Philosoph Abdennour Bidar zu Gast in Stuttgart-Feuerbach Ein lehrreiches Sprachbad

Von Georg Linsenmann 

Schüler der Louis-Leitz-Schule in Feuerbach diskutierten mit dem französischen Philosophen und Autor Abdennour Bidar über Religion – in seiner Muttersprache

Abdennour Bidar (links) fordert den  Islam zu radikaler Selbstkritik auf. Foto: Georg  Linsenmann
Abdennour Bidar (links) fordert den Islam zu radikaler Selbstkritik auf. Foto: Georg Linsenmann

Feuerbach - Dass die Schüler mit dem Thema „Laizismus“ im Laufe des Schuljahres ein dickes Brett gebohrt hatten, wurde schon kurz vor dem Eintreffen von Abdennour Bidar deutlich. Selbst Abiturientinnen, die eben schriftliches „Französisch-Abitur“ gemacht haben, tun sich schwer, die Sache auf den Punkt zu bringen, wobei sich Ivona dann doch traut: „Es geht um die Trennung von Religion und Staat, aber wohl auch darum, einen Ausgleich zu schaffen.“ Worauf Sophie anmerkt: „In Frankreich ist die Trennung klar, bei uns wird man in der Schule eher in Religion reingezwungen, weil man erst auf dem Gymnasium Ethik wählen kann.“

Bidar, der im Vorfeld seiner Lesung beim hiesigen Institut français gekommen war, hätten alle drei Aspekte dieses Kurzdialoges gefallen. Allein schon, weil sie sich im Dialog zeigten und Nachdenklichkeit und Kritikbereitschaft signalisierten - und das Bedürfnis und den Anspruch auf die Freiheit, sich dabei einen eigenen Reim auf die Dinge, sogar auf Religion zu machen. Ein Thema, mit dem der Philosoph ins Epizentrum der Auseinandersetzung um das brisanteste Thema unserer Tag geraten ist: Religion und Gewalt. Denn der Philosoph, von Herkunft Muslim, hat mit dem 2016 erschienenen kleinen Büchlein „Offener Brief an die muslimische Welt“ den Islam zu radikaler Selbstkritik und Selbstaufklärung aufgefordert – und zugleich den „spirituellen Leerraum“ der westlichen Welt thematisiert.

2500 Jahre Philosophiegeschichte aufgerufen

Und dass er nichts von Polaritäten hält, nichts vom „Kampf der Kulturen“ oder einem unauflöslichen Gegensatz von „islamischer und westlicher Welt“, sondern für „penser, penser, penser!“ plädiert, fürs „Denken, Denken, Denken“, wofür er als Philosoph auch gleich 2500 Jahre Philosophiegeschichte aufrief: Sokrates, Decartes, Kant, Nietzsche. Eine einnehmende Persönlichkeit zu erleben, die in diesem Horizont lebt und aus diesem Horizont nachdrücklich versucht, Licht in die Gegenwart zu bringen und dabei zudem gleichermaßen die „spirituellen Quellen“ von Bibel und Koran präsent macht: Allein das schon war für die 35 Schüler eine große Sache. Entsprechend gebannt und mit höchster Aufmerksamkeit folgten sie Bidar.

Zumal sie sich von ihm auch ernst genommen fanden mit ihren Fragen, auch wenn sie in eineinhalb Stunden nur einen Teil der vorbereiteten, langen Liste vorbringen konnten. Im Grunde kreiste das meiste um die Frage, die ein Schüler stellte: „Wo ist der Platz der Religion in einer modernen Gesellschaft?“ Bidar unterschied deutlich zwischen „traditioneller und moderner Welt“, betonte den Wert der Demokratie, das „Volk als Quelle der Herrschaft“, die nötige Trennung von Staat und Kirche – und ließ keinen Zweifel daran, „dass Religion nur ein Referenzpunkt“ unter vielen sein könne. Und das obliege „der Freiheit der Entscheidung des einzelnen Menschen“.

Über das Internet bedroht

Ob er wegen seiner Schrift bedroht werde, wollte Luca wissen. „Nicht direkt, nur im Internet.“ Da erlebe er „viel Aggressivität“. Interessiert sei er aber nicht am Streit, sondern am „intelligenten Dialog“. Nur das berge „die Chance auf etwas Positives.“ Und zum Schluss bündelte er alles in die Frage: „Wer sind meine Brüder? Nachbarn, Angehörige derselben Religion, Einwohner eines Landes?“ Das seien Äußerlichkeiten. Ihn interessierten Menschen, die sich dem „l’être humaine“, dem Menschsein, der Humanität verpflichtet fühlen: „Der Suche nach Glück, nach einer gerechten Gesellschaft, nach Teilhabe und Liebe. Menschen, die nach einem Sinn im Leben suchen.“ Kurzum: „nach Humanität.“ Mucksmäuschenstill war es bei diesem emphatischen, finalen Plädoyer, sehr herzlich dann der lange Beifall. Und Manisha resümierte: „Das war sehr beeindruckend und interessant. Dass die Menschen in Freiheit und mit gegenseitigen Respekt leben sollen. Dass jeder entscheiden soll, wie er leben will, und dass wir tolerant sein sollen.“

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