Pharma-Manager als Kirchentagspräsident Der Gute unter den „Bösen“?

Zugewandter Gesprächspartner: Kirchentagspräsident Andreas Barner Foto:  
Zugewandter Gesprächspartner: Kirchentagspräsident Andreas Barner Foto:  

Ein Topmanager der umstrittenen Pharmabranche als Kirchentagspräsident – das finden Kritiker schwierig. Andreas Barner versucht, seinen Konzern nach ethischen Prinzipien zu führen. Das gelingt mal mehr, mal weniger überzeugend.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)
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Stuttgart - Seinen Hauptberuf und sein Ehrenamt wollte Andreas Barner (62) eigentlich strikt auseinanderhalten. Vorsitzender der Unternehmensleitung beim Pharmakonzern Boehringer Ingelheim, des zweitgrößten deutschen nach Bayer, verantwortlich für weltweit 46 000 Mitarbeiter und 13 Milliarden Euro Umsatz – das ist das eine. Hier ist der Manager Barner gefragt, der Mediziner und Mathematiker mit dem Doktortitel in beiden Disziplinen, der sich letztlich an Zahlen messen lassen muss. Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, der Bewegung evangelischer Laien, die dieses Jahr zu ihrem großen Treffen nach Stuttgart einlädt – das ist das andere. Da engagiert sich der in Freiburg geborene Barner als Christ, der sich offensiv zu seinem Glauben bekennt und das Gemeinwohl im Blick hat. Wie wichtig ihm die Trennung dieser beiden Sphären ist, zeigte er 2008: Bevor er damals ins Präsidium des Kirchentages gewählt wurde, hörte er als Vorsitzender des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) auf. Die Themen sollten nicht vermengt werden.

Doch so einfach ist das nicht zu vermeiden. Je näher der Kirchentag im Juni rückt, desto mehr gerät der Präsident – als Christ und Manager – ins Blickfeld. Schon im Februar lockte sein Vortrag darüber, wie sich beide Rollen vereinbaren lassen, 150 Zuhörer zur Industrie- und Handelskammer. Wirtschaftlicher Erfolg und ethische Prinzipien müssten kein Gegensatz sein, lautete seine Botschaft. Im Gegenteil: kluges, langfristiges Vorgehen sei letztlich gewinnbringend, auch wenn man auf manches Geschäft verzichte. Fast täglich beschäftige ihn die Frage, „ob unser wirtschaftliches Handeln noch im Einklang mit meinen christlichen Werten steht“, berichtete Barner. Er bete um die richtige Grundhaltung vor wichtigen Entscheidungen, hatte er bei anderen Gelegenheiten bekannt. Das Publikum war beeindruckt von dem zierlichen, leisen Mann: Ihm nehme man ab, dass der Mammon nicht vor der Moral komme.

Schorlau: Branche mit krimineller Energie

An Barners persönlicher Integrität zweifelt wohl niemand. Mit seiner bescheidenen, zugewandten Art nimmt er Menschen rasch für sich ein. Mitarbeiter schildern ihn als umgänglichen Chef, von dem sie sich wertgeschätzt fühlen – zumal, wenn er dank seines hervorragenden Gedächtnisses beiläufig erwähntes Privates bei späteren Begegnungen noch präsent hat. Trotz seiner intellektuellen Brillanz wirkt er nicht abgehoben, sondern nahbar und an seinem Gegenüber interessiert. Doch der Eindruck einer „glaubhaften Persönlichkeit“, als die der Kirchentag seinen Präsidenten lobt, steht im scharfen Kontrast zum Ruf der Branche, die er vertritt.

„Pharmaunternehmen wird in der Regel unterstellt, ethische Prinzipien nicht zu achten“, wurde ihm selbst in einem Interview für die Kirchentags-Homepage vorgehalten. Andere äußern ihre Kritik noch deutlicher. Die Pharmaindustrie werde von einer „beispiellosen kriminellen Energie getrieben“, folgerte der Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang Schorlau nach zweijährigen Recherchen für einen Krimi („Die letzte Flucht“), der am 20. April als Spielfilm im ZDF gezeigt wurde. Nicht die Patienten, alleine der Profit interessiere die Firmen. Noch drastischer formuliert der dänische Arzt und Buchautor Peter Gøtzsche („Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität“), der einst selbst für eine Arzneimittelfirma arbeitete. Die Pharmaunternehmen seien „sogar schlimmer als die Mafia“, sagt er in Interviews, „sie bringen viel mehr Menschen um“. Immer wieder würden Hersteller von Medikamenten „wie Verbrecher dargestellt“, beklagt hingegen die auch von Boehringer unterstützte Initiative „Pharma Fakten“. Deftige Kritik in Reportagen oder Talkshows liege im Trend, auch wenn sie sich oft nur auf „Klischees und überholte Vorwürfe“ stütze.

