Pfaffensteigtunnel in Leinfelden So will die Stadt von der Tunnelwärme profitieren

Die Bahn verfolgt ihre Pfaffensteigtunnel-Pläne mit Nachdruck. Das zeigt sich nicht nur an den Probebohrungen in Leinfelden. Foto: / Fritzsche

50 Meter tief im Untergrund von Leinfelden sollen die Züge einmal durch den Pfaffensteigtunnel rauschen. Stadtwerke und Bahn überlegen, dessen Wärme anzuzapfen und so die beiden Kant-Schulen zu versorgen. Was genau steckt dahinter?

Filderzeitung: Natalie Kanter (nak)

Ob der Pfaffensteigtunnel tatsächlich gebaut wird, ist zwar noch nicht klar. Die Deutsche Bahn verfolgt die Pläne für den rund elf Kilometer langen Tunnel, der die Gäubahnstrecke bei Böblingen mit dem neuen Fern- und Regionalbahnhof am Flughafen verbinden soll, aber mit Nachdruck. Das wird auch daran deutlich, dass Vertreter der Deutschen Bahn und des Unternehmens Züblin mit Peter Friedrich, dem Stadtwerkechef von Leinfelden-Echterdingen, schon seit einem guten Jahr darüber Gespräche führen, ob der Tunnel nicht auch für die Wärmeversorgung der Stadt genutzt werden kann. Über die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit wurde nun im Gemeinderat gesprochen.

 

„Auf dem Weg zur Klimaneutralität sind wir als Stadt auf sämtliche Wärmequellen angewiesen“, sagte Bürgermeister Benjamin Dihm. Peter Friedrich erklärte: „Die Kommune ist bereits an mehreren Stellen im Stadtgebiet dabei, Wärmenetze aufzubauen, um die Transformation hinzubekommen.“ Gerade öffentliche Gebäude sollen künftig umweltfreundlich versorgt werden. Weil die Kommune auf ihrer Gemarkung weder Flüsse, noch Meere, noch Müllheizkraftwerke habe, die als Wärmequellen dienen könnten, gleichzeitig aber einen sehr hohen Wärmebedarf habe, setze die Stadt auf Geothermie. Dabei sei man auf die Idee gekommen, auch den Pfaffensteigtunnel dafür zu nutzen.

Der Tunnel wird laut den aktuellen Planungen 50 Meter tief im Untergrund von Leinfelden – genau genommen unter dem Friedhof, unter der Filderhalle, unter dem Leinfelder Stadtpark und unter den beiden Kant-Schulen – verlaufen. Bleibt das so, könnten insbesondere das Immanuel-Kant-Gymnasium und die Immanuel-Kant-Realschule von der Tunnelwärme profitieren. Denn just unter deren Schulhof soll das sogenannte Verbindungsbauwerk 12 des Tunnels entstehen. An dieser Stelle könnte also die Wärme aus dem Tunnel zutage transportiert werden, wie Wolf Friedemann, geothermischer Tunnelbauexperte der Züblin AG, erklärte. Auf dem Schulhof würde dann voraussichtlich eine Art Schacht entstehen, erklärt Peter Friedrich auf Nachfrage. Ansonsten sei von der Wärmeentnahme, die in einem geschlossenen System passiere, dort nichts zu bemerken.

Die Bahn hat auf eigene Kosten untersuchen lassen, ob man genug Energie aus dem Tunnel gewinnen könne. Die technische Uni Darmstadt hat im Auftrag der Bahn eine Potenzialanalyse zur geothermischen Nutzung von geplanten Tunneln erstellt. Dabei wurde nicht nur der Pfaffensteigtunnel, sondern auch ein Projekt in Hamburg untersucht. Für diese Berechnung wurde der Untergrund angeschaut und ein Wärmeentzug für den Winter sowie für den Sommer simuliert. Das Ergebnis der Studie: „Es besteht ein Potenzial zur Wärmegewinnung aus dem Pfaffensteigtunnel“, sagte Thomas Berner, technischer Teamleiter Gäubahnausbau Nord der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH.

Wie eine Fußbodenheizung – nur umgekehrt

580 Watt pro laufender Meter Tunnel könnte im Winter aus dem Untergrund gezogen werden. Die Geothermie-Anlage müsste dafür eine Länge von etwa 420 Metern haben. Entsprechende Leitungen würden in die Fertigbauteile des Tunnels eingebaut. Das Ganze funktioniere „ähnlich wie eine Fußbodenheizung – nur eben rückwärts“, erklärte Thomas Berner.

Die Planer rechnen mit 3500 bis 4800 Euro je KW. Das Projekt könnte laut Peter Friedrich eine Investition in Millionenhöhe werden. „Die Stadt und die Stadtwerke haben dieses Geld im Moment nicht“, sagt er unserer Zeitung. Das Ganze steht und fällt also damit, ob die Kommune Fördermittel für das Projekt an Land ziehen kann. Friedrich denkt da insbesondere an Mittel aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundes. Bis Mitte dieses Jahres muss sich der Gemeinderat von Leinfelden-Echterdingen über eine Risikoabwägung beugen und entscheiden, ob er eine Wärmegewinnung aus dem Pfaffensteigtunnel grundsätzlich möchte und ob dafür die Planungskosten übernommen werden.

Wie die Idee ankommt

Zeitplan
Die Bahn möchte 2026 mit dem Bau beginnen. Der Tunnel „ist Teil des Bundesverkehrswegeplans und im vordringlichen Bedarf“, sagte Thomas Berner, Teamleiter bei der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH. „In diesem Jahr wollen wir die Finanzierung beantragen. Wir gehen davon aus, diese zu bekommen.“ Der Tunnel soll 2032 fertig sein.

Reaktionen
Stadträte der Grünen und der L. E. Bürger/DiB bezweifeln, dass der Tunnel so schnell kommt. Das Projekt sei teuer, das Planfeststellungsverfahren nicht abgeschlossen. Dennoch sei es gut, sich früh Gedanken zu machen. „Ich habe heute viele gute Nachrichten gehört“, sagte Wolfgang Haug (FDP). „Wir haben dann nicht nur einen Tunnel, sondern auch Wärme für unsere Schulen“, lobte Erich Klauser (SPD). „Das ist eine Chance, die wir nutzen sollten“, sagte Ilona Koch(CDU).

Weitere Themen