Solche oder ähnliche Szenarien können bei Patienten oder deren Angehörigen Stress, Zukunftsangst und Verzweiflung auslösen: Die Zeit bis zum Beginn einer Rehamaßnahme muss überbrückt werden. Nach einem Krankenhausaufenthalt besteht Nachsorgebedarf. Oder es wird eine Übergangsversorgung gesucht, bis ein Betroffener in den eigenen Haushalt entlassen werden kann. In solchen Situationen werden Plätze für eine Kurzzeitpflege benötigt. Doch die sind rar und schnell belegt. Das Esslinger Pflegeheim Obertor geht neue Wege. Ganzjährig vorgehaltene Plätze mit einem eigenen Personalstamm und bedarfsgerechten Angeboten sollen die Notlage lindern.
Schwere Organisation
Thilo Naujoks, Geschäftsführer der Städtischen Pflegeheime Esslingen, ist schon lange im Beruf. Er hat gelernt, mit den Realitäten im Pflegealltag umzugehen. Doch der Mangel an Kurzzeitplätzen machte auch den erfahrenen Pragmatiker unzufrieden. Nach einem Jahr Vorbereitungszeit kann er nun einen Lösungsansatz verkünden: Im Pflegeheim Obertor werden stufenweise bis Anfang Juli insgesamt 24 ständige Plätze zur Kurzzeitpflege bereitgestellt. Bisher konnten er und sein Team einen solchen Service nur anbieten, wenn zum Zeitpunkt einer aktuellen Nachfrage nach einem Kurzzeitpflegeplatz ein vollstationärer Dauerpflegeplatz frei war. Diese Praxis aber, sagt er, sei schwer planbar gewesen, und oft haben kurzfristig keine Plätze zur Verfügung gestanden. Nun sollen während des ganzen Jahres vorgehaltene Plätze den Bedarf teilweise decken und ein verlässliches Angebot schaffen.
Für diesen Service wird laut Thilo Naujoks ein festes Raumangebot im ersten und zweiten Obergeschoss des denkmalgeschützten Altbaus im Pflegeheim Obertor geschaffen. Ein eigens zusammengestelltes Team auch mit Pflege- und Hauswirtschaftskräften soll sich nach Angaben von Pflegekoordinator Silvio Schuster speziell um die Menschen in der Kurzzeitpflege kümmern. Die Fachkräfte könnten bereits bei der Aufnahme feststellen, welchen Bedarf an therapeutischen Maßnahmen die Kranken hätten, und die Behandlung darauf abstellen. Dank dieser Expertise könne während des in der Regel 15-tägigen Aufenthaltes der Patienten etwa ein Physiotherapeut zum Einsatz kommen. Denkbar wäre auch ein Alltagstraining, um ein erneutes selbstständiges Leben im eigenen Heim zu ermöglichen. Zum Personalteam gehört laut Thilo Naujoks auch ein „Casemanager“, ein Sozialpädagoge mit einer einjährigen Zusatzausbildung. Seine Aufgabe ist die Suche nach einer geeigneten Anschlussunterbringung der Patienten.
Generalistische Ausbildung
Die Herausforderungen an das Personal seien gerade in diesem Bereich groß, sagen Thilo Naujoks und Silvio Schuster übereinstimmend. Gerechnet werde mit ein bis zwei Neuaufnahmen am Tag. Daher wird auch für die Betreuung der Patienten in der Kurzzeitpflege eine generalistische Ausbildung zu Pflegefachmännern oder -frauen angeboten, die die Berufsbilder Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege zusammenführt. Mit diesem neuen Berufsfeld solle der Job noch interessanter gemacht und dem Personal- und Fachkräftemangel begegnet werden.
Mit Blick auf die Finanzierung des neuen Angebots in der Kurzzeitpflege übt Thilo Naujoks Kritik an der Schwerfälligkeit der Politik, der überbordenden Bürokratie und den langsamen Bearbeitungszeiten. Einen neuen Rahmenvertrag für die Kurzzeitpflege in Baden-Württemberg würde es noch nicht geben. Denn die Bundesempfehlungen auch zur Personalausstattung lägen noch nicht vor. Eigentlich seien sie seit April 2022 fällig. Eine Interimslösung habe die Finanzierungslücke kurzfristig schließen können.