Beim Rathaussturm bekommt Leonbergs Oberbürgermeister einiges um die Ohren gehauen. Doch auch die Narren wissen, dass der neue Verwaltungschef noch Zeit braucht, um sich zu bewähren
Es war die Ruhe vor dem Sturm, zumindest für einen. Während sich der Leonberger Marktplatz am Sonntagvormittag langsam, aber stetig immer weiter füllte, saß Harald Lutz auf einer der Bänke am Alten Rathaus. Fast schien es, als ruhte der Ehrenpräsident des Karnevalvereins Gesellschaft Engelberg ganz in sich. Das bunte Treiben, das die immer größer werdende Menschenschar in froher Erwartung auf einen der Pferdemarkt-Höhepunkte um ihn herum veranstaltete, schien Lutz – für den Moment zumindest – nur wenig zu interessieren.
Doch nur Minuten später war der Mann mit der mächtigen Bassstimme beim Rathaussturm wieder voll in seinem Element: Als Ankläger haute er dem Leonberger Neu-Oberbürgermeister Tobias Degode die kommunalpolitischen, wirtschaftlichen und sonstigen Missstände in dessen Stadt um die Ohren – wohl wissend, dass der neue Verwaltungschef nur für die allerwenigsten dieser Malheure auch wirklich etwas kann.
Rathaussturm: Waldhexen als bewährte Erfüllungsgehilfen
Aber der Reihe nach. Um den OB aus der Amtsstube zu zerren, boten sich die Leonberger Waldhexen als bewährte Erfüllungsgehilfinnen und -gehilfen an. Routiniert und mit Rammbock verschaffte sich die Zunft Zugang zum historischen Gebäude, aus dessen Fenster Degode zuvor noch selbstsicher der Menge zugewinkt hatte. Am Ende gab’s für ihn aber kein Entrinnen. Verkleidet als Schiffs-Kapitän – ein Schelm, wer in Erinnerung an den von Degodes Vorgänger einst angeschafften Umzugs-Festwagen „MS Leonberg II“ Böses dabei dachte – landete er schließlich verschnürt wie eine Roulade auf der Marktplatz-Bühne und damit vor dem Narren-Gericht.
Erstmal ’en Eselzwicker: OB Degode ist skeptisch. Foto: Simon Granville
Da reimte Harald Lutz dann „Degode“ auf „erste Amtsperiode“. Und dafür, dass der OB erst seit Anfang Dezember in Amt und Würden ist, schlug er sich wacker bis äußerst selbstbewusst. „Ihr Schwaben wart einfach gescheit: Einen Rheinländer wählt man für Ruhe, Humor und Gelassenheit.“ Dafür gab’s die ersten Ovationen des Publikums, dem auch die leisen Untertöne zwischen den Zeilen nicht entgingen.
Beispiel gefällig? „Kapitän bin ich jetzt, das sieht man hier sofort. Doch ohne gute Mannschaft bleibt jedes Schiff am Ort. Rathaus, Rat und Bürgerschaft – zusammen Hand in Hand, so kommt Leonberg nach vorn – verlässlich, mit Verstand.“ Oder hier: „Das Schiff war groß, vielleicht ein bisschen zu viel, für die Glems reicht eher ein Paddelboot als Ziel. Ich brauch’ kein Traumschiff und auch keine Seilbahn dazu, große Höhenflüge brauch’ ich nicht, die gehören nicht dazu.“
Wunderbar wurde es aber immer dann, wenn das Duo vom Skript abwich. Als Degode nach der Anklage und noch immer gefesselt zum Beispiel einen kräftigen Schluck Most (den sogenannten „Eselzwicker“) trinken sollte – da verzog er das Gesicht und ließ die Frage folgen, ob das denn Essig sei? Und dann wieder zurück zum Zettel: „Sehr trocken, ohne Gnade, da zieht’s dem Rheinländer fast die Schuhe aus der Wade. Ich nehm’s sportlich, auch wenn’s mich kurz verzieht: Wer den hier aushält, der bleibt auch, wenn’s mal unbequem wird.“
Beim Schwäbisch-Test im Anschluss versagte der OB erwartungsgemäß und fast auf ganzer Linie. „Mein Schwäbisch braucht noch Übung, das geb’ ich offen zu. Im Rheinland redet man länger – hier hört man genauer zu.“ Mit seinem Schlusswort hatte er die Besucherinnen und Besucher dann vollends auf seiner Seite: „Und wenn ich’s mir aussuchen darf, sag ich ganz ohne Reden: Lieber Rheinländer in Schwaben – als irgendwo in Baden.“ Harald Lutz, gebürtiger Südbadener, konnte es verkraften.
Dürfen beim Rathaussturm nicht fehlen: Guggengruppen aus Nah und Fern Foto: Simon Granville
Und so überstand Tobias Degode seinen ersten Rathausturm ohne größere Blessuren, abgesehen vom bemalten Gesicht, ein Resultat der Waldhexen-Attacke. Und eigentlich hat der OB ja jetzt auch bis Aschermittwoch frei. Die Hexen hatten sich zuvor nämlich schon den Schlüssel zum Rathaus angeeignet.
Guggenmusiktreffen im Anschluss an den Rathaussturm
Im Anschluss ging es auf dem Marktplatz weiter mit dem großen Guggenmusiktreffen. Das hatten die Leo Valentinos, die Musikgruppe der Gesellschaft Engelberg, schon vor und während des Rathaussturms lautstark eingeläutet. Und es sollten im Laufe des Nachmittags noch viele weitere Gruppen folgen. Wer genug von den gern mal schrägen Tönen hatte, bummelte beim verkaufsoffenen Sonntag durch die Stadt, schaute auf dem Steinstraßen-Festplatz beim Rummel vorbei oder im Johannes-Kepler-Gymnasium bei der Modellbahn-Ausstellung – oder machte sich im Reiterstadion ein Bild von den schönsten Pferden und Gespannen.
An diesem Montag geht es weiter, unter anderem mit der Hexen-Party in der Steinturnhalle. Am Dienstag steht der Haupttag des Pferdemarkts mit dem großen Umzug an.