Pflegende Familien in der Region Stuttgart berichten Darum lebt unser Kind im Internat

, aktualisiert am 28.12.2022 - 15:24 Uhr
Katharina fühlt sich im Internat sehr wohl – hier ist sie beim Sommerfest Ende Juli zu sehen. Foto: Stefan Weinzierl

Unter der Woche leben Samuel (11) und Katharina (10) nicht mehr zu Hause. Beide haben eine schwere Behinderung. Es ist ein Schritt, den sich ihre Eltern nicht leicht gemacht haben. Wie kam es dazu und wie geht es den zwei Familien damit?

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Das eigene Kind abgeben? „Ich kann es nachvollziehen, aber das kommt für mich nicht infrage.“ Britta weiß noch, wie sie diese Worte vor rund zwei Jahren zu einer anderen Mutter sagte. Die hatte ihr erzählt, dass ihre Tochter nun in einem Internat lebe. „Da war ich noch nicht an dem Punkt, Samuel loslassen zu können.“

 

Seit wenigen Wochen ist auch ihr Sohn in dem Internat, das zur August-Hermann-Werner-Schule gehört, einem staatlichen Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum in Markgröningen (Landkreis Ludwigsburg). Und Britta ist vor allem eines: erleichtert. Weil es Samuel gut geht und dem Rest der Familie auch.

Britta hat viele Ehen zerbrechen sehen

Die Entscheidung sei ein langer Prozess gewesen, sagt die Stuttgarterin, die nicht mit vollem Namen erscheinen will. Nicht jeder reagiere mit Verständnis auf den Schritt. „Jetzt schon?“ Das meinte ausgerechnet eine frühere Lehrerin von Samuel. Am verständnisvollsten seien andere Eltern von Kindern mit Behinderung. Weil sie wissen, wie fordernd der Pflegealltag ist. Britta hat viele Ehen zerbrechen sehen.

„Viele wissen gar nicht, was es bedeutet, wirklich für ein behindertes Kind da zu sein“, meint die 41-Jährige, das könne man nicht mit einem gesunden Kind vergleichen. Samuel wurde mit Zerebralparese geboren. Der Elfjährige ist geistig relativ fit, kann aber nicht sprechen. Er muss gefüttert, gewickelt, angezogen, gebettet werden.

Im Rollstuhl sitzt er angeschnallt. „Unser Kind braucht rund um die Uhr Aufmerksamkeit, Zuwendung und Unterstützung“, sagt Britta. Zuletzt habe sich ihr Leben „nur noch anstrengend“ angefühlt. Je größer Samuel wurde, desto aufwendiger wurde die Pflege. Und seine Geschwister sind ja auch noch da. Die Familie hat zwei Kinder im Babyalter. Sie seien als Eltern an ihre Grenzen gekommen.

Rollstuhl und Kinderwagen gleichzeitig schieben? Unmöglich

Überlastung war nicht der einzige Grund, warum Britta und ihr Mann sich für das Internat entschieden haben: „Kinder mit Behinderung haben auch Bedürfnisse“, betont die 41-Jährige. Samuels seien zu kurz gekommen. „Er ist elf“, sagt Britta. Er wolle etwas erleben. „Einkaufen“ – das ist einer der Wünsche, die Samuel oft nach der Schule über seinen Talker, einen Sprachcomputer, äußerte. Doch das ging nicht.

Britta kann nicht gleichzeitig seinen Rollstuhl und den Kinderwagen schieben. Und so wuchs der Gedanke: Dass Samuel vom Internatsleben profitieren könnte, wo er von Gleichaltrigen umgeben ist und ihm Aktivitäten ermöglicht werden. Wo er die Chance auf Freundschaften hat. „Wir haben ganz viel Positives gehört“, sagt sie.

Vor der Schule hatte die Achtjährige Schreiattacken

Sie hat auch mit Laetitia gesprochen, einer Mutter, die sie über den Verein „Mein Herz lacht“ kennt, in dem sich Familien mit Kindern mit Behinderung zusammengeschlossen haben. Laetitia ist ebenfalls bereit, hier ihre Geschichte zu erzählen. Auch, um anderen Mut zu machen, die vorm Zusammenbruch stehen. Das Internat komme sicher nicht für jede Familie infrage und nicht für jedes Kind. „Aber man muss offen sein, wenn man merkt, dass das Leben aus den Fugen gerät“, meint sie und betont: „Das hat nichts mit Abschieben zu tun.“

Laetitias Tochter Katharina lebt seit September 2020 im Internat. Sie sei dort glücklich. Auch ihr Mann und sie hatten zuvor Zweifel. Aber anders wäre es nicht weitergegangen – nicht nur wegen der Belastung mit zwei weiteren kleinen Kindern. Katharina, damals acht Jahre alt, sei unglücklich gewesen an ihrer alten Schule, wo es ihr zu laut und zu unruhig war. Wenn der Fahrdienst kam, um sie abzuholen, hatte sie Schreiattacken. Es gab Krisengespräche mit der Schule.

