Der Pflegereport der Barmer Krankenkasse zeigt erhebliche Fehlsteuerungen im Gesundheitswesen – oft zu Lasten von chronisch kranken Pflegebedürftigen.

Berliner Büro: Norbert Wallet (nwa)

Bis zu 1,3 Millionen Krankenhausaufenthalte von Pflegebedürftigen wären jedes Jahr vermeidbar, wenn Patienten besser versorgt würden. Zu diesem Ergebnis kommt der am Dienstag vorgestellte Pflegereport der Barmer Krankenkasse. Barmer-Chef Christoph Straub fasste das Ergebnis der Studie so zusammen: „Insbesondere chronisch Kranke und Pflegebedürftige werden oft weder ambulant noch stationär bestmöglich versorgt.“

 

Dem Pflegereport zufolge waren zwischen den Jahren 2017 und 2022 monatlich im Schnitt rund 280 000 pflegebedürftige und kurz vor der Pflegebedürftigkeit stehende Patienten in einer Krankenhausbehandlung. Dabei handelte es sich häufig um Fälle, die unter besseren medizinischen Bedingungen von der Hausarztpraxis oder im Pflegeheim behandelt werden könnten. Beispiele für Erkrankungen, bei denen es zu vermeidbaren Klinikeinweisungen kommt, sind Herzinsuffizienz mit monatlich rund 15 900 Krankenhausfällen und Diabetes mellitus Typ 2 mit etwa 4000 Fällen im Monat.

Pflegebedürftige bleiben auch länger im Krankenhaus

Knapp ein Viertel der Krankenhauspatienten war laut Pflegereport im vergangenen Jahr bereits vor der Aufnahme in die Klinik pflegebedürftig. Pflegebedürftigkeit führt zudem auch zu längeren Klinikaufenthalten. „Wer nach einem Krankenhausaufenthalt pflegebedürftig wird, liegt zuvor länger in der Klinik. Im Vergleich zu nicht pflegebedürftigen Patienten sind das durchschnittlich 3,4 Tage mehr“, sagte Studienleiter Professor Heinz Rothgang von der Universität Bremen.

Grund dafür ist vor allem die Schwere der Grunderkrankung. Auch wer bereits pflegebedürftig ins Krankenhaus komme, müsse dort mit bis zu 2,7 Tagen mehr rechnen. Das liegt auch daran, dass notwendige Pflege zuhause oft erst organisiert werden muss.

Um unnötige Einweisungen zu reduzieren, forderte Barmer-Vorstandschef Straub einen Ausbau sektorenübergreifender Versorgungszentren vor allem im ländlichen Raum. Dort sollen „verschiedene Gesundheitsberufe, Arztpraxen und Pflegedienste“ unter einem Dach vereint arbeiten. Straub sprach sich zudem für einen Ausbau und bessere Förderung der Kurzzeitpflege aus. Zudem sei „schon aufgrund des Personalmangels“ eine weitere Aufwertung des Pflegeberufs „dringend erforderlich“. Gut ausgebildete Pflegekräfte könnten ärztliche Leistungen übernehmen, wo es sinnvoll und möglich ist“, schlug Straub vor.

Finanzielle Belastungen Pflegebedürftiger steigen weiter

Auf die finanzielle Belastungen für pflegende Angehörige und Pflegebedürftige machte Heinz Rothgang aufmerksam. In der häuslichen Pflege reichten die von der Ampelkoalition beschlossenen Anpassungen bei weitem nicht aus, um die Inflation auszugleichen. So werde das Pflegegeld von 2017 bis 2027 um insgesamt 9,725 Prozent erhöht. Die kumulierte Inflationsrate liege aber schon im Zeitraum von 2017 bis 2023 bei annähernd 22 Prozent. Werde noch die Inflation für 2024 berücksichtigt, zeige sich von 2017 bis 2024 ein Realwertverlust des Pflegegelds von 15 Prozent, sagte Rothgang.

Ähnlich sei die Situation bei den Pflegesachleistungen. Zwar sei hier bereits eine Anpassung vorgenommen worden, jedoch betrage die Anpassung auch bei den Sachleistungen im Zeitraum von 2017 bis 2027 nur insgesamt gut 15 Prozent und liege damit „um zehn Prozentpunkte niedriger als die kumulierte Inflation für die Jahre 2017 bis 2024“, heißt es in der Studie.