Philipp Sauer und seine Touren Alpines Wandern auf der Alb?
Der 50-jährige Philipp Sauer sucht in ganz Baden-Württemberg nach herausfordernden Touren – und beschreitet dabei im Wortsinn neue Wege.
Der 50-jährige Philipp Sauer sucht in ganz Baden-Württemberg nach herausfordernden Touren – und beschreitet dabei im Wortsinn neue Wege.
Schwäbische Alb - Und dann taucht am Waldsaum diese Eisentreppe auf, die steil, fast wie eine Leiter, aber ganz ohne Handlauf, hinunter in den gleißend hellen Fels führt. Es gilt, jeden Schritt mit Bedacht auf die Stufen zu setzen und den Blick nicht unnötig in die Tiefe zu richten. Nie würde einem beim Begehen einer schlichten Treppe das Gefühl beschleichen, nach vorne überzukippen. Hier, den Abgrund vor Augen, schon. Nach einigen Metern werden die Stufen dann tatsächlich von einer Leiter abgelöst, die im Gestein verankert ist und über einen felsigen Absatz weitere vier, fünf Meter hinabreicht. Wo genau sie endet, ist von oben nicht zu erkennen. Wer nicht schwindelfrei ist, für den könnte hier Schluss sein. Doch für geübte Bergwanderer ist es letztlich eine machbare Herausforderung. So eine Kletterei an einer Leiterpassage – man kennt es aus den Alpen.
Unten, auf einem parallel zum Hang verlaufenden Bergpfad mitten in der sogenannten linken Kesselwand, wird der Wanderer für den mühsamen Abstieg mit einem Blick auf die mächtige lotrechte Felswand entschädigt. Den Einstieg durch die Rinne bezeichnet Philipp Sauer als „längsten Eisenweg der Schwäbischen Alb“. Kletterer haben ihn angelegt, um den Fuß der Wand leichter zu erreichen. Vermutlich hat das Mittelgebirge kaum sonst irgendwo einen alpineren Charakter als hier, im Ursprungsgebiet der Weißen Lauter.
Der Kessel selbst, der eigentlich nur ein halber ist, macht seinem Namen alle Ehre. Es ist brutheiß an diesem Spätsommertag. Den Schmetterlingen, die hier reichlich durch die üppig wuchernde Vegetation flattern, scheint das von der Sommersonne aufgeheizte Mikroklima zu bekommen, dem schweißtriefenden Wanderer eher nicht. Er sehnt sich hier vergeblich nach einem Schattenplatz, bevor es wieder hinaufgeht in den kühlen Traufwald hoch über dem Oberen Lenninger Tal.
Sauer, ausgebildeter Wanderführer aus Bad Urach und früher gerne auch mal auf der Langstrecke unterwegs, sucht „alpine“ Wanderwege außerhalb der Alpen. Genauer gesagt: in Baden-Württemberg. Was für eine Idee, könnte man meinen. Fehlt doch hierzulande, wie auf der Alb, fast immer dieses Gipfelglück-Gefühl, das dem Bergwanderer beim Kraxeln in der dünnen Luft des Hochgebirges so bedeutend erscheint. Schon zwei Bücher mit Wanderungen auf sogenannten alpinen Pfaden in Baden-Württemberg hat Sauer geschrieben. Er sagt, sie gehen verhältnismäßig gut. Der Bedarf, abseits der ausgetretenen Routen zu wandern, scheint „einen Nerv zu treffen“.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Zu Fuß über die Alpen
Sauer, Sonderpädagoge von Beruf, hat den Höhepunkt der Wanderung, den Einstieg in die Kesselwand, für den Schluss aufgehoben. Nach und nach steigt auf der zwölf Kilometer langen Tour zwischen Schlattstall und Gutenberg mit den zurückgelegten Höhenmetern die Schwierigkeit. Immer steiler, immer unzugänglicher wird das Terrain. Nur Klettern im eigentlichen Sinn, wie es in der rechten und linken Kesselwand reichlich betrieben wird, interessiert Sauer nicht. „Es geht um Kategorien, wie man sie sonst mit dem Wandern in den Alpen verbindet – steil, felsig, wild“, sagt er. Auch, wenn sich dieser Eindruck in einer eher lieblichen Mittelgebirgslandschaft nur dann und wann einstellen will. Um Konflikte zwischen Wanderern und Kletterern zu vermeiden, weist er immer wieder darauf hin, wie man sich in solchen Klettergebieten als Wanderer verhalten sollte.
Sauer ist im Wortsinn ein Pfad-Finder. Ein Gutteil seiner alpin anmutenden Wege musste der 50-Jährige erst suchen, bevor er sie begehen konnte. „Baden-Württembergs Landschaften sind von einer großen Anzahl an Pfaden durchzogen, die nur teilweise oder gar nicht mehr auf Karten verzeichnet sind“, sagt er. Wie am Albtrauf, wo kreuz und quer und manchmal auch in der direkten Falllinie jede Menge verlassene, vergessene oder überwucherte Pfade ihrem endgültigen Verschwinden harren. „Schmale, steile Wege, die Einheimische früher gegangen sind, um möglichst rasch ins Tal zu gelangen.“ Manche stammten von Holzfällern, andere vom Wild. Deshalb studiert Sauer intensiv altes Kartenmaterial – immer in der Hoffnung, dass dort noch Wege markiert sind, die heute durchs Raster der Kartografen fallen.
