Pforzheim: Ausstellung zu Hip-Hop-Schmuck Meiner ist der Größte
Zum Hip-Hop gehören Bling-Bling und coole Macho-Posen. Aber was für ein Weltbild wird mit den Klamotten und dem dicken Schmuck eigentlich verkörpert?
Zum Hip-Hop gehören Bling-Bling und coole Macho-Posen. Aber was für ein Weltbild wird mit den Klamotten und dem dicken Schmuck eigentlich verkörpert?
Allein das Gewicht müsste doch irgendwann lästig werden. Eine Kette – nun gut. Oder eine schicke Gürtelschnalle. Aber wer trägt schon freiwillig einen Anhänger auf der Brust, der gut und gern ein Kilo auf die Waage bringt? Rechnet man noch die monströsen Armbänder hinzu, die dicke Uhr und die wuchtigen Ringe, dann braucht man im Grunde kein Muskeltraining mehr zu machen, weil man bei jeder Geste seinen Bizeps stählt.
Von wegen „Bling-Bling“. Nachdem der Rapper Jesse West 1993 in einem Song von Bling-Bling sprach, eroberte der Begriff die Hip-Hop-Szene wie im Lauffeuer. So beiläufig es klingen mag, plötzlich wurde Bling-Bling zum Inbegriff dessen, was diese vor allem jungen Männer wollten: so aussehen, als wären sie steinreich wie ein Drogendealer. Deshalb konnte ihr Schmuck gar nicht groß genug sein. Sehr häufig war es zwar nur Strass, der da glitzerte und glänzte. Auch die Ketten waren eher billige Industrieware, aber Hauptsache Bling-Bling. Wichtiger als der materielle war der ideelle Wert, denn der schöne Schein ließ seine Träger reicher, wichtiger und mächtiger wirken, als sie im Alltag meist waren.
Im Schmuckmuseum Pforzheim kann man nun bestaunen, welche Dimensionen Bling-Bling annehmen kann. Das Museum im Reuchlinhaus widmet sich in seiner neuen Ausstellung „Stories of Hip-Hop“ der Ästhetik der Hip-Hop-Kultur. Es geht also nicht um die Musik oder die Liedtexte, nicht um die Vielfalt der Stile und Charaktere – und auch nicht um die oft diskutierte Frage, ob diskriminierende oder sexistisch entwürdigende Botschaften verbreitet werden. Die Schau widmet sich gezielt der Mode und den so wichtigen Accessoires. Das mag dem Phänomen Hip-Hop nicht gerecht werden, trotzdem spricht dessen Ästhetik eine deutliche Sprache. Damit haben die schweren Gliederketten und die dicken Angeberuhren ein Stück Kulturgeschichte geschrieben.
Und kulturgeschichtlich betrachtet ist es sogar hochinteressant, was man herauslesen kann aus den Objekten oder aus den Fotografien der Stars, die eigentlich immer grimmig und gefährlich wirken wollen. Bemerkenswert ist, dass diese Jungs, die sich abgehängt fühlten, in einem Punkt dieselben Ziele wie die breite Gesellschaft verfolgten, die sie doch ablehnten: Sie wollten Reichtum und Konsum, dicke Autos und dicke Uhren, Markenklamotten und eben viel Schmuck. Was sich als subkulturelles Phänomen etablierte und als Gegenmodell zur braven Bürgerlichkeit sah, war von dessen kapitalistischen Werten also gar nicht so weit weg.
Männer und Schmuck haben an sich nicht die engste Beziehung. Im 20. Jahrhundert war die Armbanduhr für die meisten Männer das einzige Accessoire, dass sie sich erlaubten. Umso überraschender war, dass man in der Hip-Hop-Szene in den 1970er-Jahren plötzlich begann, sich mit Glitzer und Glimmer zu behängen. Man staunt, was in Pforzheim so alles in den Vitrinen liegt: gravierte Anhänger, die die klassische Form des altmodischen Medaillons aufgreifen. Prächtige Klunkerringe und aufwendig gestaltete Hüftgürtel, die durchaus an die Mode des Sonnenkönigs Ludwig XIV. erinnern. Während Schmuck lange Zeit dem gängigen Verständnis von Männlichkeit widersprach, sprach man ihm nun die Fähigkeit zu, das vermeintlich Maskuline sogar zu betonen.