Kritik an Imagegewinn für Boehringer

Einer der mächtigsten deutschen Pharmamanager als Kirchentagspräsident – das passt für manche Kritiker nicht ganz zusammen. Barners Engagement beschere seiner Firma „einen erheblichen Imagegewinn“, sagt Claudia Jenkes von der Buko-Pharma-Kampagne, die seit vielen Jahren die Aktivitäten der Unternehmen in armen Ländern beleuchtet. „Umgekehrt sehe ich den nicht.“ Irritiert zeigt sich auch Professor Wolf-Dieter Ludwig, der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft: Angesichts der vielen Skandale finde er es „sehr problematisch“, der Branche mit dem Ehrenamt für einen ihrer Vertreter einen „derartigen Reputationsgewinn“ zu ermöglichen. Er frage sich, ob der Kirchentag da „gut beraten“ sei.

Als PR-Aktion für Boehringer oder die Pharmaindustrie ist Barners Engagement sicher nicht gedacht. Aber es strahlt positiv auf sie aus – und wirft die Frage auf, wie der von ihm geführte Konzern im harten Wettbewerb agiert; auch daran erweist sich Glaubwürdigkeit. Der christliche Chef wolle „der Gute unter den Bösen sein“, bescheinigte ihm einst eine Kritikerin, anerkennend und zweifelnd gleichermaßen. Verhält sich Boehringer also insgesamt ethischer als seine Konkurrenten? Für den Kirchentag spielte das einem Sprecher zufolge keine Rolle, weil es alleine um die Person des Präsidenten gehe. Das Unternehmen selbst (Motto: „Werte schaffen durch Innovation“) möchte sich „nicht vertieft“ mit anderen vergleichen. Man forsche mit hohem Aufwand, auch zu seltenen Erkrankungen, sagt ein Sprecher. Alles sei darauf ausgerichtet, „das Leben und das Wohl von Patienten zu verbessern“. Als Arzt könne man nur einzelnen, als Forscher aber vielen Menschen helfen, sagt Barner gerne – und erzählt vom Brief einer schwer krebskranken Frau, die sich bei Boehringer für ein Medikament bedankt habe, das ihre Lebensqualität enorm erhöhe. Immer wieder streicht er als Vorteil heraus, nicht an der Börse notiert zu sein: Dass Boehringer im Familienbesitz sei, erleichtere es ihm, seine ethischen Prinzipien umzusetzen.

„Nicht besser als andere Unternehmen“

Die Kritiker von Buko nehmen davon nur wenig wahr. „Für uns ist nicht erkennbar, dass Boehringer Ingelheims Geschäftsverhalten deutlich besser ist als das anderer Pharmaunternehmen“, sagt Claudia Jenkes; auch dort gebe es „gravierende Missstände“. Seit Jahren zum Beispiel moniert ihre Organisation, dass Barners Firma in Brasilien ein Schmerzmittel („Buscopan Composto“) verkaufe, das in Deutschland längst wegen lebensbedrohlicher Risiken verboten sei; der Wirkstoff wird mit zahlreichen Todesfällen durch Schock in Verbindung gebracht. In Südamerika sei es nicht einmal verschreibungspflichtig und ein Renner, deswegen bleibe es auf dem Markt. Kritik gab es auch an einem Werbevideo („Wenn man zu viel Pizza gegessen hat . . .“), welches das Risiko grob herunterspiele. Moral und Profit, folgert Jenkes, ließen sich eben doch „schlecht vereinbaren“. Boehringer hält dagegen, man sei von Sicherheit und Wirksamkeit der Buscopan-Produktfamilie überzeugt; Composto helfe effektiv bei kolikartigen Schmerzen. Man vertreibe generell nur Medikamente, bei denen der Nutzen das mögliche Gesundheitsrisiko überwiege. Im Übrigen entscheide alleine die zuständige nationale Behörde, ob ein Arzneimittel in einem Land zugelassen werde.

