Zigtausende deutsche Fans pfeifen den Spanier Marc Cucurella im Halbfinale bei jedem Ballkontakt aus. Es ist peinlich und unfair, kommentiert EM-Reporter Marco Seliger.

Sport: Marco Seliger (sem)

Eines vornweg: Pfiffe gehören dazu im Fußball. Gegen den Gegner, gegen den Schiedsrichter, manchmal sogar gegen die so genannte eigene Mannschaft oder eigene Spieler, wenn die einen schönen Mist zusammenkicken. Pfiffe sind Teil der Folklore im Wechselspiel zwischen Publikum und Protagonisten auf dem Platz. Seit Jahrzehnten gehören sie zum Ton des Fußballs – wenn sie nicht Basis und Nährboden für schlimme Beleidigungen oder gar körperliche Gewalt sind, ist die Sache im Rahmen. Und, so hart es klingt: auszuhalten von denen, die ausgepfiffen werden. So bitter das manchmal sein mag, niemand möchte ausgepfiffen werden. Aber, wie gesagt: Es gehört im Leben eines Profifußballers wohl dazu.

 

Die Pfiffe vom Dienstagabend in der Münchner Arena passen nicht in dieses gängige Bild. Weil sie neu sind in ihrer Dimension. Viele deutsche Fans also haben den spanischen Linksverteidiger Marc Cucurella ausgepfiffen. Bei jedem Ballkontakt und sogar schon beim Verlesen seines Namens bei der Aufstellung vor dem Halbfinale gegen Frankreich. Unüberhörbar und heftig – klar in der Überzahl waren die weiß und pink gekleideten deutschen Anhänger. Sie setzten den völlig falschen Ton.

Die Vorgeschichte von München spielte sich bekanntlich in Stuttgart ab und geht so: Cucurella hat den Ball an die Hand geschossen bekommen im Viertelfinale gegen Deutschland, Hand und Arm waren weit weg vom Körper. Es gab keinen Elfmeter, was nicht nur der geneigte deutsche Fan niemals wird verstehen können. Sondern auch weite Teile von Experten jeglicher Couleur.

Und jetzt soll Marc Cucurella daran Schuld sein?

Das dramatische Viertelfinale von Stuttgart gegen Spanien wird auch aufgrund dieser Szene auf ewig hängen bleiben im deutschen Fußballgedächtnis. Künftige Opas oder Omas werden ihren Enkeln davon erzählen. Sie werden von einem tollen, packenden Spiel berichten – und davon, dass es ein Witz war, dass der Schiri keinen Elfmeter pfiff und sich diese Szene im damals noch recht neuen Format im Rahmen eines Videoschiedsrichters und Bildschirmen am Spielfeldrand nicht nochmal angeschaut hat. Vielleicht erzählen sie auch von einer Handregel. Die kein Mensch jemals kapiert hat.

Unsportlich und unfair

Und dann erzählen sie womöglich davon, dass zigtausende deutsche Fans den armen Spanier, dem die Kugel an den Hand geschossen wurde, in dessen Halbfinale ein paar Tage später gnadenlos ausgepfiffen haben. Sie betonen in einem Atemzug hoffentlich auch, dass das peinlich, unsportlich und unfair war. Und dass es nicht ins vorherige Bild des Turniers gepasst hat, als die Deutschen meist tolle Gastgeber waren.

Jetzt waren sie am Dienstagabend in München nicht mehr tolle Gastgeber. Sie waren: schlechte Verlierer. Offenbar musste der längst nicht verdaute Frust über das hochemotionale Viertelfinal-Aus und die immer damit verbundene Entscheidung des Schiedsrichters irgendwie raus. Dann, wenn der Gegner das nächste Mal kickt, wenn man im Stadion dabei ist und teure Karten vorab geordert hat – in der Hoffnung, dass die Deutschen und eben nicht irgendwer sonst ein Teil des Halbfinals sind.

Aber warum so (oder auch: warum überhaupt, warum nicht sportlich-fair über den Dingen stehen)? Und: warum Cucurella? Der Mann mit der Lockenpracht kann nichts für die Fehlleistung des Schiedsrichters aus dem Viertelfinale. Er kann auch nichts gegen diese vermaledeite Handregel. Nebenbei erwähnt: Das deutsche Aus gegen Spanien hat auch noch andere Gründe. Die schlechte Chancenverwertung in der zweiten Hälfte und in der Verlängerung etwa.

Die Spanier wiederum stehen nach ihrem tollen Auftritt im Halbfinale gegen Frankreich verdient im Endspiel von Berlin. Bleibt zu hoffen, dass sich das deutsche Publikum Cucurella gegenüber am Sonntagabend anders verhält als jenes in München: neutral und fair.