Wer an Pflegebedürftige und pflegende Angehörige denkt, verbindet das vor allem mit alten Menschen. Beispielsweise Töchter und Söhne, die ihre gebrechlichen Eltern pflegen. Krankheit und Unfälle reißen aber auch relativ junge Menschen aus dem Leben – wie Susanne Schwichtenberg und ihren Mann. Sie hätten noch so viele Pläne und Erwartungen ans Leben gehabt, sagt die 60-Jährige aus dem östlichen Kreis Ludwigsburg. Sie will auf die Herausforderungen jüngerer pflegender Angehöriger aufmerksam machen und hofft, irgendwann einen Pflegebauernhof in der Region zu verwirklichen.
Ihr Mann sei immer ein sportlicher Typ gewesen und mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren, „er war so lieb und hilfsbereit“, sagt Susanne Schwichtenberg. Keiner sei darauf vorbereitet gewesen, was 2019 passierte. Eines Nachts stürzt ihr Mann urplötzlich und kann nicht mehr richtig reden. Der damals 56-Jährige wird mit einem Krankenwagen in die Klinik eingeliefert, die Diagnose lautete Schlaganfall. Anfangs kämpfte sich Schwichtenbergs Mann in der Reha noch zurück, erleidet nach einigen Monaten aber einen zweiten Schlaganfall.
Hilfe bekommt sie von den Söhnen
Das niederschmetternde Ergebnis: Eine einseitige Lähmung, geistige Einschränkungen und Taubheit. Ein nicht mehr therapierbarer Pflegefall. „Für mich war damals klar, dass ich meinen Mann nach Hause holen möchte“, sagt Susanne Schwichtenberg. Sie baut das Eigenheim um und gibt ihren Beruf als Erzieherin auf: „Seitdem plane und lebe ich nicht nur mein Leben, sondern das von uns beiden.“
Unterstützung bekommt Schwichtenberg von ihren beiden erwachsenen Söhnen. Eine Zeit lang verringerten diese sogar ihre Arbeitszeit, um für ihren Vater da zu sein. „Eigentlich will ich ihre Hilfe gar nicht, sie sollen ihr eigenes Leben leben“, sagt die Mutter. Gleichzeitig sei sie aber auch froh und stolz, wie ihre Kinder mit der Situation umgehen.
Trotz der Hilfestellungen im Alltag, fühlt sich Schwichtenberg über die Jahre mit ihrem Schicksal immer mehr alleingelassen. „Ich habe viele Gesprächsgruppen ausprobiert, aber keine hat wirklich gepasst.“ Entweder saßen dort Eltern pflegebedürftiger Kinder oder Personen, die ihre altersschwachen Eltern pflegen. Keiner, der ihre Probleme nachempfinden und ihre Fragen beantworten könnte.
Laut Schwichtenberg werden relativ junge pflegende Angehörige wie sie in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Spezielle Angebote in der Region sucht sie seit Jahren vergeblich. Erst auf Eigeninitiative und durch eine Anzeige im Wochenblatt habe sie zwei Frauen kennengelernt, die mit einem ähnlichen Schicksal umgehen müssen.
Die würden verstehen, dass die Pflege des eigenen Mannes ein Konflikt sei, „den man ständig mit sich austrägt“. Eine andauernde Konfrontation mit dem Schicksal, seinen Partner fürs Leben verloren zu haben – obwohl man noch so viel vorhatte. Die Pflege ihres Mannes bestimme ihren Alltag, „gleichzeitig erwarte ich noch mehr vom Leben“. Über die Jahre habe sie bemerkt, dass sie das alles auf Dauer nicht allein leisten kann, dass sie mehr Ausgleich braucht, um für ihren Mann da und hilfreich sein zu können. Sie würde gerne mehr Pflegeverantwortung abgeben – aber nur, wenn die Einrichtung auch passt.
Schwichtenberg und die beiden anderen betroffenen Frauen haben einen Traum. Ein Pflegebauernhof für Betroffene mittleren Alters, mit individueller Betreuung, Barrierefreiheit und viel Kontakt zu Tieren. Die Pflegebedürftigen sollen sich dort im Rahmen ihrer Möglichkeiten bewegen, Eindrücke sammeln und sich, wenn möglich, bei der Arbeit am Hof einbringen können – einfach mehr vom Leben haben.
Die drei Frauen sind bereit mitzuhelfen
Pflegebauernhöfe sind in Deutschland immer noch selten, langsam nimmt die Idee jedoch Fahrt auf. Aktuell sind laut Medienberichten rund 20 neue Pflegebauernhöfe bundesweit geplant. Das Konzept richtet sich bisher aber vor allem an ältere, pflegebedürftige Menschen. Auf dem wohl ersten Pflegebauernhof im rheinland-pfälzischen Marienrachdorf kümmern sich beispielsweise 18 Mitarbeiter um 22 Senioren, die Hälfte davon ist demenzkrank.
Die Frauen um Susanne Schwichtenberg sind bereit, sich für den Traum vom eigenen Pflegebauernhof einzusetzen. Sie wollen Kontakte herstellen und mitarbeiten. Aktuell fehle aber das Fundament: Ein Landwirt, der bereit ist, seinen Hof auf den Kopf zu stellen und einen Investor, der den Traum finanziert. „Die Nachfrage nach so einem Angebot ist definitiv da und ich denke, dass auch viele Landwirte gerade nach Möglichkeiten suchen, sich umzuorientieren“, sagt Schwichtenberg.
Ihr sei klar, dass es noch Jahre dauern wird, bis der Traum vom Pflegebauernhof in der Region Realität wird. „Ich klammere mich aber an dieser Idee fest, das gibt mir Hoffnung.“ Noch habe ihre Geschichte kein Happy End, sagt Schwichtenberg. Doch sie glaubt an den Pflegebauerhof und hofft, auf dem Weg dorthin auch anderen Menschen mit ähnlichen Schicksalsschlägen helfen zu können.
Statistik und Kontakt
Zahlen
Laut Statistischem Landesamt leben aktuell rund 25 000 pflegebedürftige Menschen im Kreis Ludwigsburg, wegen des demografischen Wandels werden es 2040 über 30 000 sein. Rund 80 Prozent wohnen weiter zu Hause, davon bekommen rund 70 Prozent regelmäßig Besuch von professionellen Pflegern – den Großteil der sogenannte „Care-Arbeit“ erledigen die Angehörigen.
Selbst betroffen?
Falls Sie in einer ähnlichen Situation wie Susanne Schwichtenberg stecken und sich vernetzen wollen – oder sich für die Idee des Pflegebauernhofs interessieren – kontaktieren Sie Redakteur Emanuel Hege (emanuel.hege@mhs.zgs.de).