Ob sie hier wohnen wolle? Da geht der Daumen nach oben

Katharinas Bedürfnis nach Ruhe liegt auch an ihrem Start ins Leben. Sie war ein Extremfrühchen, wog bei der Geburt 880 Gramm. Schon im Mutterleib hatte sie eine Hirnblutung, ihr Sprachzentrum ist deshalb gestört. „Dafür kann sie erstaunlich viel“, sagt Laetitia. Zum Beispiel ihr Gegenüber verstehen und mit Gesten kommunizieren.

Als sich die Familie das Internat angesehen hat, hat Laetitia ihre Tochter nach einem Rundgang gefragt: „Kannst Du Dir vorstellen, hier zu wohnen?“ Katharina habe gelacht und den Daumen nach oben gereckt: ein eindeutiges Ja.

Ein Teil von ihr sei traurig gewesen. Die beiden haben eine enge Bindung. Manche überrascht das. Weil Laetitia Katharina nicht selbst auf die Welt gebracht hat. Katharinas leibliche Mutter ist gestorben. „Für Katharina bin ich ihre Mama und sie ist mein Kind“, sagt sie. Es gebe „keinen Unterschied“ zu den beiden jüngeren Töchtern.

Das erste halbe Jahr war eine tränenreiche Zeit

Das erste halbe Jahr habe sie jede Woche beim Abschied geweint. Dass sie irgendwann nicht mehr weinen musste, liege an Katharina. Die habe von Anfang an gerne in ihrer Wohngruppe gelebt, wo sie sich ein Zimmer mit einem ebenfalls nichtsprechenden Mädchen teilt. Sie sei ausgeglichen, wenn sie freitags kommt und wenn sie sonntags fährt. Die Internatskinder verbringen die Wochenenden und die Ferien zuhause.

Katharina berichte auch aus ihrem Alltag. Weil die Fachkräfte Buch führen über die Erlebnisse, können die Eltern nachschlagen, wenn mal etwas nicht klar ist. Kürzlich hat sich das Mädchen zum Beispiel ans Bein fasst und die Geste für eine Mitschülerin gemacht. Sie hat für jedes Kind aus ihrer Klasse ein Zeichen. Im Buch konnten die Eltern lesen, dass sich die Mitschülerin das Bein gebrochen habe.

Katharina spricht erste Worte

Immer wieder staunen sie, was ihre Tochter plötzlich kann. Katharina putze jetzt selbst ihre Zähne, fahre oft selbst mit dem Rolli (statt sich schieben zu lassen) und – welch Wunder – das Mädchen mit dem gestörten Sprachzentrum sagt erste Worte: „Mama“, „Papa“ und „O“ für Oma. „Es ist die richtige Entscheidung gewesen“, sagt Laetitia.

Würde Samuel ganz zu Hause leben, wenn sie zu dritt wären und nicht zu fünft? „Vielleicht“, sagt Britta. Wäre ihr Familienleben besser? „Ich glaube nicht.“ Am ersten Internatsabend ist sie in Samuels Zimmer gegangen, hat auf das leere Bett geblickt und gebangt. Was, wenn er sich nicht wohlfühlt? Wenn er nicht verstanden wird? Wenn er nicht isst? Nicht trinkt? „Sie müssen ihrem Kind auch etwas zutrauen!“ Ein Kinderpsychologe hat diese Worte einmal zu ihr gesagt. Da war Samuel noch klein, sie brauchten Entlastung. Die Worte kamen ihr an dem Abend in den Sinn.

„Freitag“, lässt er zum Abschied den Talker sagen

Auch Samuel komme ausgeglichen aus dem Internat nach Hause. Und nicht nur er ist ausgeglichen. Britta ist erstaunt, wie schnell sie sich besser gefühlt hat. Angesichts dessen, wie erschöpft sie war. Sie könne die Zeit mit ihrem Sohn wieder genießen, „weil ich auch mal Pause habe“. Er sei gerne in der Wohngruppe, brauche aber die Sicherheit, dass er am Wochenende bei ihnen ist. „Freitag“, sagt er zum Abschied über seinen Talker. „Ja, Freitag kommst Du wieder nach Hause“, antwortet sie ihm. Sie freut sich auf ihn.

Internate für Kinder mit Körperbehinderung

Zahlen
Im Land Baden-Württemberg gibt es zwei staatliche SBBZ mit Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung mit angegliedertem Internat, außerdem neun weitere an freie oder private Schulen angedockte Internate mit diesem Förderschwerpunkt. Nur die August-Hermann-Werner-Schule liegt in der Region Stuttgart. 134 Schülerinnen und Schüler besuchen das SBBZ, davon wohnen 23 im Internat. Allein in diesem Schuljahr sind laut dem Internatsleiter Christian Colon acht neue Kinder hinzugekommen.

Ziele
Man wolle „Entlastung für zu Hause“ geben, sagt Colon. Zu den Zielen gehört auch, die Kinder und Jugendlichen in ihrer Selbstständigkeit fördern, sodass sie ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten erweitern. In den Wohngruppen leben in der Regel sechs Kinder pro Gruppe, die von vier Erzieherinnen und Erziehern betreut werden.

Adresse
Bei Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren wird nach acht Förderschwerpunkten unterschieden, darunter Hören, Sehen, Lernen und die geistige Entwicklung. Im Schulfinder kann man alle Angebote finden: https://schulfinder.kultus-bw.de. vv

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