Pflegende Angehörige in Esslingen Geschützter Ort für alle Emotionen

Pflegende Angehörige sind der größte Pflegedienst Deutschlands. Foto: dpa/Oliver Killig

Seit 30 Jahren erfahren pflegende Angehörige in Esslingen in einer begleiteten Selbsthilfegruppe Unterstützung und Zuspruch.

Wenn ich etwas ändern möchte, muss ich mich verändern.“ Das war die wichtigste Erkenntnis, die die Esslingerin Waltraud Glocker, heute 82, aus der Gesprächsgruppe für pflegende Angehörige mitgenommen hat. Lange Jahre hatte sie ihre depressive und suizidgefährdete Mutter intensiv begleitet. Lange hatte sie miterleben müssen, wie die Mutter immer gebrechlicher wurde und die letzten vier, fünf Jahre bis zu ihrem Tod 2008 dann im Pflegeheim Obertor lebte. Und lange hatte Waltraud Glocker gedacht, sie müsste alles für ihre Mutter aufgeben – auch die Malgruppe, die für sie so wichtig war. Dass sie es nicht getan hat, sondern sich das Recht auf diese Auszeit genommen hat, hat sie der Selbsthilfegruppe für pflegenden Angehörige zu verdanken, die der Sozialpsychiatrische Dienst für alte Menschen (SOFA) des Landkreises und die Sozialstation Esslingen seit nunmehr 30 Jahren anbieten. Glocker: „Als Angehörige denkt man, man muss alles alleine schaffen.“

 

„Keine Almosen“

Das glaubte auch der 84-jährige Esslinger, der nicht namentlich genannt werden will und seit 2017 seine demente Frau zu Hause pflegt. Anfangs wollte er, der sein Leben lang gearbeitet hatte, keine Unterstützung und „keine Almosen“ – wie er die Einstufung seiner Frau in eine Pflegestufe zuerst empfunden hatte. Bis er gemerkt hat, dass es so nicht weiterging. Dass er seine Frau ohne externe Hilfe nicht mehr zu Hause würde pflegen können. „In der Gruppe habe ich gemerkt, dass nicht meine Frau sich, sondern dass ich mich umstellen muss.“

Pflegende Angehörige sind der größte Pflegediensts Deutschlands. „Allein im Kreis Esslingen leben rund 50 000 Menschen, die über 80 Jahre alt sind“, sagt Andreas Kenner. Der Kirchheimer SPD-Landtagsabgeordnete, gelernter Altenpfleger und ehemaliger Pflegedienstleiter, war bis zu seiner Wahl in den Landtag anno 2016 beim Sozialpsychiatrischen Dienst für alte Menschen des Landkreises tätig und hat dort auch zwei Gruppen für pflegende Angehörige geleitet – darunter die in Esslingen. Seit 2004 war Susanne Schwarz von der Sozialstation Esslingen an seiner Seite. SOFA sucht sich für die angeleiteten Selbsthilfegruppen immer einen Kooperationspartner vor Ort.

Offene Gruppe im geschützten Raum

Derzeit moderiert Schwarz die monatlichen Treffen in der Sozialstation alleine – mit organisatorischer Unterstützung des Fachdiensts des Kreises. Zum 30-jährigen Bestehen haben Schwarz und Kenner alle aktiven und ehemaligen Mitglieder zur Feier eingeladen. Schwarz: „Wir haben uns immer als offene Gruppe in einem geschützten Raum verstanden. In dem alles, was dort gesagt wird, auch bleibt.“ Denn es gibt Dinge, die pflegende Angehörige auch ihrem engsten Umfeld nie anvertrauen würden. Etwa, wie sehr es die Ehefrau kränkt, dass der Ehemann nicht mit ihr, aber gerne mit der jungen Pflegerin eine Runde ums Haus geht. Oder dass der Sohn einmal im Monat zum Kaffeetrinken kommt und dafür das Lob der pflegebedürftigen Mutter erntet, während es keine Erwähnung findet, dass die Tochter sie Tag für Tag versorgt. Kenner: „Pflege ist nach wie vor vor allem weiblich.“ Es geht aber auch um Erfahrungen im Umgang mit Verwirrtheit und psychischen Veränderungen, um nächtliches Umherirren und Inkontinenz. Oder um Tipps im Umgang mit Ärzten, Ämtern, Kassen oder Notaren. Schwarz: „Es geht einfach darum, sich gegenseitig zu tragen, auch einen Rat zu geben, ohne übergriffig zu sein.“

Die Esslinger Gruppe trifft sich jeden zweiten Donnerstag im Monat von 19.30 bis 21 Uhr in der Sozialstation, Urbanstraße 4. Kontakt über 07 11 / 39 69 88 - 22. Infos über weitere Gruppen im Landkreis unter 07 11 / 39 02 - 4 33 30.

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