Genau einen solchen hat Sauer auch oberhalb von Schlattstall entdeckt, um quasi in der Direttissima auf den Pfingstberg zwischen Langer Steige und Donntal zu gelangen. Dort oben, verspricht Philipp Sauer, liege einer der schönsten Felsgrate der Schwäbischen Alb. Im Traufwald, zwischen den dicht stehenden Buchen, ist der Pfad kaum auszumachen. „Nur das geübte Auge erkennt, dass hier schon jemand unterwegs war.“
Dass man auf dieser steilen Spur keiner Menschenseele begegnet, verwundert nicht. Die Fitness, die diese Art zu wandern verlangt, garantiert eine gewisse Exklusivität. Im Grunde könnte man, was Sauer betreibt, als eine Weiterentwicklung der Premiumwanderwege-Idee beschreiben. Die Macher dieser zunehmend beliebter werdenden Wanderwege hatten irgendwann erkannt, dass das monotone Stiefeln auf breiten Schotterwegen zur erlebnisorientierten Freizeitkultur nicht mehr recht passen will. Plötzlich durfte es gerne auch über Stock und Stein gehen, der Pfad naturbelassen sein. Eine Spur wilder. „Die Idee ist so erfolgreich“, sagt Sauer, „dass es heute mancherorts, wie rund um den Uracher Wasserfall, kaum noch auszuhalten ist.“ Ob im Schwarzwald, im Schwäbischen Wald oder auf der Alb – seit Premiumwege auch schwierigeres Gelände für Wanderer erschließen und bewerben, wimmelt es gerade an Wochenenden auch dort, wo bis vor wenigen Jahren nur wenige gegangen wären.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wandern in Baden-Württemberg – der Trend geht zu App und Premium
Die Konsequenz für Philipp Sauer: Will man hierzulande noch einigermaßen ungestört die Natur erleben und sucht man gleichzeitig auch die Herausforderung, muss man sich seine ganz eigenen Premiumwege suchen. „Das ist eine Art Verdrängungswettbewerb. Mitunter fanden sich auf diese Weise sogar alpin anmutende Pfade am Steilufer des Bodensees“, sagt er.
Oben auf dem Pfingstberg öffnet sich nach einem kurzen Waldstück der Blick auf den Grat. Eine kurze, schmale Kette von grasbewachsenen Felsen, die wie eine Nase aus dem Trauf ragt. Links und rechts bricht das Gestein jäh ab. Vor dem Auge des Betrachters breitet sich hier eine dieser für die Alb so typischen, dicht bewaldeten Talspinnen aus, die sich mit ihren zahllosen Fingern in das Mittelgebirge zu bohren scheinen. Wenn hier die Seele nicht zur Ruhe kommt, dann nirgendwo.
Auf die Idee, dass es überhaupt so etwas wie alpine Wege auf der Alb geben könnte, kam Sauer, als er unterhalb von Schloss Lichtenstein auf einen Weg stieß, den auch der Albverein warnend als „Alpiner Pfad“ gekennzeichnet hat. Obgleich Wanderweg, kam es hier schon zu schweren Bergunglücken. Davon, so war er sich sicher, muss es noch mehr geben. Sein Ziel sei gewesen, „neue Perspektiven auf ein bekanntes Wanderrevier zu eröffnen“, so formuliert er es in seinem Buch „Neue alpine Pfade Baden-Württemberg“.
Doch genau diese neuen Perspektiven führen mitunter dazu, dass „Wanderer dabei sogar die letzten Rückzugsräume alpiner Vegetation passieren“. Weshalb Sauers Anliegen den Konflikt mit dem Naturschutz heraufbeschwören dürfte, sollte diese Art zu wandern zu viele Nachahmer finden. Sauer ist sich der Problematik bewusst, dass er sich durch seine Leidenschaft in sensiblen Bereichen bewegt. Deshalb recherchiere er auch, wie er betont, sehr sorgfältig, ob die Gebiete überhaupt begangen werden dürfen. „Doch wie will man etwa Kindern die Natur näherbringen, wenn der Naturschutz mehr und mehr auf Verbote programmiert ist.“ Sauer, dem es gerade um das Entdecken des Abgelegenen geht, setzt am Ende darauf, dass naturbegeisterte Wanderer wie er sich ihrer Verantwortung bewusst sind – und sich entsprechend verhalten.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Helden wie wir – eine Wanderung mit dem Schwäbischen Albverein
Als nach knapp zwölf Kilometer Auf und Ab mit dem Albstädtchen Gutenberg das Ziel der Tour erreicht ist, gilt es ein Fazit zu ziehen: Geht das also tatsächlich, alpines Wandern in einem Mittelgebirge Baden-Württembergs? Eine Antwort fällt nicht leicht: Wenn man damit vor allem Gehen in steilem, felsigem Terrain versteht, bei dem es ganz wie im Hochgebirge auf Trittsicherheit, ein wenig Schwindelfreiheit und eine ordentliche Kondition ankommt, kann es zumindest stellenweise nachgeahmt werden. Dem Anfänger könnte auf diese Weise mitunter sogar ein guter Einstieg ins Wandern im alpinen Refugium gelingen – ganz ohne Höhenluft. Doch anders als in den Alpen zeigt sich zumindest im Juragebirge der alpine Charakter einer Tour letztlich immer nur an wenigen Stellen. Manchmal, indem eine kurze, aber besonders spektakuläre Passage hin- und zurückgegangen wird. „Im Schwarzwald“, sagt Philipp Sauer, „sind die alpinen Pfadabschnitte und Blockhalden länger und beeindruckender.“
Dass man mit der Suche nach neuen Wegen auch in wenig begangene Naturräume vordringt, ist für verantwortungsvolle Wanderer eine Gratwanderung ganz anderer Natur.