Pflichtzölibat in der katholischen Kirche Die Macht der Gewohnheit

Priesteranwärter liegen während ihrer Weihe zum Priester als Zeichen der Demut bäuchlings auf einem Teppich im Freiburger Münster. Foto: dpa/Rolf Haid

Das Pflichtzölibat ist in der katholischen Kirche kein Dogma, sondern nur ein geschichtlich gewachsenes Gesetz – das sich aber hartnäckig hält.

Stuttgart - Das katholische Kirchenrecht liest sich auf den ersten Blick eindeutig. Verheiratete Männer, heißt es da, seien „am Empfang der Priesterweihe gehindert“. Gleich dahinter aber beginnt der Treibsand. Das zweite Vatikanische Konzil, die Welt-Bischofsversammlung zur Kirchenreform von 1962 bis 1965, hält nicht weniger normativ fest: Das Zölibat als „vollkommene Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen“ sei zwar „in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen“, aber „nicht von der Natur des Priestertums selbst gefordert“.

 

Gegen das Konzil, diese höchste, verbindliche Lehrautorität in der katholischen Kirche unter und mit dem Papst, hat sich jetzt der römische Kurienkardinal Robert Sarah gestellt. Er dreht das Rad zurück und behauptet, Priestertum und Zölibat gehörten zwingend zusammen; es bestehe eine „ontologisch-sakramentale Verbindung.“ Dagegen sagt Nikola Eterovic, der päpstliche Diplomat in Deutschland, der sonst den Reformideen des soeben gestarteten „Synodalen Wegs“ nicht gerade wohlwollend gegenübersteht: „Das Zölibat ist kein Tabu.“ Die Ehelosigkeit habe ihre Probleme, die Ehe auch; es gebe „keine Patentlösung“ in dieser Frage. „Wir müssen“, sagt der Botschafter des Papstes, einfach darüber diskutieren, was das Beste für die Kirche ist.“

Nicht mal Jesus hat das Pflichtzölibat angeordnet

Und beim zweiten Blick wird deutlich, dass sogar das Kirchenrecht alles andere als eindeutig ist. Der eingangs zitierte Zölibats-Paragraph gilt nur für den westlichen, den „lateinischen“ Teil der katholischen Kirche. In deren östlichem, den „griechischen“ Kirchen, werden verheiratete Männer sei jeher zu Priestern geweiht – aber nur, wenn die Ehefrau das schriftlich genehmigt.

Für das Verständnis des Zölibats ist es wichtig, die verpflichtende und die freiwillige Form auseinander zu halten. Wer ins Kloster geht und auf lebenslang Armut, Gehorsam und Keuschheit gelobt, tut dies aus freier Entscheidung. Einen solchen Verzicht auf weltliche Annehmlichkeiten – Luxus, Sexualität – um höherer, geistlicher Güter wegen, gibt es seit den Frühzeiten des Christentums. Durch das „Fasten des Leibes“ soll „die Sünde niedergeschlagen“ werden; Askese galt als bevorzugter Weg zur Heiligkeit. Ein Pflichtzölibat hingegen hat nicht einmal Jesus selbst angeordnet; der Apostel Paulus schreibt wörtlich, er habe da „kein Gebot vom Herrn empfangen.“ Weil damit ein „apostolischer Ursprung“ des Pflichtzölibats nicht nachweisbar ist, gilt dieser in der katholischen Kirche auch nicht als Dogma, sondern lediglich als geschichtlich gewachsenes Gesetz, das jederzeit geändert oder abgeschafft werden kann.

