Pfleger und Heimbewohner tauschen die Rollen Wie es sich anfühlt, anderen die Zähne zu putzen

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Für ein Fotoprojekt tauschten Bewohner und Pfleger im Bethanien in Stuttgart-Möhringen die Rollen. Welche Erfahrungen haben sie gesammelt?

Altenpfleger Tilman Klein schlüpfte in die Rolle eines Heimbewohners. Foto: Birte Stärhmann
Altenpfleger Tilman Klein schlüpfte in die Rolle eines Heimbewohners. Foto: Birte Stärhmann

Möhringen - Die Rollenverteilung in einem Pflegezentrum wie Bethanien ist klar umrissen: Die Bewohner werden betreut, die Pfleger kümmern sich um das leibliche und seelische Wohl ihrer Schützlinge. Anlässlich des internationalen Tages der Pflege am Sonntag, 12. Mai, tauschten Auszubildende und Bewohner einmal die Rollen. Die dabei entstandenen großformatigen Fotos wurden zu einer Ausstellung für den Eingangsbereich des Pflegezentrums am Onstmettinger Weg zusammengefasst. Die Schau ist vom 12. Mai bis zum 30. Juni jeweils von 8 bis 18 Uhr zu sehen.

Eine tolle Erfahrung

„Das Fotoshooting an einem Vormittag war sehr entspannt“, erzählt Birte Stährmann. Die Pressesprecherin der Diakonischen Altenhilfe Stuttgart fungierte als Fotografin, ihre Models waren sechs Auszubildende sowie ein Bewohner und eine Bewohnerin. „Für mich war das eine tolle Erfahrung, in den weißen Kittel zu schlüpfen, anderen die Zähne zu putzen oder ihnen den Blutdruck zu messen“, sagt Bewohnerin Bärbel Ulrich. Der Rollentausch habe ihr bewusst gemacht, wie viel Verantwortung mit der Pflege verbunden sei.

Im Nachthemd ablichten lassen

„Mir sind schon lange nicht mehr die Haare geföhnt worden“, kommentiert Altenpfleger Tilman Klein, der sich für die Aktion im Nachthemd ablichten ließ. Der 46-Jährige gehört zu denjenigen, die erst im höheren Alter zu ihrer Berufung gefunden haben. Die 23 Auszubildenden, die in Bethanien lernen, sind im Alter von 18 bis 50, kommen aus unterschiedlichen Kulturkreisen und wissen sehr unterschiedliche Lebensgeschichten zu erzählen.

Hochachtung vor dem Pflegeberuf

„Ich habe eine sehr große Hochachtung vor denjenigen, die diesen Beruf gewählt haben“, erklärt Bewohnerin Bärbel Ulrich. Die Aktion „Heute pflege ich!“ habe ihr großen Spaß gemacht und die Augen geöffnet für das, worauf es ankomme. „Da merkt man, was alles zu machen und zu beachten ist“, meint sie nachdenklich. „Die Pfleger können nicht immer alles im Kopf haben, da möchte ich nicht aufs Pünktle genau sein.“

Geübt haben sich die „Pflegenden“ in alltäglichen Tätigkeiten wie Rollstuhl schieben, Kompressionswickel anlegen oder Essen geben. Sogar Spritzen wurden gesetzt. Dies allerdings nur spielerisch und mit Instrumenten, die so alt waren wie die Pflegezentrumsbewohner selbst. „Hatten Sie Berührungsängste?“, will Tilman Klein von seiner Pflegerin für einen Vormittag wissen. Nein, sagt sie, doch sie könne verstehen, dass manche ausschließlich von Frauen beziehungsweise Männern gepflegt werden wollen. War der Pflegeberuf früher fest in weiblicher Hand, so hält sich das mittlerweile die Waage. „Es ist ein körperlich anstrengender Beruf“, gibt Praxiskoordinatorin Silvia Grunert zu bedenken. „Doch es geht um so viel mehr als die praktische Arbeit. Man kann wirklich stolz sein, auf das, was man hier tut.“

Der Kampf gegen den Nachwuchsmangel

Sie wollte zum Tag der Pflege, der alljährlich zur Erinnerung an die Krankenschwester Florence Nightingale begangen wird, keine der üblichen Veranstaltungen zum Thema Pflegenotstand liefern. Die auf Anregung der Azubis entstandenen Bilder zeugen von einem entspannten Miteinander und wurden zu einem Flyer verwendet, mit diesem wird nach Nachwuchs gesucht. „Es geht darum, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die heute Pflegenden ihren Beruf auch noch in 30 oder 40 Jahren gesund und gerne ausüben“, erläutert Silvia Grunert. In Zukunft wird man immer ältere Menschen in der Pflege von Alten und Kranken einsetzen müssen. „Der Wind des Marktes weht uns um die Nase“, beklagt Pflegedienstleiterin Doris Wüstner die Konkurrenz der besser gestellten Berufe. Im Umgang mit alten Menschen bekomme man aber auch Antworten auf die Fragen des eigenen Lebens. „Man muss halt mit den Leuten schwätzen“, sagt dazu Bärbel Ulrich, „dann ist alles viel schöner“.

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