Dazu wurde der schöne Schein auf fast absurde Weise übertrieben und auf die Spitze getrieben. „Aus Scheiße Gold machen“, lautete in den ersten Jahren das Motto, also Hauptsache angeberisch groß, was aber keineswegs ironisch gemeint war, um Kapitalismus und Konsumstreben zu karikieren, im Gegenteil: Die glitzernden Fetische waren von Anfang an als bierernste Insignien der Macht gemeint.
Deshalb erinnern die beliebten Drei- oder Vierfinger-Ringe verdächtig an Schlagringe. Die dicken Gliederhalsketten wirken auch keineswegs wie edler Halsschmuck, sondern wecken Assoziationen an Eisenketten, mit denen Folterer ihre Opfer prügelten oder anketteten. Schmuck hat hier eher die Funktion von Waffen. Hauptsache martialisch. Und auch wenn die Accessoires nicht im realen Straßenkampf eingesetzt wurden und werden, sollen diese monströsen Halsketten und Armbänder die als feindlich behauptete Welt abschrecken und Furcht einflößen – grad so, wie die Pistolen und Schlagstöcke der Cops es tun. Nach dem Motto: Ich bin eine Autorität – und wenn mir einer dumm kommt, wird er es büßen.
Vor fünfzig Jahren ist Hip-Hop in den Bronx von New York City entstanden. Die vor allem afro- und lateinamerikanischen Jugendlichen wollten mit ihrer Musik und Mode gegen die Gewalt, Ausgrenzung und Armut aufbegehren, die sie tagtäglich erlebten. Ihr Slogan lautete „Fake it, till you make it.“ Man versuchte also, nach außen hin wertvoller zu wirken, als man sich als Benachteiligter fühlte. Breakdance oder Rap sollten der Gewalt der Gangs etwas entgegensetzen und Selbstbewusstsein fördern.
Was eine kulturelle Antwort auf soziale Ungerechtigkeit war, ist aber längst zur Mode geworden – und welche absurden Ausmaße sie hervorgebracht hat, zeigen die „Grillz“, abnehmbare Goldaufsätze für die Zähne. Erfunden hat sie Eddie Plein, der in Brooklyn in der noch jungen Hip-Hop-Szene unterwegs war und eine Goldkrone bekommen sollte, nachdem er sich einen Zahn abgebrochen hatte. Das war die Initialzündung. Plein gründete ein Unternehmen für herausnehmbare Kronen. Sie heißen Grillz, weil sie an den glänzenden Kühlergrill eines Autos erinnern.
Inzwischen haben auch Madonna, Heidi Klum und Lady Gaga schon Grillz getragen – und in der Pforzheimer Ausstellung kann man sogar Modelle für Kinder entdecken wie Milchzahl-Pokémon-Grillz. Der Hip-Hop-Style und seine Ästhetik sind auf vielerlei Weise im Mainstream angekommen. Die großen Labels haben dafür gesorgt, dass der Look der Rebellen in der Modewelt immer mehr Raum erhielt und auch die Haute-Couture hat hemmungslos Ideen der Kids von der Straße geklaut.
Seit den 1990er-Jahren wurde Hip-Hop zunehmend kommerzialisiert – und auch wenn die Pforzheimer Ausstellung es nicht thematisiert, lässt sich doch klar ablesen, wie der berechtigte Protest abgehängter Jugendlicher dabei zum bloßen Modephänomen wurde und das Aufbegehren zur reinen Pose verkam. Vom gesellschaftspolitischen Kampf ist heute nur noch die stilisierte Drohgebärde geblieben, die kein ernsthaftes Ziel verfolgt. Mancher Star der Szene macht auch nicht mehr „aus Scheiße Gold“, sondern kann sich schweres Bling-Bling aus echtem Gold leisten.
