InterviewPeter Hensinger, der Kämpfer gegen Mobilfunk Zellen statt Masten

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Wie könnte man die Strahlenbelastung senken?
Statt der herkömmlichen Mobilfunkmasten benötigen wir viele kleine Zellen, damit die Funkstrecke so kurz wie möglich gehalten wird. Im Schweizer St. Gallen steht den Bürgern im Innenstadtbereich seit drei Jahren ein solches alternatives Mobilfunkangebot zur Verfügung. Die maximale Strahlenbelastung ist dadurch extrem gesunken, und zwar sowohl im näheren Umfeld der Sendeanlagen als auch an den End­geräten, also den Handys oder Smartphones. Dennoch wurde die Datenkapazität erhöht.
Warum macht man das dann nicht auch in Stuttgart?
In den Haushaltsberatungen haben die Fraktionen der Grünen und SÖS-Linke-Plus, denen ich beratend zur Seite stehe, beantragt, in zwei Stadtteilen ein solches Pilotprojekt zu starten. Absurd ist, dass die Mikrozellentechnik bei Alcatel in Stuttgart entwickelt wurde und nun nicht hier, sondern in St. Gallen angewandt wird. Unter dem Ex-OB Schuster, heute Vorsitzender der Telekom-Stiftung, wurde es in dieser Stadt den Anbietern des konventionellen Mobilfunks zu leicht gemacht. Eine Folge davon ist, dass wir an unserem vermeintlichen Hightech-Standort noch immer kein flächendeckendes Glasfasernetz haben. Nur dadurch könnte der noch immer stark wachsende Datenverkehr bewältigt werden.
Zu dieser Datenflut tragen mittlerweile auch Kinder bei. Viele Eltern befürchten, dass ihre Töchter und Söhne den Anschluss verpassen, wenn sie nicht möglichst früh mit Smartphone, Tablet und Laptop vertraut gemacht werden, sie halten das für eine Schlüsselqualifikation.
Medienwissenschaftler und Gehirnforscher haben nachgewiesen, dass diese These falsch ist. In Wahrheit ist die Konzentration von Kindern und Jugendlichen auf diese Geräte schädlich für ihre Entwicklung, weil sie nur die Augen und die Ohren ansprechen. Für die Reifung des Gehirns sind viele andere Sinneswahrnehmungen ebenfalls nötig: schmecken, riechen, tasten oder alles, was mit Bewegung zu tun hat. Wenn die Heranwachsenden nur noch auf ihren Smartphones rumtippen, kommt zudem die natürliche Kommunikation zu kurz: miteinander sprechen, streiten, Gefühle zeigen. Kinder brauchen eine Verwurzelung in der Realität, bevor sie der Virtualität ausgesetzt sind. Nur durch den Kontakt zur Natur und zu anderen Menschen erwerben sie die Kompetenzen, die man im realen Leben benötigt. Durch die digitalen Medien verlieren Kinder die Fähigkeit, eigenständig Wissen zu erwerben, denn ein von Google gesteuerter Rechner erklärt ihnen ja, wie die Welt funktioniert.
Kann man nicht parallel den Kindern Natur- und Sozialerfahrungen ermöglichen und ihnen den Umgang mit den Neuen Medien näherbringen?
Dieser Gedanke klingt gut, scheitert aber in der Praxis, weil die digitalen Medien die Zeit auffressen. Junge Menschen gebrauchen heute im Schnitt 150-mal am Tag ihr Smartphone, man kann also von einer kollektiven Sucht sprechen. Sie sind mit ihrem Smartphone quasi verwachsen, es lenkt und fesselt sie. Um alle Aufgaben bewältigen zu können, ist der Ausweg Multitasking: Hausaufgaben machen, nebenher twittern, WhatsApp beantworten, Liken, Musik streamen, Youtube-Videos schauen . . . Die permanente Mediennutzung ist ein Stressor. Die meisten Jugendlichen ziehen reflexhaft ihr Smartphone aus der Tasche, wenn sie nichts weiter zu tun haben. Momente der Langeweile, des Sinnierens – also über den Sinn reflektieren, oft eine Quelle neuer Ideen – werden verdrängt. Selbst die Schulpause, bei der früher im Hof gespielt wurde, verwandelt sich zur Smartphone-Time. Ich rate allen Eltern, das Buch „Digitale Demenz“ von Professor Spitzer zu lesen, das gibt den besten Forschungsüberblick.
Was müssten wir aus Spitzers wissenschaftlichen Erkenntnissen schlussfolgern?
Wir benötigen für Kinder und Jugendliche eine Erziehung zur Medienmündigkeit, ein spezielles Datenschutzgesetz und auch eine Schutz­regelung, die dafür sorgt, dass die Strahlenbelastung für Heranwachsende minimiert wird. Und wir brauchen mindestens bis zur Grundschule digitalfreie Zonen, damit Kinder Lernerfahrungen machen, die zu ihrer kognitiven Entwicklung passen. Von dem 12. Lebensjahr an können die digitalen Medien als Hilfsmittel im Unterricht eingeführt werden. Die Schüler müssen neben deren Nutzen aber auch die Risiken kennenlernen. Nur so kann gewährleistet werden, dass die junge Generation nicht von diesen Medien manipuliert wird.

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