Pflege in Baden-Württemberg Südwesten braucht 24 000 zusätzliche Pflegekräfte

Eine Pflegerin unterstützt einen älteren Mann im Rollstuhl. Foto: Westend61/imago

Neue Zahlen belegen, wie groß der Pflegenotstand in Baden-Württemberg ist: Bis 2040 werden sehr viele neue Pflegekräfte gebraucht. Deutlich mehr als in anderen Bundesländern.

Politik/Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen nimmt in den kommenden Jahren stark zu. Damit wächst auch der Bedarf an Pflegekräften. Beide Entwicklungen werden Baden-Württemberg besonders stark erfassen – und damit die Engpässe in der Altenpflege verschärfen.

 

Diesen alarmierenden Befund legt eine neue Bedarfsprognose für Pflegefachkräfte nahe, die unserer Zeitung vorliegt. Sie zeigt, dass die Zahl der Pflegebedürftigen im Südwesten von 548 000 im vorigen Jahr auf 687 000 im Jahr 2040 steigt. Das ist ein Zuwachs um mehr als 25 Prozent. Der Anstieg in Baden-Württemberg liegt damit deutlich über dem Bundesschnitt von knapp zwanzig Prozent.

Viele Pflegerinnen und Pfleger gehen in Ruhestand

Um diese Menschen entsprechend der geltenden Regeln zu pflegen, bräuchte Baden-Württemberg bis 2040 rund 24 000 zusätzliche Pflegefachkräfte in Vollzeit. Das sind rund 35 Prozent mehr als derzeit. Auch dieser zusätzliche Fachkräftebedarf liegt deutlich höher als der Bundesschnitt von rund dreißig Prozent.

Errechnet wurden diese Zahlen auf Basis der aktuellen Pflegestatistik und der Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes von Experten der „Initiative für eine nachhaltige und generationengerechte Pflegereform“. Mitglied in dieser Initiative sind unter anderem der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Verband der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe.

Verschärft wird die Situation durch zwei Faktoren, die in diesen Zahlen nicht berücksichtigt sind. Erstens bezieht sich die Prognose auf Vollzeit-Beschäftigte. Wenn mit berechnet wird, dass viele der Pflegekräfte in Teilzeit arbeiten, erhöht sich der Personalbedarf nochmals um dreißig bis vierzig Prozent.

Zweitens wächst die Herausforderung, weil ein hoher Anteil des in der Pflege beschäftigten Personals 50 Jahre und älter ist. Diese Menschen gehen bis Mitte des kommenden Jahrzehnts in Rente und müssen ersetzt werden. In Baden-Württemberg sind es 44 Prozent der Pflegefachkräfte, die bis 2040 ausscheiden. Bezogen auf die knapp 69 000 Vollzeitkräfte (Stand 2021) entspricht das nochmals rund 30 000 Vollzeit-Stellen, die in den Jahren bis 2040 mit Pflegefachkräften nachbesetzt werden müssen.

Was tun gegen den Pflegenotstand?

Die stark steigende Nachfrage trifft auf einen Arbeitsmarkt, der seit Jahren nicht genug Pflegepersonal bereithält. Die Berufsgruppe der Pflegeberufe (Alten- und Krankenpflege) stand im Jahr 2021 in Baden-Württemberg beim Fachkräfteengpass unter allen untersuchten Fachberufsgruppen an der Spitze – so die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.

Vorschläge zum Gegensteuern

Deutschland drohe ein „flächendeckender Pflegenotstand“, heißt es in einem Positionspapier der Pflegereform-Initiative. Selbst wenn es gelingen sollte, die Zahl der Beschäftigten in der Pflege zu steigern, werde sich „die Schere zwischen Versorgungsbedarf und verfügbarem Pflegepersonal weiter vergrößern“. Um gegenzusteuern, empfiehlt die Initiative ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Die Attraktivität des Pflegeberufs müsse gesteigert werden – unter anderem durch bessere berufliche Aufstiegschancen und eine Anpassung an internationale Ausbildungsstandards. Die Pflegekräfte müssten im Alltag von Hilfstätigkeiten und Bürokratie entlastet werden. Helfen könne auch mehr Prävention, damit ältere Menschen länger zuhause und im vertrauten Umfeld leben statt in einem Pflegeheim.

Amtliche Prognose kommt bald

Eine belastbare amtliche Prognose zum Pflegebedarf gibt es zurzeit in Baden-Württemberg nicht. Die letzte Pflegevorausberechnung des Statistischen Landesamtes liegt bereits einige Jahre zurück und basierte teilweise noch auf Statistiken des Jahres 2015. Nach Angaben von Monika Kaiser, Referatsleiterin im Landesamt, wird bereits an einer neuen Prognose gearbeitet – für das Land, aber auch heruntergebrochen auf die Stadt- und Landkreise. Im vierten Quartal 2023 sollen erste Ergebnisse präsentiert werden.

Anschließend werde, so Kaiser, „den politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern und den lokalen Akteurinnen und Akteuren vor Ort wieder eine aktuelle Planungsgrundlage der amtlichen Statistik zur Verfügung stehen“.

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