Pfingstjugendtreffen in Aidlingen Eine Plattform für christliche Fundamentalisten?

Jana Highholder spricht ihre Pfingstpredigt. Im Netz ist die „Christfluencerin“ nicht unumstritten. Foto: Eibner-Pressefoto

5000 junge Menschen strömten zum Pfingstjugendtreffen Aidlingen. Den Haupt-Act machte dieses Jahr die Influencerin Jana Highholder. Im letzten Jahr war eine Dämonenaustreiberin zu Gast.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Eine Sitzreihe nach der anderen füllt sich – sogar draußen im Regen stehen junge Menschen gebannt vor der Leinwand. Im Zelt, in dem auf der Bühne junge Musiker christliche Lieder singen und einige der Jugendlichen tief bewegt mitsingen, soll gleich der Haupt-Act des diesjährigen Pfingstjugendtreffens (PJT) folgen. Mit der Influencerin Jana Highholder, bürgerlich Jana Hochhalter, haben sich die Organisatorinnen des Traditionsevents eine der reichweitenstärksten „Christfluencerinnen“ eingeladen.

 

An diesem Pfingstsonntag wollen mehrere Tausend junge Menschen die Predigt der Koblenzerin hören. Um kurz nach 10 Uhr dann kommt sie dann auch auf die Bühne, eine 26-jährige energetisch wirkende junge Frau. Für die Besucher im vollbesetzten Veranstaltungszelt hat sie eine ermutigende Botschaft dabei: Auch in schwierigen Zeiten, in denen man enttäuscht werde, helfe der Glauben an Jesus weiter. Denn dieser begleite Menschen auch, wenn sie zweifelten. Als Beispiel nennt die Ärztin die biblische Emmausgeschichte. „Ich will on fire sein, wenn ich enttäuscht worden bin und meine Träume zerplatzt sind. Weil ich weiß, ich habe in Christus alles, was mir versprochen ist und mehr als genug. Das beste auf der Welt, es gibt nichts Größeres“, ruft Highholder.

Die Ermunterung, am Glauben festzuhalten, werden viele der insgesamt 5000 PJT-Besucher zwischen 13 und 30 Jahren als hilfreiche Message mit nach Hause nehmen können. Schon vor Jahren schaffte es Highholder, Zehntausende Jugendliche für Gottes Wort zu begeistern: Von 2018 bis 2020 war sie für die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) als Youtuberin im Einsatz. Mittlerweile haben sich beide Seiten entfremdet. Die freikirchlich geprägte Influencerin: „Die EKD befördert eine Beliebigkeit. Sie sagt: Du kannst heute so sein, morgen so. Sie folgt damit einem liberalen Zeitgeist. Das überfordert junge Menschen aber, die klare Orientierung brauchen.“

Welche Rolle sollen Frauen in der Gesellschaft einnehmen?

Auf ihrem 79 000 Follower zählenden Instagram-Kanal spricht die Koblenzerin auch über Schwangerschaftsabbrüche, Frauenbild und Ehe. Abtreibung zum Beispiel bezeichnet Highholder als „egoistisch“. Auch Kinder, die nach einer Vergewaltigung gezeugt würden, rechtfertigten keinen Abbruch, weil Frauen damit eine „andere Straftat“ begingen. Frauen sollten sich in einer Beziehung dem Manne unterordnen. Sie für sich hat außerdem entschieden, bis zu einer Eheschließung sexuell enthaltsam zu leben. In einem Video erklärt die 26-Jährige aber auch, dass sie andere Lebensstile nicht verurteile und sie sich das für sich auch wünsche. Dass sie wegen ihrer erzkonservativen Ausrichtung politisch Rechtsaußen zugeneigt sein müsse, weist sie zurück: „Bei Fitnessinfluencern mutmaßt man doch auch keine bestimmte politische Nähe.“

Ebenfalls immer wieder Gegenstand von Kritik ist Highholders Kooperation zu einer Person aus dem evangelikalen Kreis, die wiederum Kontakte zur Neuen Rechten pflegt. Gemeint ist die Influencerin Jasmin Neubauer („Liebezurbibel“), mit der Highholder einen Podcast betreibt. Neubauer tritt auch mit Leonard Jäger, alias „Der Ketzer der Neuzeit“, auf. Jäger verbreitet auf seinem Kanal queerfeindliche und verschwörungstheoretische Inhalte und zeigt sich mit bekannten Gesichtern der Neuen Rechten wie Beat Zirpel und Michelle Gollan. Finanzielle Unterstützung erhielt „Der Ketzer der Neuzeit“ unter anderem von einem Böblinger Backformhändler und ehemaligen AfD-Kreisrat (wir berichteten). Von einer Abgrenzung zu diesen Personen hält Highholder nichts: „Ich sehe nicht ein, Grenzen zu ziehen. Ich bin in der Lage, die Person vom Inhalt zu trennen. Deshalb würde ich auch gerne mal mit der Klimaaktivistin Luisa Neubauer zusammenkommen. Ich respektiere sie als Person sehr, auch wenn ich inhaltlich nicht mit ihr übereinstimme.“

Diakonissenhaus sieht keinen Abgrenzungsgrund

Dass die Diakonissen mit „Christfluencern“ dieses Jahr oder im Jahr zuvor mit der Influencerin Rose de Jesus problematische Ansichten beförderten, sieht eine Mitorganisatorinnen, die Diakonissenschwester Caroline Hornberger, anders: „Wir stehen zu den Menschen, die wir einladen. Bei niemanden haben wir das Gefühl, mit der Einladung extreme Positionen zu fördern. Klar ist immer: Wir wollen keine politischen und diskriminierenden Inhalte vertreten sehen. Abweichende Meinungen kann es geben.“ Im Falle Rose de Jesus, die online Teufelsaustreibungen vornimmt, scheint die Diakonissin derweil nicht mehr ganz so überzeugt: „Das geschah, nachdem sie bei uns war. Wir können nicht wissen, welche Entwicklung jemand später nimmt. Es kann vorkommen, dass man etwas anders beurteilt im Nachhinein.“

Vor Ort scheinen solche Kontroversen keine große Rolle zu spielen. Während nach der Predigt Highholders einige weiter einem Gottesdienst lauschen, spielen andere auf dem durchweichten Wiesen am Rande des Mutterhauses Fußball oder stellen sich in die Mittagessenschlange. Und am Nachmittag stehen bereits die nächsten Programmpunkte an, die vom Irdischen wieder ins Göttliche führen sollen.

Pfingstjugendtreffen Aidlingen

Ursprung
1948 fand auf dem Gelände des Diakonissenmutterhauses erstmals ein Pfingstjugendtreffen statt. Schon 1957 kamen 1000 Personen.

Heute
Rund 1000 Menschen arbeiteten meist ehrenamtlich an der Organisation und Durchführung des Pfingstjugendtreffens mit. 2025 gab es neben Gottesdiensten, Konzerten, Workshops und Diskussionsrunden auch wieder ein Spiel- und Sport- sowie kulinarische Angebote.

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