Anna Schimmel aus dem Ortenaukreis Pfarrerin – und Wochenendmutter

Pfarrerin und Wochenendmutter – das ist ein Spannungsfeld, an dem sich auch Anna Schimmel selbst lange abgearbeitet hat. Foto: Christoph Breithaupt

Vor sieben Jahren musste sich Anna Schimmel entscheiden: in Heidelberg bleiben und weiter mit der Tochter leben. Oder für eine neue Kirchengemeinde 135 Kilometer wegziehen. Sie entschied sich für Letzteres.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Im himmelblauen Pfarrhaus von Ichenheim sind viele Räume zu füllen. Im Erdgeschoss ein Wohnzimmer, fast schon ein kleiner Saal, das seine Flügeltüren zum Essbereich öffnet. Daneben die Küche, ein Gästeklo. Von der Diele führt die Treppe hoch zu vier weiteren Zimmern. Dazu kommen Bad, Abstellkammern, Büro, Keller, eine Wiese drum herum. Lebenstraum für jede Großfamilie, in den 60er Jahren erbaut.

 

Die Pfarrerin – Jeans, Pulli, die blonden Haare zum Alltags-Dutt gebunden – kommt mit eiligen Sneaker-Schritten zum Gesprächstermin. Gerade hatte sie noch Sitzung mit dem Team des Kindergartens, der gleich nebenan liegt. Drei Beerdigungen müssen in den nächsten Tagen vorbereitet werden, die nächste Predigt in der evangelischen Auferstehungskirche sowieso. Aber jetzt lässt sich Anna Schimmel auf den Sessel in ihrem Wohnzimmer fallen, über dessen Wände sich eine Lichterkette schlängelt, und sagt: „Dass ich mal die meiste Zeit allein in so einem großen Haus leben würde, hätte ich nicht gedacht!“ Und nach einer kurzen Pause, grinsend: „Wahrscheinlich hab ich deshalb zwei Hunde und vier Katzen.“

Die Tochter lebt 135 Kilometer entfernt

Anna Schimmel, 42 Jahre alt, ist seit 2016 Dorfpfarrerin der Emmausgemeinde Neuried im Ortenaukreis, zu der die Ortsteile Ichenheim, Dundenheim und Schutterzell gehören. Und sie ist eine Wochenendmutter. Ihre elfjährige Tochter lebt 135 Kilometer entfernt beim Vater, verbringt alle zwei Wochen den Samstag und Sonntag bei ihr. Pfarrerin und Wochenendmutter – das beschreibt, womit Anna Schimmels Leben aus- und erfüllt ist, und es beschreibt ein Spannungsfeld, an dem sich Menschen abarbeiten, lange Zeit auch Anna Schimmel selbst.

Denn erträumt hat sie es sich anders. 1981 in Bonn geboren, wächst Anna Schimmel in einer großen Familie auf. Alle sehr nah, alles sehr heile, sagt sie. Fünf Kinder, der Vater Jurist, die Mutter Hausfrau. Als das Mädchen drei Jahre alt ist, ziehen sie in ein Dorf bei Paris. Immer draußen mit Hunden und Katzen und Geschwistern. Abends zu siebt am Tisch, viel Chaos und Erzählen. So wollte sie es später auch einmal haben. Wobei: Hausfrau wie die Mutter, die eigentlich Schauspielerin werden wollte, war nicht ihr Plan. Anna Schimmel wollte arbeiten und Kinder haben. Nur eine zufriedene Mutter kann Glück weitergeben, ist sie überzeugt – auch nach all dem, was kommen sollte.

Sie heiraten, obwohl es nicht passt

Nach dem Abitur an der deutschen Schule studiert sie evangelische Theologie in Heidelberg, um „was mit Gott und Menschen“ zu machen. Sie lernt einen Mann kennen und wird bald ungeplant schwanger. 2012 kommt ihre Tochter zur Welt. Sie drängt den Vater zur Heirat, obwohl sie schon weiß, dass sie nicht zueinander passen. „Aber mir war völlig klar, dass das eben so gemacht wird.“

Nach zwei Jahren als Kleinfamilie und einer Paartherapie trennen sie sich. Die Tochter zieht zu ihr, ist oft auch beim Vater. Eine Babysitterin hilft, wenn in ihrer ersten Stelle in einer Kirchengemeinde nahe Heidelberg die Termine drängen. Eine anstrengende Zeit. Unter ihren Schäflein schwelen alte Konflikte, schwer zu löschen für eine Berufsanfängerin wie sie. Dazu kommen die Scham und die Trauer, der Tochter nicht dieselbe Kindheit bieten zu können, die sie hatte. „Das war groß“, sagt Anna Schimmel. Sie fragt sich damals auch: Wie kann ich noch von der Schönheit der Liebe erzählen, wenn Hochzeitspaare vor mir stehen? Was für eine Pfarrerin kann eine wie ich überhaupt sein?

Der Richter entscheidet, dass die Tochter bleiben muss

Fragen, die drängender werden, als der Streit mit ihrem Ex-Mann eskaliert. Anna Schimmel will die Stelle wechseln, sie bekommt das Pfarramt in Ichenheim angeboten. Dorfpfarrerin, das war genau ihr Ding. Aber der Vater ist dagegen, dass die Tochter mitgeht, er zieht vors Familiengericht. Der Richter lässt der Mutter zwar das Aufenthaltsbestimmungs- und Sorgerecht, urteilt aber, dass das Kind nicht umziehen darf.

