Glyphosat in der Donau Wasserversorger schlägt Alarm

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In der Donau und in kleineren Bächen hat die Landeswasserversorgung Pestizide entdeckt. Das Unternehmen, das drei Millionen Menschen mit Trinkwasser beliefert, ist beunruhigt.

Auch in der Ulm bei Donau wurden erhöhte Glyphosat-Werte festgestellt. Foto: Adobe Stock
Auch in der Ulm bei Donau wurden erhöhte Glyphosat-Werte festgestellt. Foto: Adobe Stock

Stuttgart - Noch sind es einzelne Befunde, aber die Landeswasserversorgung ist höchst beunruhigt: An sieben von neun Messstellen in der Donau bei Ulm sowie in Bächen und Gräben im Donauried haben Labormitarbeiter in den vergangenen Jahren das Totalherbizid Glyphosat nachgewiesen. Der höchste Wert stammt aus dem Hauptgraben XI bei Langenau (Alb-Donau-Kreis): Dort wurde Glyphosat in einer Konzentration von 180 Nanogramm pro Liter entdeckt; der Grenzwert beträgt 100 Nanogramm. Wenige Hundert Meter von Trinkwasserbrunnen im Donauried entfernt hat man in der Nau den zweithöchsten Wert (120 Nanogramm) festgestellt. Eine weitere Überschreitung gab es in der Donau bei Ulm-Wiblingen. Und das ist nicht alles: Auch zwei giftige Neo­nicotinoide hat man in Proben gefunden.

Was bedeutet das? Zunächst gibt es für die Menschen in Stuttgart und im östlichen Landesteil, die ihr Trinkwasser über die Landeswasserversorgung (LW) beziehen, keinen direkten Grund zur Sorge. Diese wäre angebracht, wenn das Oberflächenwasser direkt in die Leitungen flösse; aber es wird aufwendig aufbereitet und mit Grundwasser gemischt. Und im Grundwasser selbst gab es noch keine Positivbefunde.

Atrazin ist immer noch nachweisbar – nach 27 Jahren

Für Bernhard Röhrle, den Sprecher der LW, sind die Werte dennoch alarmierend. Erstens betrage die Humusschicht am Südrand der Schwäbischen Alb oft nur 20 Zentimeter, darunter liege durchlässiges Kalkgestein; sehr schnell könne das belastete Wasser also auch ins Grundwasser gelangen. Und zweitens gelte der genannte Grenzwert für den Menschen – für Insekten, Fische und Kleinstlebewesen seien die gemessenen Dosen vermutlich tödlich. Sowieso können solche Pflanzenschutzmittel lange in der Umwelt bleiben: Das Mittel Atrazin etwa ist seit 1991 verboten, doch die LW weist es immer noch nach.

Damit dringen nun aus der zweiten Gegend Baden-Württembergs bedenkliche Nachrichten: Am Bodensee hat man vor zwei Jahren entdeckt, dass sich dort in Gräben und Bächen kaum noch Lebewesen befinden. Die Landratsämter haben die Obstbauern daraufhin verpflichtet, neue Spritzgeräte zu verwenden, um die sogenannte Abdrift des Pestizidnebels zu verringern. Und es wird nun viel strenger kontrolliert.

Auf der Ostalb ist dagegen bisher nichts passiert. Die Landeswasserversorgung hat die drei betroffenen Landkreise (Heidenheim, Ostalb, Alb-Donau-Kreis) im März aufgefordert, ihr Daten zu schicken, wie viel Glyphosat dort in den Wassereinzugsgebieten gespritzt wird. Sie stützt sich dabei auf eine EU-Verordnung, nach der die Trinkwasserwirtschaft ein Auskunftsrecht hat. Doch die Behörden haben dies nach einer Prüfung durch das Agrarministerium abgelehnt. Die Daten lägen nicht vor, sie zu erheben würde einen unzumutbaren Aufwand bedeuten, und Rückschlüsse ließen sich daraus nicht ziehen, heißt es im Antwortschreiben. Tatsächlich müssen die Landwirte ihren Verbrauch an Pflanzenschutzmitteln zwar dokumentieren, die Zahlen aber nur bei Kontrollen vorzeigen.

Ein Spitzentreffen hat vorerst keine Lösung gebracht

Auf die Nachweise von Pestiziden selbst gehen die Landratsämter nicht ein. Röhrle kritisiert das: „Wir fühlen uns von der Politik und der Landwirtschaft allein gelassen“, sagt er. Das schmallippige Verhalten der Behörden liegt wohl auch darin begründet, dass die LW seit Jahren Kritik an Politik und Bauernverbänden übt. Bisher lösten erhöhte Nitratwerte im Trinkwasser Ärger aus, nun kommen die Spritzmittel hinzu. Im Hauptversorgungsgebiet liegt der Nitratgehalt des Trinkwassers bei 20 Milligramm pro Liter, teils geht er bis 30 Milligramm hoch; bis zu 50 Milligramm sind zulässig (zum Vergleich: Das Bodenseewasser enthält vier Milligramm). „Wir dürfen die Grenzwerte nicht ausreizen“, sagt Röhrle. „Es geht um einen vorausschauenden Grundwasserschutz.“

Mit ihrer Hartnäckigkeit hat es die LW jüngst zumindest geschafft, dass der Agrarminister Peter Hauk (CDU) und Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) gemeinsam an einem Gespräch teilnahmen. Nun soll auf der Arbeitsebene weiterdiskutiert werden – Ergebnisse ungewiss.

Aufbereitungsanlage steht für den Notfall bereit

Die LW hat jedoch selbst schon Konsequenzen gezogen. Bereits vor drei Jahren ist in Langenau eine Aufbereitungsanlage in Betrieb gegangen, die im Notfall auch das Grundwasser filtern könnte; bisher ist das nur für das Flusswasser notwendig. Zudem hat der Zweckverband seine Wasseranalysen in diesem Jahr deutlich ausgeweitet. Während bisher nur sporadisch auf Pflanzenschutzmittel untersucht wurde, wird dies künftig regelmäßig geschehen. 120 Wirkstoffe will man im Auge behalten. Die Ergebnisse der ersten Messreihen von Mai und Juni liegen noch nicht vor.

Die Landeswasserversorgung hat im Übrigen eine Vorstellung davon, wie man das Trinkwasser auf Dauer von Spritzmitteln freihalten könnte: In Wasserschutzgebieten müsse ganz auf Pestizide verzichtet werden, sagt Bernhard Röhrle – das beträfe etwa ein Viertel der Landesfläche. Und die Biolandwirtschaft müsse stärker gefördert werden. Immerhin ist der Landkreis Heidenheim Anfang des Jahres als eine von vier Bio-Musterregionen im Südwesten anerkannt worden. Der Anteil der Ökobetriebe liegt dort zurzeit bei elf Prozent.