2001 wurde die „Declaration of Peace“ veröffentlicht, die die Hip-Hop-Kultur von Gewalt befreien wollte und wieder daran erinnern, dass man ursprünglich für Kreativität und soziale Gerechtigkeit angetreten war – als Alternative zur Straßenkriminalität. Zahlreiche Prominente unterzeichneten die Grundsätze der „Hip-Hop Friedenserklärung“, die für eine Kultur des Friedens und des Wohlstands warb. Die Ästhetik, die auch heute zahllose Jugendliche prägt und vielfältig imitiert wird, spricht dagegen eine andere Sprache – nämlich die der Gewalt.
Auf den Fotos in der Schau kann man sehr gut die Strategien ablesen, die genutzt werden, um das Gegenüber auf archaische Weise einzuschüchtern: Es werden Sonnenbrillen getragen. Die Augen des amerikanischen Rappers 50 Cent sind bewusst verschattet und sein Kollege WC zeigt einen Stinkefinger. Der Heidelberger Rapper Animus trägt einen Pulli, auf dem ein Maschinengewehr abgebildet ist und „Defend“ steht.
Selbst wenn dieses Image nur mit symbolischen Requisiten inszeniert wird, wollen die Posen doch eine Kampfansage sein. Der abweisende Gestus wird als erstrebenswerte Lebenshaltung propagiert und sieht sich im steten Verteidigungsmodus in einer als feindlich behaupteten Welt.
Die Hip-Hop-Kultur lege „einen Grund für Gesundheit, Liebe, Bewusstsein, Besitz, Frieden und Wohlstand für uns selbst, unsere Kinder und Kindeskinder“, hieß es in der „Declaration of Peace“ – aber positive Gefühle, Freundschaft und Zugewandtheit finden sich in der Pforzheimer Ausstellung nicht. Auf keinem Foto wird je gelacht. Frauen spielen in diesem Kosmos keine Rolle – und falls vereinzelte Protagonistinnen auftauchen, wollen sie knallhart wie die Kerle wirken. Hier soll nichts auf Empfindsamkeit, Weichheit und Subtilität hinweisen.
Alles bloß harmlose Mode? Man kann schon ins Nachdenken kommen, welches Gesellschaftsideal in Teilen der so populären Hip-Hop-Kultur – zumindest äußerlich – propagiert wird: Der Mann hat unverletzlich zu sein. Die tief ins Gesicht gezogenen Baseball-Kappen und der viel zu große Schmuck, die schweren Lederjacken und dicken Autos sind alles Hilfsmittel, um sich selbst zu verstecken. Deshalb spielen auch Masken eine große Rolle in dieser Szene – Stahlmasken oder Gladiatorenmasken, wie sie der Rapper MF Doom trug. Hauptsache, man zeigt sich nicht, zeigt kein Gesicht.
Und damit ist diese Ästhetik nicht so harmlos, sondern durchaus politisch, weil stur ein Oben und Unten behauptet wird mit dem einzigen Ziel, sich als Sieger darstellen zu können, der sich von der Rolle des vermeintlichen Verlierers emanzipiert hat. Ein harmonisches Miteinander ist in diesem Gesellschaftsmodell nicht vorgesehen und die Posen der Macht bringen klar zum Ausdruck, dass man kein Interesse daran hat, konstruktiv für Gerechtigkeit einzustehen – damit eben niemand mehr abgehängt wird. Diese Ideologie braucht Feindbilder. Denn wen sollte man sonst beeindrucken mit Schmuck, der größer und schwerer als alles ist, was sich Fürsten und Könige je erträumt hätten?
Ausstellung „Stories of Hip-Hop“ ist bis 29. Juni im Schmuckmuseum in Pforzheim, Jahnstraße 42, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag jeweils 11 bis 17 Uhr.