Pfingstfestspiele Baden-Baden Ansichten eines Clowns

Die vom Weg Abgekommene:  Olga Peretyatko als Violetta Foto: Andrea Kremper
Die vom Weg Abgekommene: Olga Peretyatko als Violetta Foto: Andrea Kremper

Rolando Villazón inszeniert Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ im Festspielhaus Baden-Baden. Die Premiere wird zum Triumph für die Olga Peretyatko in der Titelpartie

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Baden-BadenRolando Villazón - Rolando Villazon ist eine tragische Figur im Opernbusiness. Ein kometenhafter Aufstieg, eine Jet-Set-Existenz auf allen großen Bühnen, Stimmkrisen, Neuanfänge. All das hat der 43-Jährige hinter sich, und zuletzt war immer deutlicher zu hören, dass die Stimme bei weitem nicht mehr an die tenoralen Glanzleistungen von vor einem Jahrzehnt anknüpfen kann. Eigentlich ist das eine alte Geschichte, sollte man meinen, doch viel von diesem Künstlerschicksal findet sich – egal, ob gewollt oder unbewusst platziert – auch in Villazóns Inszenierung von Giuseppe Verdis „La Traviata“, mit der am Freitagabend die Pfingstfestspiele in Baden-Baden eröffnet wurden.

Villazón verlegt die Geschichte von der Edel-Kurtisane Violetta in eine Welt des Spiels. Eine gewaltige Uhr beherrscht den Bühnenboden, angedeutet ist die Manege eines Zirkusses, schräg in den Raum gestellte Scheiben erinnern an Kreisel, lassen aber auch die Assoziation einer um sich selbst kreisenden Welt zu. Johannes Leiackers Bühnenbild ist raffiniert konstruiert, überwältigt immer wieder mit seinen sinnlichen Reizen. So senkt sich mehrfach eine Art Eiserner Vorhang, trennt das Innenleben der Figuren vom äußeren Geschehen. Manchmal öffnet sich im Hintergrund ein roter Bühnenvorhang. Durch dessen schmale Öffnung blickt man im ersten Akt auf roh gezimmerte Sitzreihen, im zweiten dann auf einen blauen Himmel samt Wolken.

Keine Frage, die Ästhetik und Opulenz der Bühne nimmt ebenso gefangen wie die artifiziellen Kostüme, die Thibault Vancraenenbroeck für Zirkusartisten, Figuren aus der Commedia dell’Arte oder Oskar Schlemmer-Gestalten entworfen hat.

Der Protagonistin wird ein Double verpasst

Wie schon bei seiner Festspielhaus-Inszenierung von Donizettis „L’Elisir d’Amore“ setzt Rolando Villazón auf die Individualisierung des Chors. Der von Detlef Bratschke einstudierte Balthasar-Neumann-Chor singt nicht nur stimmlich präsent und flexibel, wie sich vor allem in den großen Tableaus des ersten und zweiten Akts zeigt. Das Ensemble lässt sich auch bewegungsfreudig und mit spielerischem Gestus auf Villazóns Ideen ein.

Doch bei aller Bildmächtigkeit und bei allem Premierenjubel: überzeugen will Villazóns Konzept nicht. Er erzählt die Liebesgeschichte von Violetta und Alfredo als Rückblende, lässt das Geschehen als Fiebertraum der Schwindsüchtigen auf dem Totenbett ablaufen. Die große Uhr auf dem Bühnenboden wird so zum Vanitas-Symbol. An sich ist diese Idee nachvollziehbar, wenn auch nicht sonderlich innovativ. Einen eigenen Weg geht Villazón aber, wenn er seiner Protagonistin ein Double verpasst. Die Trapezkünstlerin Susanne Preissler ist das Spiegelbild der Sängerin Olga Peretyatko. Immer wieder trennt Villazón die beiden, um die Ebenen von Realität und Traum-Erinnerung zu visualisieren. So liegt die Sopranistin am Bühnenrand und singt, während die Artistin im Hintergrund den Dialog mit den anderen Figuren mimt oder sich mit akrobatischen Schwüngen auf dem Trapez tummelt. Überhaupt verweigert Villazón Violetta vielfach den direkten Kontakt mit den anderen Personen, hält dies aber nicht konsequent durch, was unweigerlich zu Brüchen in der Erzähllogik führt.

Der Tenor und der Dirigent sind sich uneins

Olga Peretyatko lässt sich mit vollem Körpereinsatz auf dieses Regiekonzept ein und liefert ein grandioses Porträt der Titelpartie zwischen jugendlicher Lebensfreude, reifer Einsicht und Todesqual. Stimmlich tastet sie sich vorsichtig in den Abend hinein, besticht in der Arie des ersten Akts zwar durch makellose Verzierungen und raumfüllende Spitzentöne, wirkt hier aber noch zu kontrolliert. Erst ab dem zweiten Akt gewinnt sie an Freiheit und findet vor allem am Ende der Oper ganz zu sich.

Auch Atalla Ayan, umjubelter Tenor der Stuttgarter Oper, braucht einige Zeit, um zu der bei ihm gewohnten stimmlichen Wärme und Brillanz zu finden, zumal er und der Dirigent Pablo Heras-Casado unterschiedliche Tempovorstellungen haben. Nach einigen rhythmischen Wacklern zwischen Tenor und Orchester zu Beginn des zweiten Akts setzt sich Ayan durch und steigert sich am Ende zu einer betörenden Interpretation mit dunkel-warmer Färbung und satten Spitzentönen.




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