Die Mutter muss sich entscheiden: Bleiben und das Kind behalten – oder gehen. Sie geht. „In der alten Stelle wäre ich kaputtgegangen“, sagt sie. Ein Jahr lang kämpft sie noch von Neuried aus weiter, aber auch die Berufung scheitert. Damals rennt sie manchmal mit den Hunden über die Wiesen und in den Wald und schreit ihren Gott an: „Willst du mich veräppeln!? Das kann doch nicht sein!“ Und wenn mal wieder jemand arglos fragt, wann die Tochter denn nun in den Ichenheimer Kindergarten käme, dann wirbelt wieder die Frage durch ihren Kopf: „Was denkt der jetzt bloß von mir?“

Das Leben ist unberechenbar wie ein trotzendes Kind

Anna Schimmel kämpft lange mit diesen eingebrannten Bildern, wie eine Familie, wie eine Mutter, eine Pfarrerin zu sein hat. Sie hat die Ereignisse und Gefühle für sich geordnet, Antworten gefunden: Gerade eine wie sie sollte doch Kirchenfrau sein. Eine, die erzählen kann, dass das Leben manchmal so unberechenbar, wütendmachend, liebenswert ist wie ein trotzendes Kind: „Ich möchte Vorbild in Ehrlichkeit sein – nicht in Heiligkeit.“ Wenn Anna Schimmel solche Sätze sagt, in ihrer sympathisch-engagierten, bisweilen ein wenig aufgeregten Art, klingt das nicht pastoral. Eher nach einer, die der jahrhundertealten Kirchensprache einen neuen Klang geben will.

So weit wie sie scheinen andere noch nicht zu sein. Eine Mutter, die ihr Kind verlässt – und sei es nur unter der Woche –, rührt an den moralischen Gewissheiten und biologischen Grundsätzen mancher, ist eine Figur, deren Lebensmodell in Zweifel gezogen werden kann, manchmal vielleicht auch ein bisschen neidisch macht. Kennt nicht fast jede Mutter diese unheimliche Fantasie, einfach durch die Tür zu gehen und nicht mehr wieder zu kommen?

„Du Widerliche“, schreiben manche

Seit sie beschlossen hat, in die Öffentlichkeit zu gehen, seit sie auf ihrem Instagram-Kanal, im Fernsehen und in Zeitungsartikeln ihre Familiengeschichte erzählt, muss sich Anna Schimmel vieles anhören. „Das ist doch keine Familie!“ – „Du hast eine gestörte Bindung zu deinem Kind!“ – „Du Widerliche.“ Solche Dinge schreiben die Leute in Kommentaren. Aber da sind auch die Frauen, Wochenendmütter wie sie, die sagen: „Danke.“ Auch in Ichenheim bekommt sie Zuspruch. Zwei Väter, in derselben Situation wie sie, hätten schon das Gespräch gesucht. „Auch die hadern ja oft mit ihrer Rolle“, sagt Anna Schimmel. Nur verurteilt würden sie dafür nicht in gleichem Maße wie Frauen. Als Pfarrerin ist sie schon von Berufs wegen eine, die um die Wirkmacht von Symbolen und Worten weiß. Sie hält Gottesdienste in Kneipen, tauft Menschen auf Wunsch in einem Weiher. In der Kirche lässt sie zum Segen schon mal Konfetti aus ihren Händen regnen. Sie geht eben ihre Wege, will zeigen, dass sie ein Frauenleben führt, das gleichwertig neben anderen stehen kann.

Montags bringt sie die Tochter direkt zur Schule

Ihre Tochter und sie hätten sich gut eingerichtet, sagst Anna Schimmel. Jeden zweiten Samstag holt sie das Mädchen ab, bringt es am Montag direkt zur Schule nach Heidelberg zurück. „Dann haben wir noch die Autofahrt zusammen zum Reden oder um gemeinsam ‚Die drei ???‘ zu hören.“ In den Ferien und an Feiertagen verbringen sie mehr Zeit zusammen in Ichenheim. Gehen in den Europa-Park, fahren auch mal zusammen auf die Konfi-Freizeit. Die Tochter hat drei gute Freundinnen im Dorf gefunden, die zum Übernachten kommen. Als sie kleiner war, spielte sie in der ersten Reihe der Kirchenbänke, während die Mutter am Altar die Messe las. „Mittlerweile schläft sie lieber aus“, sagt die Mutter. Das sei in Ordnung.

Noch ein Blick ins Kinderzimmer im ersten Stock des Pfarrhauses. Ein Schreibtisch steht hier. In den Regalen Stifte, Papiere, „Siedler von Catan“, zahllose Schleich-Tiere, die sich auf dem Teppich zu einem ganzen Zoo versammeln. Silvester wird die junge Besitzerin mit ihnen weiterspielen. Dann füllen Anna Schimmel und ihre Tochter zu zweit mühelos das ganze große Pfarrhaus aus.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Neuried Familie