Philippinen Warum im Inselstaat Scheidungen verboten sind

Der als fortschrittlich geltende Priester Flavie Villanuevaversteht die Sorgen scheidungswilliger Paare – doch auch er sei machtlos gegen die Gesetze, die sich auf die Bibel stützen. Foto: privat

In den katholisch geprägten Philippinen gilt immer noch die Unauflöslichkeit der Ehe. Doch der Widerstand dagegen wächst.

Wenn sich Milagros Fernandez jemandem vorstellt, ist es ihr jedes Mal peinlich. „Ich benutze noch den Namen meines Ex-Mannes“, erklärt sie und lächelt verlegen. Die 50-Jährige ist zwar seit sieben Jahren nicht mehr mit dem Vater ihrer beiden Kinder zusammen. Die beiden leben getrennt, er hat mit seiner neuen Partnerin weitere Kinder. Aber obwohl ihr Ex-Mann eigentlich nicht mehr Teil ihres Lebens ist, fühlt sich Milagros Fernandez weiterhin an ihn gebunden. „Wir sind ja immer noch nicht geschieden.“

 

Und bis auf Weiteres wird sich das kaum ändern lassen. Denn vor 20 Jahren sagte die Frau mit dem schulterlangen blondierten Haar am Altar einer Kirche in Manila: „Ja, ich will.“ Daraufhin sprach der Priester gegenüber ihr und dem damaligen Verlobten die Worte aus: „Bis dass der Tod euch scheidet“ – was in den Philippinen wortwörtlich gilt.

Das Heimatland von Milagros Fernandez ist einer von nur zwei Staaten der Welt, die es nicht erlauben, dass Menschen, die sich einmal haben trauen lassen, wieder scheiden lassen. Der andere Staat, der seinen Bürgerinnen und Bürgern dieses Recht verwehrt, ist der Vatikan. Die Philippinen aber sind ein Land mit einer Bevölkerung von 110 Millionen, Religionsfreiheit und Demokratie. Aber ein Gesetz, das Scheidungen erlaubt, hat hier nie ein Parlament passiert.

An einem sonnigen Vormittag nimmt Milagros Fernandez in ihrem Büro bei Divorce Pilipinas Platz, einer Nichtregierungsorganisation, die ihr Ziel im Namen trägt. „Wir kämpfen für das Recht auf Scheidung“, sagt Fernandez energisch. Der weiße Plastiktisch ist gefüllt mit Flyern, die genau dies fordern: „Human right to divorce“ – frei übersetzt: Scheidung ist ein Menschenrecht. Ihre Mitstreiterinnen, vor allem Frauen, sind überwiegend verheiratet, leben aber getrennt.

80 Prozent der Bevölkerung sind katholisch

„Ich will ein neues Kapitel in meinem Leben beginnen“, klagt Milagros Fernandez und sagt, sie spreche für alle, die sich dem Verein angeschlossen haben. Denn in den Philippinen, wo 80 Prozent der Bevölkerung katholisch sind und ein Großteil diesen Glauben auch streng praktiziert, bleiben vor allem Frauen viele Wege versperrt, wenn sie lediglich getrennt sind. „Es ist schwierig, einen neuen Mann zu finden“, berichtet Milagros Fernandez aus eigener Erfahrung. Das wiederum mache es oft schwer, für die Kinder zu sorgen. Unterhaltszahlungen vom Ex seien nicht die Norm.

Fernandez trennte sich von ihrem Mann, als sie bemerkte, dass er parallel noch eine andere Beziehung führte. Es belastet sie noch heute, wenn sie davon spricht. „Das ließ ich nicht mehr auf mir sitzen“, sagt sie. „Ich habe ihn sofort rausgeschmissen.“ Die Kinder, die heute 17 und 23 sind, hätten sich mit der Mutter solidarisiert, die sich immerhin den Besitz des Wohnhauses und einer weiterer Immobilie sichern konnte, womit sie heute den Haushalt finanziert. Ihre recht komfortable finanzielle Lage nutzt Fernandez auch dazu, sich für all die anderen im Land einzusetzen, die weniger Glück haben.

Manche Politiker setzen sich für die Legalisierung ein

Bei Divorce Pilipinas im Zentrum der Hauptstadt treffen sich die Mitglieder jede Woche. Sie planen PR-Kampagnen, schmieden Kooperationen mit anderen Nichtregierungsorganisationen (NGO), die sich für Bürgerrechte einsetzen. Und suchen den Kontakt zu fortschrittlichen Politikern. Zum Beispiel zu Edcel Lagman, ein 80-jähriger Veteran der philippinischen Demokratie. Wird Lagman nach den Gründen gefragt, die gegen eine Legalisierung der Scheidung sprechen könnten, greift er den Argumenten seiner konservativen Gegner vorweg. „Wir würden hierdurch überhaupt nicht die Moral zerstören“, faucht er im Sessel seines mit dunklem Holz verzierten Abgeordnetenbüros.

