InterviewPeter Maffay: Neues Album zum 70. „Musik hat viel mit Politik zu tun“

Von Steffen Rüth 

„Jetzt!“ heißt prägnant das neue Album von Peter Maffay, das pünktlich zum siebzigsten Geburtstag des Musikers an diesem Freitag erscheint. Was soll man groß sagen: Es klingt verdammt lebendig!

„Jungsein ist für mich keine Frage des Alters, sondern der Einstellung“, sagt Peter Maffay, der am 30. August siebzig wird. Foto: dpa
„Jungsein ist für mich keine Frage des Alters, sondern der Einstellung“, sagt Peter Maffay, der am 30. August siebzig wird. Foto: dpa

Stuttgart - „Jetzt!“ heißt prägnant das neue Album von Peter Maffay, das pünktlich zum siebzigsten Geburtstag des Musikers an diesem Freitag erscheint. Was soll man groß sagen: Es klingt verdammt lebendig! Zwar zitiert der gebürtige Rumäne im Song „Für immer jung“ viele der eigenen Titel aus den vergangenen fünf Jahrzehnten, eine Retro-Veranstaltung ist „Jetzt!“ aber sicher nicht. Vielmehr spannen die Songs einen zeitgemäßen Bogen von der Ballade („100.000 Stunden“) über ein Glaubensbekenntnis an Gott („Größer als wir“) bis zum philosophischen „1000 Wege“. Zum Gespräch trafen wir den Musiker in den „Hansa Studios“ am Potsdamer Platz in Berlin.

Herr Maffay, war es mal wieder Zeit für Lederjackenmusik?

Absolut. Und es wurde Zeit! Wir haben das letzte Rock’n’Roll-Album „Wenn das so ist“ vor fünf Jahren gemacht. Dann kamen „Tabaluga“ und „MTV Unplugged“. „Jetzt!“ ist, abgesehen von einigen schönen Balladen, schon recht kantig und deswegen auch interessant zu spielen. Ich übe gerade und merke, dass ich die Songs wirklich alle sehr gern interpretiere.

„Jetzt!“ ist ein ziemlich ernstes Album. Das Video zu „Morgen“ könnte mit seinen Schreckensbildern zarten Gemütern geradezu Angst machen.

Die Realität macht noch mehr Angst. Weil man ja weiß, dass die 25 oder 30 Situationen aus dem Video locker durch tausend andere ebenso entsetzliche, reale Szenen ersetzt werden könnten. Am Anfang haben einige gesagt, so weit könne man nicht gehen. Und ich: „In der Wirklichkeit dann schon?“ Steckt man den Kopf in den Sand und tut so, als gäbe es das nicht? Wir hier im relativ geschützten Europa haben noch gar nicht richtig erspürt, was draußen in der Welt passiert. Das ist zum Teil viel, viel heftiger, als wir uns das vorstellen können. Als Vater von zwei Kindern wird mir mulmig. Was kann man tun, um die Zukunft der Kinder abzusichern? Man muss versuchen, einen globalen Konsens zu finden. Aber wir wissen, dass das gerade nicht stattfindet.

Im Gegenteil.

Genau. Diese Schere ist das Erschreckende. „Eiszeit“ ist 1982 entstanden, in dem Lied geht es um atomare Bedrohung. Wo sind wir heute mit Trump, den Iranern, den Nordkoreanern und den Russen? Nicht viel weiter. Oder doch: Heute stehen wir am Abgrund, und morgen sind wir schon einen Schritt weiter.

Sind Sie Pessimist?

Nein, das kann ich mir nicht leisten. Mein Sohn will keinen Pessimisten als Vater. Meine kleine Tochter kann es noch nicht erfassen, aber in ein paar Jahren wird sie vielleicht sagen „Willst du wieder warten, bis der Morgen kommt?“ Mir rennt die Zeit davon, uns rennt die Zeit davon. Ich glaube immer noch, dass es Möglichkeiten gibt, einige Entwicklungen zu reparieren, andere auch komplett zum Guten zu wenden. Doch, und das ist ja der Hintergrund des Liedes, dann müssen wir jetzt was tun – nicht morgen.

Sind Sie als Vater entspannter geworden?

Das glaube ich schon. Weil vieles, worauf ich Zeit verwandt habe, erledigt ist. Im Grunde genommen entsteht da ein Freiraum, den ich gern mit den beiden ausfülle. Die Kinder haben so viel Power, die inspirieren mich extrem.

Würden Sie gerne wissen, wie Ihr Lebensweg weiter verläuft?

In mancher Hinsicht wohl. Wenn ich wüsste, auf welchem Weg zum Beispiel Gesundheit zu finden ist, oder Kraft, Zuversicht und Hoffnung, dann würde ich diesen Weg nehmen. Ich kann nur hoffen, dass auf dem Weg, für den ich mich entscheide, diese Qualitäten liegen. Wenn irgendwo ein Schild stünde „Langes Leben“, dann würde ich den Weg wählen. Auf der anderen Seite: Wenn ich das Ergebnis bereits kennen würde, würde ich mich nicht mehr so anstrengen. Den Weg nicht zu kennen, ist also auch ein Ansporn. Also mache ich ordentlich Liegestützen und Kniebeugen (lacht).

Ihre Partnerin kommt aus Halle an der Saale. Hat das Ihren Blick auf Ostdeutschland geschärft?

Mit den ewigen Argumenten, dass der Osten dem Westen hinterherhinke und die Gleichheit nicht da sei, finde ich, muss man aufhören. Es gibt andere Brennpunkte: der Radikalismus, der überall Fuß fasst; die Isolation, in die sich manche flüchten; der europäische Gedanke, der auseinanderzubrechen droht, weil Politiker teilweise nur ihren persönlichen Vorteil und nicht den der Gesamtheit im Blick haben. Das muss man erkennen, gegensteuern und zuversichtlich bleiben, dass wir die Kurve kriegen.

Sie wären auch ein guter Bundespräsident.

Ach nein, das ist nichts für mich. Ich bewundere die Menschen in der Politik, wie sie gegen Windmühlen und Gummiwände ankämpfen. Wir haben gute Politiker. Meine Erfahrung ist, dass viele durch unser System ausgebremst werden, in dem es um Meinungsführerschaft und um maximale Aufmerksamkeit geht Du hast einen guten Ansatz, eine gute Meinung, und sofort kommt einer daher und zersägt deine Ideen Am Ende kommt davon nur noch ein Bruchteil an, wenn überhaupt. Und weil das so mühselig ist, habe ich keinen Bock drauf. Ich mache Musik, da kann ich in fünf Minuten Dampf ablassen. Und im Grunde gehen wir ähnlich wie andere, die in der Gesellschaft arbeiten, raus in die Öffentlichkeit, multiplizieren Meinungen und Impulse und versuchen eine Mehrheit zu finden für einen guten Gedanken. Udo Lindenberg, Rock gegen rechts, das sind alles Ansätze, die mit Politik sehr viel zu tun haben. Vielleicht sind wir ja doch nur eine andere Art von Politikern.




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