Asexuelle Priester waren sehr beliebt

Warum kein Papst das bisher getan hat, stellt der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf in seinen „16 Thesen“ zum Zölibat beispielhaft zusammen. Da seien kulturelle Reinheitsideale, die aus leibfeindlichen Philosophien der vorchristlichen Antike stammen. Über den Kirchenlehrer Augustinus haben sie zur grundsätzlichen Abwertung sogar der ehelichen Sexualität geführt. Mit anderen Worten: ein verheirateter Priester lebt in beständiger Sünde. Wie soll er da Gläubige von ihren Verfehlungen lossprechen und die Messe als Erlösungswerk feiern können? Und selbst wenn die Kirche da Unbedenklichkeit bescheinigen sollte – gehen einfache Gläubige nicht lieber bei einem tendenziell Heiligen zur Beichte? Auch dieses Argument aus dem Volk, so Wolf, habe zur Erhaltung des Zölibats beigetragen. Später kam die konfessionelle Selbstabgrenzung gegenüber den Protestanten hinzu – und materielle Überlegungen: Ein verheirateter Priester konnte ja den ihm anvertrauten Pfarrhof samt Ländereien innerhalb der Familie weitervererben und die Kirche ausplündern.

Nur das Pflichtzölibat ermöglicht ferner die Aufrechterhaltung eines Klerikerstandes in Abhebung von den „Laien“ und damit auch die Überordnung der einen über die anderen. Außerdem konnte man – sehr beliebt im 19. Jahrhundert – die asexuellen Priester als Personen von „engelgleicher Reinheit“ beweihräuchern, als die damit einzig legitimen Vermittler zwischen Himmel und Erde, und als die einzigen, die dem gläubigen Volk die Sakramente auch mit verbürgter Heilsgarantie darbieten konnten.

Evangelische Pfarrer die übertreten, können Familie behalten

Beginnend in der spanischen Provinzialsynode von Elvira um 306 und gipfelnd im zweiten Laterankonzil zu Rom 1139 gab es immer wieder Bischofsversammlungen, welche das Zölibat für Kleriker einschärften – flächenhaft durchgesetzt haben sie sich bis weit hinein in die Neuzeit nicht. Und Wolf weist darauf hin, dass es eine einheitliche kirchenrechtliche Regelung sogar erst 1917 gab. Diese aber wurde bald wieder durchlöchert: Seit etwa 70 Jahren können evangelische Pfarrer, wenn sie zum Katholizismus übertreten und die Priesterweihe beantragen, nach individueller Prüfung ihre Familie behalten.

Papst Benedikt XVI. hat dies 2009 pauschal auch allen Geistlichen der Anglikanischen Kirche zugestanden, die konvertieren wollen. Dabei hatte er zwanzig Jahre zuvor, noch als Chef der Glaubenskongregation, viele tschechoslowakische Priester, die während des Kommunismus die Weihe im Untergrund empfangen hatten und zum Zweck besserer Tarnung auch verheiratet waren, nach der Wende aus der römisch-katholischen in eine griechisch-katholische Kirche abgedrängt.

Ex-Papst Joseph Ratzinger will an Zölibat festhalten

Das Pflichtzölibat bekräftigt Joseph Ratzinger auch als Ex-Papst, und weil sich die moralische Abwertung der Ehe als das Hauptargument nicht einmal mehr in Rom halten lässt, lautet Ratzingers Begründung heute so: ein Priester müsse in der Lage sein, sich mit „ganzer Existenz“ seinem Dienst hinzugeben. „Priester sollen allein von Gott und für ihn leben.“ Priesterweihe bedeute „radikale Beanspruchung des Menschen.“ Und: „In den Klerus eintreten heißt, auf ein eigenes Lebenszentrum verzichten.“ Soll heißen: für Frau und Kinder ist da kein Platz.

Im selben Buch, für das Ratzinger jüngst diese Zeilen geschrieben hat, bricht Kardinal Robert Sarah die hochgeistig abgehobenen Argumente auf ein simples „Das haben wir ja noch nie so gemacht“ herunter. Er sagt: Eine Aufhebung oder eine „Abschwächung“ des Zölibats wäre ein Verstoß gegen die bisherige kirchliche Lehre. Damit würde „im Mysterium der Kirche eine Wunde aufgerissen.“ Für Leute wie Sarah begänne mit dieser „Katastrophe“ das Ende der Kirche. Der Weltuntergang.

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