Peter Mackowiack aus Stuttgart 443000 Streichholzschachteln – „Irgendwann kann man nicht mehr anders“

Der Stuttgarter Peter Mackowiack hat eine Streichholzschachtel-Sammlung zu Hause, die ihresgleichen sucht. Foto: LICHTGUT/Stefanie Bacher

Als Kind hat Peter Mackowiack begonnen, Streichholzschachteln zu sammeln. Heute hat er Hunderttausende. Sie erzählen Stuttgarter Geschichten – vom Fernsehturm, von Kodak oder Waldbaur.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

Angefangen hat es mit seinem Vater. Der rauchte am laufenden Band. Also lagen in Peter Mackowiacks Elternhaus in seiner Kindheit in den 1960er Jahren überall Streichholzschachteln herum. „Ich mochte die bunten Bilder darauf.“ Der Siebenjährige begann, sie zu sammeln.

 

So fing es an – und 443000 Streichholzschachteln und -briefchen später ist es noch nicht zu Ende. So viele ungefähr lagern in zwei Zimmern der Wohnung des 65-Jährigen in Heumaden, in seiner Garage und im Keller. Verstaut hat Peter Mackowiack sie in 132 großen farbenfrohen Kisten, säuberlich beschriftet. „Theater“ steht darauf, „Buch & Verlage“ oder „DDR“.

Sammlung zeugt von einem Stuttgart, das es nicht mehr gibt

In den Kisten mit der Aufschrift „Stuttgart“ finden sich echte Raritäten: Streichholzbriefchen von Geschäften und Firmen, die es längst nicht mehr gibt. Von Radio Barth zum Beispiel, dem Radio- und Photohaus Lerche, dem Schokoladenhersteller Waldbaur oder dem Weltunternehmen Kodak, das einst seine berühmten Kameras in Wangen produzierte. Eine Streichholzschachtel mit bunter Blechhülle aus dem Jahr 1933 – Werbung für das Deutsche Turnfest, das im Sommer der NS-Machtübernahme in Stuttgart stattfand. Zwei dekorative Packungen für lange Streichhölzer, auf beiden ist der Stuttgarter Fernsehturm abgebildet. Nur misst er einmal 211 Meter, auf dem anderen Bild sind 217 Meter notiert – die zweite Packung stammt aus der Zeit nach der Erhöhung des Sendemasts im Jahr 1965. In der Tat ist der Turm knapp 217 Meter hoch.

„Zeitgeschichte auf wenigen Quadratzentimetern“, nennt Mackowiack, der als Kommunikationsberater Holzbauverbände beim Marketing berät, seine Streichholzschachteln. Immer wieder inspirieren sie ihn, zu recherchieren, tief in die Geschichte eines Unternehmens, eines Ortes, einer Veranstaltung einzusteigen. Seine Erfahrung: „Es gibt nichts, was nicht auf eine Streichholzschachtel gedruckt wird“ – und sei es noch so kurios. Ein Foto von an Haken hängenden Schweinehälften zum Beispiel. Makabre Reklame für ein Stuttgarter Schlachthaus. Oder eine Schachtel in Form eines Zäpfchens – Werbung für ein Schmerzmittel.

Werbung auf Streichholzbriefchen wird weniger

„Auf der Jagd“ ist der 65-Jährige eigentlich immer. „Irgendwann kann man gar nicht mehr anders.“ Mal staubt er bei einem Friseur ein Riesenstreichholzbriefchen mit 80er-Jahre-Frisuren ab, einst ein Werbegeschenk. Oder er ergattert ein 1,50 Meter hohes Streichholz aus der Schaufensterdeko eines Optikers. Dass Geschäfte, Restaurants oder Kneipen Werbung auf Streichholzbriefchen machen, wird aber immer seltener. Immer weniger Menschen rauchen, das weitgehende Rauchverbot in der Gastronomie tat sein Übriges.

Peter Mackowiack ist Mitglied bei der Deutschen Phillumenistischen Gesellschaft. Für sie bringt er vier Mal im Jahr die Vereinszeitschrift „Alte Schachtel“ heraus, die rund 150 Mitglieder („die meisten um die 70 und davon nur eine Frau“) treffen sich auch zum Tauschen. Hier hat der Stuttgarter auch das wahrscheinlich wertvollste Stück seiner Sammlung erstanden: Eine Schachtel aus dem Jahr 1846 für 74 Euro. Erst um 1830 wurden Streichhölzer erfunden.

Stuttgarter Discolegenden: Streichholzbriefchen vom Oz und der Boa. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Besonders feuergefährlich ist Mackowiacks Sammlung übrigens nicht. Denn schon seit den 1850er Jahren gibt es sogenannte Sicherheitsstreichhölzer: Auf dem Zündholz befindet sich Schwefel, die Reibefläche der Schachtel ist mit rotem Phosphor beschichtet. Erst wenn man das Hölzchen darüber reibt, entzündet der Phosphor den Schwefel – und eine Flamme entsteht.

Es gab eine Zeit, da lagen die Streichhölzer bei seinen Eltern in Frankfurt am Main im Keller. „Als Jugendlicher und Student habe ich mich überhaupt nicht mehr dafür interessiert.“ Irgendwann rief seine Mutter an und sagte: „Was machen wir denn mit deinen ganzen Schachteln?“ Peter Mackowiack holte sie ab – und fing wieder an zu sammeln.

Das Stuttgarter Stadtpalais hat zugeschlagen

Wenn er heute nach einem stressigen Tag aus dem Büro kommt und dann noch etwas in seiner Sammlung umsortiert, ist das „die totale Entspannung, man kann sich aber auch ruckzuck darin verlieren“. Deshalb gilt es nicht zu übertreiben: Zwei Stunden in 14 Tagen, schätzt er, investiert Peter Mackowiack in seine Sammlung. Seine Frau nimmt’s gelassen. „Sie sagt höchstens zu mir: „Hier machst aber du sauber.“ Die Mackowiacks kochen gerne. Schon ein paar Mal haben sie das mit einer Mini-Streichholz-Ausstellung für Freunde verbunden. Peter Mackowiack sucht ein Thema aus – Essen und Trinken zum Beispiel oder Kino – und arrangiert dann die entsprechenden Schachteln wie kleine Museumsexponate.

300 seiner Stuttgarter „Filetstücke“ hat Peter Mackowiack vor ein paar Jahren dem Stadtpalais überlassen, dem Museum für Stadtgeschichte am Charlottenplatz. „Ich muss mich verkleinern“, sagt der Heumadener, „und irgendwann sollte ich mich auch ganz trennen.“ Aber seine Schachteln einfach in den Müll schmeißen, „das würde ich nichts übers Herz bringen“.

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