Pharmaindustrie Zwischen Globuli und Biotechnologie

Ungeachtet der immer wieder aufkommenden Debatte über die Wirksamkeit der Homöopathie verzeichnen Unternehmen kontinuierlich Umsatzzuwächse. Foto: dpa 2 Bilder
Ungeachtet der immer wieder aufkommenden Debatte über die Wirksamkeit der Homöopathie verzeichnen Unternehmen kontinuierlich Umsatzzuwächse. Foto: dpa

Auch Baden-Württemberg bekommt die Sparzwänge in den Gesundheitssystemen zu spüren. Der Verteilungskampf wird in Zukunft härter werden.

Leben: Werner Ludwig (lud)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Mehrmals lässt der Mann im weißen Laborkittel den Glaskolben mit Schwung auf das Gummikissen heruntersausen. Die Flüssigkeit im Inneren wird dabei kräftig durcheinandergewirbelt. Auf einem Monitor über dem Labortisch kann man lesen, was hier produziert wird: "Ruta graveolens D4" - Weinraute in einer Verdünnung von 1:10.000. Auch an den benachbarten, durch Scheiben vom Gang abgetrennten Arbeitsplätzen sind Weißkittel mit dem Befüllen und Schütteln von Glasgefäßen unterschiedlicher Größe beschäftigt.

"Alle flüssigen Homöopathika werden bei uns von Hand verschüttelt", sagt Harald Orth, Leiter Pharmazie und Herstellung bei der Deutschen Homöopathie-Union (DHU) in Karlsruhe. Dieser Methode hat sich bereits der Homöopathie-Erfinder Samuel Hahnemann (1755-1843) bedient. Maschinen könnten die Prozedur wohl kostengünstiger erledigen, doch bei der DHU setzt man beim Verdünnen und Verschütteln der Präparate auf traditionelle Handarbeit.

Hoher IT-Aufwand

Bei anderen Teilen des Herstellungsprozesses haben die Karlsruher keine Berührungsängste gegenüber moderner Technik. So wird jeder Arbeitsschritt für jede Charge in einer Datenbank hinterlegt. Das bringt einen hohen IT-Aufwand mit sich, denn aus rund 1400 Ausgangsstoffen werden bei der DHU bis zu 420.000 Präparate hergestellt, wobei das Standardsortiment etwa 14.000 Homöopathika umfasst, die immer am Lager sind.

"Wir haben den Leuten von SAP und unseren eigenen IT-Spezialisten einiges Kopfzerbrechen bereitet", erinnert sich Orth. Die Software der Walldorfer war standardmäßig darauf ausgelegt, maximal 5000 offene Fertigungsaufträge gleichzeitig zu erfassen. "Bei uns können das aber auch mal 8000 sein", sagt der Pharmazeut. Auch die Mengen variieren gewaltig - von einer einzigen Packung für ganz spezielle Therapiewünsche bis hin zu homöopathischen Blockbustern wie Arnika, Kamille oder Belladonna, von denen Zigtausende Packungen benötigt werden.

Erlöse verdoppelt

Ungeachtet der immer wieder aufkommenden Debatte über die Wirksamkeit der Homöopathie verzeichnet das Unternehmen kontinuierlich Umsatzzuwächse. In den letzten 20 Jahren haben sich die Erlöse in etwa verdoppelt. Heute kommt die DHU mit knapp 500 Mitarbeitern auf einen Jahresumsatz von 100 Millionen Euro. "Wir haben kein Interesse an explosionsartigen Wachstumsraten, sondern an solider Entwicklung", sagt Geschäftsführer Franz Stempfle. Zuletzt verzeichneten die Karlsruher, die sich als Marktführer in Deutschland bezeichnen, jährliche Zuwächse zwischen einem und drei Prozent.

Am Anfang der Produktion steht die "Urtinktur" - ein meist durch Extraktion mit Alkohol gewonnener Pflanzenauszug. Dieser wird in einem oder mehreren Durchgängen mit der entsprechenden Menge hochreinen Wassers verdünnt und verschüttelt. Neben Pflanzen werden auch mineralische Ausgangsstoffe wie Silizium oder Magnesium eingesetzt. Nach der für naturwissenschaftlich geprägte Menschen befremdlich klingenden Theorie Hahnemanns wirkt ein homöopathisches Mittel umso stärker, je höher es verdünnt wurde.

Selbstmedikation dominiert

Stempfle sieht für die Hersteller von Homöopathika, von denen es im Südwesten besonders viele gibt, weiter gute Perspektiven - trotz des Sparzwangs im Gesundheitswesen. "Die Akzeptanz der Homöopathie in der Bevölkerung hat zugenommen und wird weiter zunehmen", sagt der DHU-Chef und verweist auf Umfragen. Dass die gesetzlichen Kassen homöopathische Arznei seit 2004 in der Regel nicht mehr zahlen, habe der Entwicklung keinen Abbruch getan. "Dass die Erstattung von der Politik gestrichen wurde, hat uns nicht überrascht", so Stempfle.

Schon damals habe bei Homöopathika die Selbstmedikation dominiert, die mittlerweile gut 80 Prozent der Umsätze bringt. Wichtigste Darreichungsform sind sogenannte Globuli - Zuckerkügelchen, die mit dem gewünschten Präparat versetzt wurden. Dass die Mittel relativ günstig und ungefährlich in der Anwendung sind, erleichtert die Eigeninitiative der Homöopathie-Anhänger.

Zwangsrabatt auf verschreibungspflichtige Medikamente

Hagen Pfundner sieht die Auswirkungen der Gesundheitspolitik nicht ganz so gelassen wie der DHU-Chef Stempfle. Vom Besprechungszimmer aus blickt der Geschäftsführer der Roche Deutschland Holding in Grenzach am Rhein über ein Campus-ähnliches Gelände. Hier hat der Schweizer Pharmakonzern neben Marketing und Vertrieb für den deutschen Markt auch die Qualitätssicherung und die Betreuung klinischer Studien konzentriert. Gegenüber produziert der niederländische DSM-Konzern in großem Stil Vitamine - in einem Werk, das früher ebenfalls zu Roche gehörte.

Der deutsche Markt sei schwieriger geworden, meint Pfundner. "Das Arzneimarktneuordnungsgesetz (Amnog - d. Red.) kostet uns allein dieses Jahr rund 200 Millionen Euro", sagt der Manager. Die seit 1. Januar geltende Regelung schreibt Herstellern verschreibungspflichtiger Medikamente einen Zwangsrabatt von 16 Prozent vor. Da die Roche-Pharmasparte ausschließlich auf diesem Feld tätig ist - Schwerpunkte sind Mittel gegen Krebs sowie virale und andere Infektionskrankheiten - schlägt der Zwangsrabatt voll auf die Erlöse durch.

Unsere Empfehlung für Sie