Der liberale Politiker, der seit 1987 diverse Mandate hatte, ist der prominenteste Vertreter derer, die sich öffentlich für ein Recht auf Scheidung starkmachen. „Es ist eine Frage der Zeit, bis sich auch die Philippinen anpassen werden“, sagt er. In diesem Sommer, kurz nachdem mit Ferdinand Marcos Junior ein neuer Präsident die Geschäfte übernahm, hat Lagman ein Gesetzentwurf zur Legalisierung von Scheidungen vorgelegt. Es ist nicht das erste Mal, dass er es versucht hat. Bisher fehlten die Mehrheiten im Parlament. Nun aber gibt sich Lagman optimistisch: „Mit der neuen Regierung verbinde ich große Hoffnungen. Der Präsident hat schon wohlwollende Bemerkungen gemacht.“

Edcel Lagman, der ein dunkles Sakko trägt und eine Brille, die ihm Richtung Nasenspitze rutscht, doziert so gekonnt über das Thema, als habe er es komplett verinnerlicht. Er zitiert Umfragen, nach denen eine Mehrheit der Menschen die Legalisierung einer Scheidung will. Und er betont, dass er selbst praktizierender Katholik ist. „Ich habe mehrere Priester in der Familie und weiß, dass auch viele Kirchenvertreter heimlich für eine Legalisierung der Scheidung sind. Aber es herrscht Angst, von der Kirche abgestraft zu werden.“

Bibel wird sehr konservativ ausgelegt

Tatsächlich gilt die Unauflöslichkeit der Ehe nicht für alle Filipinas und Filipinos. Die rund sechs Prozent der Bevölkerung, die dem muslimischen Glauben angehören, können sich durchaus gemäß ihrem Glaubenssystem scheiden lassen. Für diejenigen aber, die an den Gott des Christentums glauben, zählt in Abwesenheit eines Gesetzes, das die Scheidung auf behördlichen Wegen ermöglichen würde, die Bibel – und die wird in den Philippinen eben äußerst konservativ ausgelegt.

Sie ist zugleich der Grund, warum sich kaum ein Geistlicher – ob katholisch oder protestantisch – für die Legalisierung der Scheidung ausspricht. Auch nicht Flavie Villanueva. Während über die vergangenen sechs Jahre Ex-Präsident Rodrigo Duterte einen brutalen „Drogenkrieg“ führte, in dem er Tausende Menschen erschießen ließ, gründete Villanueva eine NGO, die Hinterbliebene rechtlich und finanziell unterstützt. Villanueva zählt zweifellos zu den fortschrittlichen Köpfen in der katholischen Kirche. Doch auf die Frage, ob er Lagmans Gesetzesentwurf zur Scheidung unterstützt, antwortet Villanueva mit hörbarem Mitleid in der Stimme: „Leider kann ich das nicht.“

Das Ganze sei ein äußerst kontroverses Thema, betont er. „Die katholische Kirche ist bis heute der Auffassung, dass die Heiligkeit der Ehe umfassend ist und nicht kompromittiert werden kann.“ Er sei nicht von gestern, betont Villanueva, das Problem verstehe er. Aber wie praktisch alle Vertreter christlichen Glaubens in den Philippinen findet Flavie Villanueva, dass es für Paare, deren Ehe einfach nicht funktioniere, längst eine Lösung gebe: „Man kann doch eine Annullierung machen.“

Tatsächlich kann man vor einem kirchlichen Gremium die Aufhebung der Ehe beantragen. Nur ist diese Möglichkeit für viele Menschen pure Theorie. Im Büro von Divorce Pilipinas hat die ebenfalls gläubige Christin Milagros Fernandez erklärt: „Das versuche ich gar nicht erst. Die Kirche würde meinen Fall nicht anerkennen.“ Schließlich würden meist nur psychische Erkrankungen als Grund akzeptiert – oder der äußerst seltene Fall, dass schon im Moment der Eheschließung andere ernsthafte Gründe gegen ein Ja-Wort sprachen, damals aber nicht bekannt waren. Ein weiterer Grund wiederum, warum die Möglichkeit der Ehe-Annullierung kaum Scheidungswillige anspricht, ist Geld: Rund 500 000 Philippinische Pesos, umgerechnet rund 8500 Euro, müssen in der Regel an Gebühren aufgebracht werden, was in den Philippinen selbst für Angehörige der Mittelschicht wie Milagros Fernandez kaum bezahlbar ist. Und selbst wer es sich leisten kann, scheut den Gang vor ein kirchliches Gremium dennoch, berichtet Fernandez.

So hoffen Milagros Fernandez und Zehntausende andere in den Philippinen, dass das Parlament bald dem Gesetzesentwurf von Edcel Lagman zustimmt. Der wiederum ist auch deshalb von der Mehrheitsfähigkeit des Textes überzeugt, weil dieser ziemlich konservativ anmutet. Denn selbst in dem Fall, dass sich de facto getrennte Personen bald durch eine Behörde scheiden lassen können, soll damit noch lange nicht jeder Grund legitim sein. „Einer der Gründe wäre Untreue, die auch bewiesen werden müsste“, erklärt Edcel Lagman, „oder Missbrauch sexueller, körperlicher oder ökonomischer Art.“ Es müsse einen guten Grund geben – ein bloßes Ende der Liebe solle nicht genügen.

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