durchquerung dauerte, und dauerte, gehörte sich.“ Doch irgendwann lichtet sich der Blätterwald.

Sei es die Genugtuung, dabei geblieben zu sein, sei es die Duldsamkeit der Erschöpfung, sei es, dass das Wasser der Viosne eine Wirkung übt wie Drachenblut: Plötzlich glaubt man, die Figuren zu verstehen, plötzlich reimt sich die Erzählung wie Licht auf Gesicht, Heldin auf Sinn. Und man findet sich mit der Obstdiebin auf der anderen Seite der Wirklichkeit wieder, einer Welt, „in der alles war, was es war.

Der Ast, der hin und her schwang, war nichts als ein Ast, der schwang im Hochlandwind. Der Kleiderfetzen, der über die Stoppelfelder wehte, ging sie nichts an. Der Schuh im Straßengraben war ein Schuh im Straßengraben. Und das jetzt ist das, und das jetzt das, und so fort.“ Am Ende mündet die „Obstdiebin“ in ein Fest der Versöhnung, in dem die Dinge und die Zeichen wieder zusammenfinden wie die Eltern und das Kind, das Leiden und das Glück. Und man kann nicht anders, als dieses Buch als ein einziges großes Abenteuer zu empfinden, eingedenk aller Schrecken und Ungeheuerlichkeiten, die zu einem Epos gehören.




Unsere Empfehlung für Sie