Zerrissenheit, Ambivalenz, Widersprüchlichkeit – mit diesen Begriffen versuchten Besucher am Rande des ökumenischen Pfingstgottesdienstes in der gut besuchten Esslinger Stadtkirche am Sonntag ihre Haltung zum Krieg in der Ukraine zu beschreiben. Der stand unter einem gegensätzlichen Leitwort: „Was uns zusammenhält – Geist, der verbindet.“
Die Verbindung zum gegenwärtigen Topthema in der Öffentlichkeit ist offenkundig, denn nichts ist ultimativ trennender als ein Krieg. Das betrifft die Soldaten in den Schützengräben, aber ebenso Politik und Gesellschaft. In der Kirche löst das strikte Verbot zu töten einen Konflikt aus. Denn Waffen, die in die Ukraine geliefert werden, können töten. Werden sie aber nicht geliefert, bringen sie aufgrund der Wehrlosigkeit ebenfalls den Tod. Und wenn nicht das, so doch Folter, Vergewaltigungen und die Unterwerfung unter das Diktat der russischen Machthaber. Silke Leonhard, Besucherin des Esslinger Pfingstgottesdienstes, sieht den inneren Konflikt, in dem sich viele Christen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wiederfinden. Sie spricht von einer „hohen Ambivalenz“, von der auch sie erfasst sei.
Pazifistische Tradition in der Kirche vor dem Ende?
Diese Ambivalenz hat mit einer langen pazifistischen Tradition in den verschiedenen Kirchen und vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen zu tun, die während des Kalten Krieges entstanden ist. Diese Tradition könnte sich jetzt dem Ende zuneigen. Der christliche Pazifismus nährt sich aus verschiedenen Erzählungen der Bibel. Die wichtigste zeigt den Protagonisten Jesus Christus, Namensgeber der Religion, am Kreuz, der von seinen Gegnern an ein Kreuz genagelt wurde, ohne sich zu verteidigen. Diese Selbstaufgabe gilt in einem etwas komplexeren Zusammenhang als Erlösung für die gesamte Menschheit.
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Der evangelische Pfarrer Christoph Bäuerle, der mit dem katholischen Pfarrer Stefan Möhler durch den Gottesdienst leitete, spricht von „Verunsicherungen und einer großen Angst“ in seiner Gemeinde, die in einer zentralen Frage münde: „Trägt die Friedensethik überhaupt noch?“ Für Christen sei es wichtig, immer wieder zur Jesusbotschaft aus der sogenannten Bergpredigt zurückzukehren, die da laute: „Selig sind, die Frieden stiften.“ Andererseits spricht Bäuerle eindeutig vom „Selbstverteidigungsrecht der Ukraine“, die es zu unterstützen gelte. Diplomatisch fügt er hinzu: „Waffen sind aber nichts, was Frieden in Europa langfristig sichern könnte.“
Nicht jeder will über den Krieg in der Ukraine sprechen
„Da bin ich raus“, wendet sich eine Besucherin abrupt ab, angesprochen auf die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine und die milliardenschwere Aufrüstung der Bundeswehr. „Ich möchte dazu nichts sagen“, erklärt auch ein Kirchenbesucher, der mit einer Frau gekommen ist. Jene verweist auf den Mann: „Ich gehöre zu ihm“, was vermutlich bedeutet, dass auch sie nichts sagen möchte. „Ich bin gespalten“, räumt ein anderer freimütig ein. „Ich kann mir da im Moment kein abschließendes Urteil bilden.“
Hans-Hermann Riedel vom Gemeinderat der Stadtkirche dagegen macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: In seinen jungen Männerjahren war er das, was im ausgehenden 20. Jahrhundert „Kriegsdienstverweigerer“ genannt wurde. Riedel gehörte zu den Männern, die sich weigerten, der Bundeswehr beizutreten, obwohl dies zu dieser Zeit noch Pflicht war. Damals war Riedel davon überzeugt, dass ein friedvolles Leben ohne Waffen möglich sei. „Ich habe meine Meinung geändert“, sagt Riedel. „Das hätte ich mir früher nie vorstellen können.“
Die Kirche beschwört die Verbundenheit
Elke Leitzinger von der freikirchlichen Pfingstgemeinde ist mit sich im Reinen, wenn sie Waffenlieferungen in die Ukraine befürwortet. „Der Konflikt wird sich wiederholen, wenn man jetzt klein beigibt.“ Auch das Milliardenprogramm für die Bundeswehr unterstützt sie: „Das ist zum eigenen Schutz. Damit es uns nicht so geht wie der Ukraine.“ Dennoch entdeckt sie einen Widerspruch in ihrem eigenen Handeln, denn sie betet für Putin. Den Widerspruch löst sie religiös-pragmatisch auf: „Liebet eure Feinde“, heiße es in der Bibel. Deshalb betet Leitzinger „für die Ukraine und Russland und für Putin. Ich bete, dass Gott Putin die Macht aus der Hand nimmt“.
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Der Gottesdienst selbst, der ursprünglich auf dem Marktplatz abgehalten werden sollte, wegen Gewittergefahr aber ins Innere der Stadtkirche verlegt wurde, stand unter dem Pfingstthema der Verbundenheit durch den „Heiligen Geist“, der über die Menschen komme. Der christliche Feiertag geht zurück auf eine biblische Erzählung, der zufolge „Jünger“ durch den „Geist“ in die Lage versetzt wurden, verschiedene Sprachen zu sprechen und damit für Verständigung sorgten. „Der Heilige Geist ist ein Band, das verbindet, ein Band der Liebe“, so Bäuerle.