PFC-Skandal in Mittelbaden Das hartnäckige Gift im Boden

Von red/dpa 

Es ist inzwischen eine schier unendliche Geschichte. Rund 400 Hektar Ackerboden in Mittelbaden sind mit PFC-Chemikalien verseucht. Das Zeug ist längst im Grundwasser, und längst haben sich die Landwirte Pragmatismus verordnet. Denn PFC ist kaum loszuwerden.

Der Landwirt Stefan Schneider steht an einer seiner Ackerflächen aus der er eine Bienenweide gemacht hat, da der Boden mit sogenannten per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) belastet ist. Foto: dpa
Der Landwirt Stefan Schneider steht an einer seiner Ackerflächen aus der er eine Bienenweide gemacht hat, da der Boden mit sogenannten per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) belastet ist. Foto: dpa

Baden-Baden/Rastatt - Den Feldern sieht man nichts an. Das Gras ist grün, der Weizen zum Teil abgeerntet, der Mais steht gut. Alles wie immer im Landkreis Rastatt und Baden-Baden? Ja und nein. Rund 400 Hektar Ackerland sind mit sogenannten per- und polyfluorierten Chemikalien (PFC) verseucht; auch im Grundwasser wurden sie nachgewiesen. Das Problem ist längst nicht neu, nur das Ausmaß weiter unklar und der Umgang damit in stetigem Wandel. „Erst wusste man nicht, wo das PFC war, dann wusste man nicht, wie hoch die Belastung ist“, formuliert es Stefan Schrempp, Bezirkgeschäftsführer Achern des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV). Und wer dafür verantwortlich ist, weiß man bis heute nicht.

Die Staatsanwaltschaft Baden-Baden ermittelt nach drei Anzeigen aus dem Jahr 2013 und 2014 seit drei Jahren gegen einen Komposthersteller aus der Region. Das Unternehmen hatte zuletzt 2008 mit Papierschlämmen versetzten Kompost auf Feldern in den beiden Landkreisen ausgebracht. Ob es wusste, was es da anrichtete?

Natürlich nicht, sagt sein Sprecher. „Bis heute gibt es keinen einzigen Nachweis, dass auf seinem Hof jemals PFC verarbeitet wurde.“ Auf eigene Kosten habe er sogar seine Sickergrube untersuchen lassen, die seit 22 Jahren nicht geleert worden war - nichts. Weitere Gutachten untermauerten seine Unschuld. Der Unternehmer sei empört und werde ohne Beweise zum Sündenbock gestempelt.

Problem bei der ganzen Sache: Verbindliche Grenzwerte für PFC gab es damals nicht und gibt es bis heute nicht. Hinterher sei man immer schlauer, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Selbst wenn der Kompost nachweislich mit PFC belastet gewesen wäre: „Die Frage ist unter anderem, ob der, der ihn ausbrachte, überhaupt um die Schädlichkeit hätte wissen müssen.“

Das Landwirtschaftsministerium setzte Anfang 2015 eigene Richtwerte fest. Außerdem wurde ein sogenanntes Vorerntemonitoring gestartet. Auf den Äckern angebautes Obst, Gemüse und Getreide wird vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum (LTZ) Augustenberg auf PFC-Belastung hin untersucht. Auf dieser Basis gibt es seitdem Empfehlungen für die kommende Aussaat. Status quo momentan: Das Regierungspräsidium Karlsruhe warnt vor dem Anbau etwa von Erdbeeren oder Spargel. Die Bauern sollen auf andere Fruchtfolgen ausweichen.

Bei Landwirt Stefan Schneider, der im Landkreis Rastatt auch BLHV-Vizevorsitzender ist, sind zwei Prozent seiner rund 100 Hektar großen Ackerfläche verseucht. Er hat eine buntblumige Bienenweide daraus gemacht, „das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden“, wie er sagt. Früher wuchs dort Triticale, eine Weizen-Roggenmischung. Die nimmt PFC auf; er pflanzt sie nicht mehr an. Bislang habe aber kein Landwirt wegen des Skandals aufgeben müssen, sagt er. Verluste durch untergepflügte Ernte trafen jedoch so manchen der rund 60 betroffenen Bauern empfindlich.

Nach Worten Schrempps hat ein Kollege sich zur Bewässerung seiner Flächen für 50 000 Euro sogar einen neuen Brunnen gebohrt - weil PFC von der Bodenoberfläche nach unten weitergesickert ist bis ins Grundwasser hinein. Wer dann damit wiederum seine Felder beregnete, begoss quasi auch von oben noch mit PFC.

„Ein Teufelskreis“, sagt auch Ulrich Roßwag vom Regierungspräsidium Karlsruhe. Zudem: „Wenn ich mit PFC-haltigem Wasser beregne, habe ich vielleicht Flächen kontaminiert, die gar nicht mit dem Kompost in Kontakt waren.“ Dem sei jetzt ein Riegel vorgeschoben, sagen Umwelt- und Landwirtschaftsministerium unisono.

Eine Sanierung ist aufwendig und sehr teuer

Wasseraufbereitungsanlagen würden aktuell vorsorglich geplant. PFC-belastete Wasserwerksbrunnen seien stillgelegt worden. Über Aktivkohlefilter für Beregnungsanlagen werde derzeit nachgedacht. Zwei Wasserwerke sind laut Landratsamt Rastatt nach wie vor vom Netz.

PFC sei hartnäckig und nicht totzukriegen, sagt Michael Glas, Vize-Leiter des LTZ. Und tatsächlich: „In den vergangenen drei Jahren ist der PFC-Gehalt in den Böden gleich geblieben“, sagt Roßwag. Abgesehen davon, dass es dafür keine Rechtsgrundlage gibt: Den Ackerboden etwa abzubaggern und zu entsorgen, wäre sehr schwierig. Sanierung kompliziert, langwierig und sehr teuer, stellt auch das Umweltministerium fest.

Bleibt also nur die Vorsorge und die Suche nach dem Verursacher. Ohne Schuldigen kein Schadenersatz. „Das Land, das die Steuergelder der Bürger verwaltet, ist nicht die Haftpflichtversicherung für diejenigen, die die Umwelt schädigen“, bemerkt das Umweltministerium spitz.

Der Komposthändler wurde schon vor einem Jahr vom Verwaltungsgerichtshof (VGH) Mannheim dazu verdonnert, chemisch belastete Agrarflächen auf eigene Kosten detailliert untersuchen zu lassen. Ob er aber wirklich schuld ist und für alle Folgen haften muss? Die Beweislage scheint schwierig. Die strafrechtlichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft stehen nach drei Jahren vor dem Ende. Parallel dazu wehrt sich das beschuldigte Unternehmen vor dem Verwaltungsgericht Karlsruhe derzeit mit Händen und Füßen gegen den VGH-Beschluss. Die Hauptverhandlung ist noch nicht terminiert. Ausgang offen.