Pflanzenschutzmittel und Insektensterben Sieben Fakten rund um Pestizide

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Insektensterben und Pflanzenschutzmittel – dies wird oft in einem Atemzug genannt. Der Zusammenhang ist jedoch bei weitem nicht so eindeutig. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Es wird zuviel gespritzt auf den Feldern in Deutschland, sagt der Naturschutzbund Baden-Württemberg. Foto: Adobe Stock
Es wird zuviel gespritzt auf den Feldern in Deutschland, sagt der Naturschutzbund Baden-Württemberg. Foto: Adobe Stock

Stuttgart - Alle sind für die Reduzierung der Pflanzenschutzmittel, auch die Landwirte – doch bisher funktioniert es nicht.

Ist es erwiesen, dass die Zahl der Insekten stark zurückgeht?

Die Mitglieder des Entomologischen Vereins Krefeld haben im vergangenen Herbst die Debatte über das Insektensterben neu belebt: Ihre Zählungen zeigten, dass die Biomasse an Insekten in den vergangenen 27 Jahren um mehr als 75 Prozent zurückgegangen ist. Die Studie wurde immer wieder kritisiert – aber am Rückgang der Insekten gibt es keine ernstlichen Zweifel mehr. So beobachtet etwa der Ornithologe Wulf Gatter seit 1972 am Randecker Maar bei Weilheim/Teck den Zug von Wanderfaltern – bei Kohlweißlingen liege der Einbruch bei 98 Prozent. Viele weitere Studien ergaben ähnliche Ergebnisse. Auch das Bundesamt für Naturschutz sieht bei mehr als der Hälfte aller Insekten auf der Roten Liste eine sinkende Tendenz. In der Folge sind Vögel und andere Tiere gefährdet.

Welche Rolle spielen dabei Pflanzenschutzmittel?

Das Insektensterben hat gewiss viele Ursachen. Bei nachtaktiven Insekten spielt sicher der Lichtsmog eine bedeutende Rolle. Auch die Düngung der Böden, das Verschwinden vielfältiger Landschaften oder der Klimawandel haben einen Einfluss. Wie stark Pflanzenschutzmittel zum Rückgang der Artenvielfalt beitragen, ist noch nicht geklärt. Das renommierte Helmholtz-Institut in Leipzig geht davon aus, dass Spritzmittel etwa die Artenvielfalt in Gewässern um bis zu 42 Prozent reduzieren: „Agrochemikalien stellen ein globales Risiko für Gewässer dar“, sagt der Forscher Matthias Liess. Vor allem die Neonicotinoide stehen unter dringendem Verdacht, Insekten direkt oder indirekt zu töten.

Welche Mengen werden in Baden-Württemberg ausgebracht?

Der Nabu hat in seinem ersten Pestizid-Bericht die bundesweiten Zahlen des Julius-Kühn-Instituts auf Baden-Württemberg heruntergebrochen, was aber umgehenden Tadel auch vom Kühn-Institut selbst nach sich gezogen hat. Andere Zahlen aber gibt es nicht. Laut Nabu wurden 2014 im Südwesten gut 2300 Tonnen an Wirkstoffen auf 628 000 Hektar Fläche ausgebracht. „Wenn diese Werte nicht stimmen, soll das Agrarministerium endlich die richtigen Zahlen liefern“, so der Stuttgarter Nabu-Experte Jochen Goedecke. Man prüfe das gerade, heißt es im Ministerium.

Wie sicher ist das Verfahren für die Zulassung?

Vier Bundesämter und -institute sind bei der Zulassung eines Pflanzenschutzmittels beteiligt; es wird in umfangreicher Weise auch an Tieren getestet. Doch Forscher kritisieren, dass die Mittel immer nur einzeln geprüft würden – in der Natur seien Tiere und Pflanzen aber oft mehreren Wirkstoffen gleichzeitig ausgesetzt und das auch oft über längere Zeit. Manche „Nebenwirkungen“ werden auch erst viel später erkannt. Eine Studie von vier Universitäten und Instituten 2012 kam zu dem Fazit: „Die Umwelt wird durch den aktuellen Zulassungsprozess nicht ausreichend geschützt.“

Welche Zahlen liefern Messungen?

Die Landesanstalt für Umwelt misst regelmäßig an mehr als 2000 Stellen in Grundwasser und Flüssen. „Die Gesamtbelastung mit Pflanzenschutzmitteln ist in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen“, so Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) in einer Antwort auf eine Anfrage unserer Zeitung. Überschreitungen gebe es kaum noch – das bezieht sich aber auf Werte für eine Gefährdung des Menschen. Einzelanalysen an Gewässern etwa am Bodensee oder in der Schweiz zeitigten dagegen erschreckende Folgen für Tiere. Der Jahresbericht „Pflanzenschutz-Kontrollprogramm 2016“ des Bundes weist nach, dass Pflanzenschutzmittel oft nicht richtig angewendet werden. So wurde bei 18,6 Prozent der Kontrollen im Südwesten festgestellt, dass die Landwirte die Abstände zu Gewässern nicht einhalten. Ein Viertel aller überprüften Händler bot Mittel an, die nicht mehr verkauft werden dürften. Und auch Nicht-Landwirte verstoßen im heimischen Garten sehr häufig gegen die Regeln.

Was tut die Politik?

Der Bund hat 2013 einen „Nationalen Aktionsplan zum nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln“ (NAP) verabschiedet. Eine große Zahl von Umweltverbänden hatte sich jedoch schon vorher aus der Mitarbeit zurückgezogen, weil sie kein echtes Umdenken erkennen konnte. Auch zur NAP-Halbzeit 2016 monierten die Verbände, dass sich „trotz hehrer Ankündigungen“ der Inlandsabsatz von Pestiziden zwischen 2001 und 2014 um ein Drittel erhöht habe. Mittlerweile gibt es weitere Projekte der Bundesregierung. Daneben hat das Land Baden-Württemberg ein eigenes Aktionsprogramm gestartet, das wie der NAP auf Risiko-, nicht auf Mengenreduktion setzt. Daneben gibt es ein Monitoring für Insekten und Vögel, um das Ausmaß des Artensterbens festzustellen – das Zählen ist aber aufwändig, belastbare Ergebnisse werden Jahre dauern. Insgesamt investiert das Land 36 Millionen Euro in die Projekte.

Welche Forderungen gibt es?

Das Helmholtz-Institut ist der Ansicht, dass mehr Randstreifen und mehr Refugien für Tiere und Pflanzen geschaffen werden müssen; daneben müssten die Mengen an Spritzmitteln reduziert werden. Der Nabu fordert eine Halbierung der Pestizide bis 2025 – dies sei möglich, was Initiativen wie Kraichgau-Korn bewiesen. Grundsätzlich sei eine ganz neue Agrarpolitik der EU notwendig. Die Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau mahnt die Landesregierung, deren selbst gestecktes Ziel von 30 Prozent ökologisch bewirtschafteter Fläche bis 2030 endlich zu konkretisieren und mit einem Finanzierungskonzept zu versehen. Die fünf Verbände des Zentralausschusses der Deutschen Landwirtschaft haben jetzt eine Strategie für die Zukunft des Ackerbaus veröffentlicht. Die Landwirte bekennen sich darin zu einer Verringerung der Pflanzenschutzmittel und allgemein zum Schutz der Biodiversität. Zugleich heißt es aber auch: „Für eine nachhaltige Sicherung von Erträgen und Qualitäten brauchen wir ein breites Spektrum an zugelassenen Wirkstoffen.“