Auch dem Onkologen Ludwig fiel prompt Barners Firma ein, als er unlängst gefragt wurde, wann ihn die Pharmaindustrie zuletzt wieder einmal richtig erbost habe. Beim Mittel Pradaxa, das Schlaganfällen vorbeugen solle, seien der Öffentlichkeit „wichtige Ergebnisse verschwiegen“ worden. Interne Analysen hätten gezeigt, dass das Risiko von Blutungen durch regelmäßige Laborkontrollen gesenkt werden könne; doch damit wäre der Wettbewerbsvorteil dahin gewesen, dass eine kontinuierliche Überwachung gerade nicht mehr nötig sei. Also habe man die Daten „unterschlagen“. Bekannt wurden die firmeninternen Mails, auf die sich der Chef der Arzneimittelkommission bezieht, im Zuge von Gerichtsverfahren in den USA. Dort klagten Tausende Patienten gegen Boehringer, weil sie über Nebenwirkungen nicht ausreichend informiert worden seien.

Prozess in USA mit 650 Millionen Dollar vermieden

Das Unternehmen beendete die Prozesse voriges Jahr mit einem teuren Vergleich: es zahlte 650 Millionen Dollar. Man habe die Belastung eines mehrjährigen Verfahrens und die selbst bei einem Sieg anfallenden Millionenkosten vermeiden wollen, sagt ein Konzernsprecher. Die Kläger hätten sich durch „massive Werbung“ amerikanischer Anwälte gefunden, ein Zusammenhang der Schäden mit Pradaxa sei nicht nachgewiesen worden. Inzwischen habe die US-Arzneimittelbehörde die Sicherheit des Medikaments mehrfach bestätigt. Bei den Mails seien einige wenige Dokumente aus mehr als dreißig Millionen Seiten „aus dem Kontext herausgerissen“ worden; so habe sich eine „ungenaue und unvollständige“ Darstellung ergeben. Nie habe Boehringer „kommerzielle Erwägungen über die Patientensicherheit gestellt“.

So wie bei Buscopan oder Pradaxa verhält es sich auch mit anderen Kritikpunkten. Ob es um „irrationale“, aber lukrative Medikamente für Indien geht oder um die Beauftragung fragwürdiger Firmen mit klinischen Studien in Entwicklungsländern – den Vorwürfen setzt Boehringer jeweils seine eigene, ganz andere Sicht der Dinge entgegen. Bei manchen Themen aber wird Barners Konzern relativ einhellig gelobt. Bei Aidsmitteln etwa pochte er nicht auf Patente, sondern erlaubte qualifizierten Herstellern die Produktion auch in armen Ländern. Ein Medikament, das verhindert, dass Kinder schon bei der Geburt infiziert werden, wurde sogar kostenlos verteilt. Auch die Kommunikation wird durchweg als besonders offen gewürdigt. Die Firma suche das Gespräch mit Kritikern, lobt auch die Buko-Frau Jenkes.

Kein einziger Regelverstoß festgestellt

Er sei davon überzeugt, „dass Transparenz etwas sehr Gutes ist“, sagte Barner einmal – und bemüht sich erkennbar darum. Ihr schlechtes Image hat die Branche aus seiner Sicht nicht mehr verdient: Vieles habe sich in den vergangenen Jahren verbessert. Er selbst war treibende Kraft bei der Schaffung der „Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ (FSA). Als Schiedsstelle überwacht sie seit zehn Jahren, inwieweit die vereinbarten Regeln für das Pharma-Marketing eingehalten werden – etwa zu Einladungen und Geschenken für Ärzte oder Patientenorganisationen. Insgesamt 460 Beanstandungen habe man bisher verzeichnet, in einem guten Drittel der Fälle seien Kodexverstöße festgestellt worden, sagt eine FSA-Sprecherin. Boehringer Ingelheim habe kein einziges Mal gerügt werden müssen.

Beim Kirchentag könnte Andreas Barner also auch mit Pharmakritikern wie Wolfgang Schorlau diskutieren. Doch in der Diskussionsreihe „Gesellschaft verantwortet Wirtschaft“ ist ein Blick auf die Branche nicht vorgesehen. Wegen eines Streitgesprächspartners für den Schriftsteller solle man direkt bei Boehringer nachfragen, sagt ein Kirchentagssprecher. Das Unternehmen wiederum verweist auf den Verband der forschenden Arzneimittelhersteller. Der früher von Barner geführte VFA indes hatte auf eine StZ-Anfrage zu dem Pharmakrimi einst jede Bewertung abgelehnt. Begründung: die in dem Buch geschilderten Praktiken seien reine Fiktion. Autoren dürften alles erfinden, was sie für ihre Dramaturgie bräuchten.




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