Pflegefamilien in Stuttgart Oft sind zehn Kinder in der Warteschleife

Von Alexandra Leibfried 

Wenn ein Kind nicht bei seinen leiblichen Eltern bleiben kann, helfen Pflegefamilien weiter. In Stuttgart reichen die Pflegeplätze bei anhaltend großer Nachfrage nicht aus. Das liegt am zeitlich durchgetakteten Alltag, aber auch am fehlenden Wohnraum.

Ein Pflegekind spielt mit einem Spielzeugauto Foto: dpa/Marc Tirl
Ein Pflegekind spielt mit einem Spielzeugauto Foto: dpa/Marc Tirl

Stuttgart - Streit über das Sorgerecht, Vernachlässigung, Missbrauch – negative Bezüge gibt es viele, wenn es um das Thema Pflegekinder und -familien geht. „Das ist so schade“, sagt die zuständige Bereichsleiterin beim Jugendamt, Helga Heugel. „Immer sind es diese Fälle, die im Gedächtnis bleiben.“ Das will sie ändern.

Sie will das Augenmerk auf die positiven Seiten der Pflegemodelle lenken. Denn in Stuttgart gibt es immer Kinder, die dringend ein Zuhause brauchen. „Es sind ständig zwischen fünf und zehn Kinder, für die wir passende Familien suchen“, sagt sie. „Die Erfolge kommen in der Berichterstattung leider manchmal zu kurz. Dabei gibt es so viele positive Rückmeldungen von erwachsenen Pflegekindern und ehemaligen Pflegeeltern!“

Bereitschaftspflege, Kurzzeitpflege, dauerhafte Obhut

Für eine Pflegeelternschaft können sich Ehepaare, Paare, Alleinstehende und gleichgeschlechtliche Paare bewerben. Heugel legt den Fokus auf die Offenheit des Jugendamtes, was die Prüfung von Bewerbern angeht: „Die Prüfung ist ein gemeinsamer Prozess. Wir schließen niemanden aus.“ 343 Pflegekinder hat das Jugendamt in derzeit 250 Familien untergebracht – 80 davon leben in den Familien direkter Verwandter.

Gleichwohl sei die Prüfung ein anstrengender Prozess: Infogespräche, Kurse, Unterlagen, Interviews, Eignungsprüfung, weitere sechs Seminartage und die Eingewöhnung müssen die Bewerber hinter sich bringen. „Dazu kommt, dass Familien zunehmend durchgetaktet und unflexibel geworden sind. Und in Stuttgart ist auch der Wohnraum knapp“, erläutert Heugel.

Nicht jede Pflegefamilie muss auf immer ein Kind aufnehmen. Manche helfen, indem sie einem Kind nur für einen kurzen Zeitraum eine Obhut bieten. „Viele wissen das nicht“, sagt Heugel. Zwar bemühe sich das Amt um eine direkte Vermittlung in ein Langzeitpflegeverhältnis, das sei aber nicht immer möglich. Die Pflegeeltern in der Bereitschaftspflege müssten allerdings die größte Flexibilität mitbringen, „vor ihnen habe ich allergrößten Respekt“, so die Bereichsleiterin. Die Kinder kämen aus „akuten Notsituationen“, 26 Kinder werden in Stuttgart derzeit so betreut. Hier allerdings müsse sich zumindest ein Elternteil komplett dem Kind widmen und auf einen anderen Job verzichten.

Pflegeeltern müssen sehr flexibel sein – das kostet Kraft!

Kommt ein Kind langfristig in eine Pflegefamilie, stellt sich – je nach Alter des Kindes – nach einer Gewöhnungsphase ein normaler Alltag ein. Es spreche nichts dagegen, dass beide Eltern arbeiten. Allerdings gebe es nie eine Garantie, wie sich ein Kind in einer Kita oder im Kindergarten eingewöhne, so Heugel. „Manchmal treten Probleme auch erst später auf, viele Kinder haben schon Schlimmes hinter sich, bevor sie in einer Pflegefamilie ankommen.“ Die finanzielle Anerkennung beträgt pro Kind rund 900 Euro. „Das ist in der Tat wenig“, gibt Heugel zu. Aber im Austausch mit Familien sei dennoch festzustellen: Es komme auch viel zurück von den Kindern, dafür lohne es sich dann doch.

Im Idealfall wachsen Pflegeeltern und Kinder zu einer Einheit zusammen. Dennoch müssen die Pflegeeltern damit rechnen, dass ihre Kinder jederzeit zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren. „Diese Vorstellung zu ertragen fällt vielen schwer“, weiß Helga Heugel. „Die meisten wünschen sich, dass die Kinder bei ihnen groß werden, oft ist das auch so.“ Im Streitfall, wenn sich beispielsweise eine leibliche Mutter von ihren Problemen erholt hat und ihr Kind zurückholen möchte, geht der Fall vor das Familiengericht. Ältere Kinder werden dann immerhin angehört. Über ihren Kopf hinweg werde nicht einfach entschieden, so Heugel. Und häufig sei dieser Fall auch nicht: Dass Familien vor Gericht zögen, geschehe schätzungsweise in zwei von 100 Fällen.

Beim Infotag am 6. Februar (19 bis 20.30 Uhr) präsentiert das Jugendamt Interessierten das Kinderpflegekonzept im Jugendamt, Pflegekinderdienst, Hauptstätter Straße 53, 70 178 Stuttgart, 3. OG.
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