Philosoph Jürgen Habermas wird 90 Vom Außenseiter zum Meisterdenker

Der Philosoph Jürgen Habermas verteidigt unter anderem den europäischen Einigungsprozess. Foto: dpa

In der jungen Bundesrepublik galt der Denker Jürgen Habermas noch als Vertreter einer linken Minderheit. Heute wirkt er eher wie der Staatsphilosoph des neuen Deutschland. Eine Würdigung zu seinem 90. Geburtstag am 18. Juni 2019.

Stuttgart - Fragt man nach dem bedeutendsten lebenden deutschen Philosophen, wird im In- wie Ausland schnell ein Name fallen: Jürgen Habermas. Zu seinem 90. Geburtstag, den der 1929 in Düsseldorf geborene Philosoph und Soziologe am 18. Juni 2019 in seinem Wohnort am Starnberger See feiern kann, wird er deshalb ausführlich gewürdigt werden: philosophisch als Erbe der kritischen Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule, die er gleichwohl in entscheidenden Punkten korrigiert hat; politisch als streitbarer Intellektueller, der sich immer wieder in die aktuellen Debatten der Bundesrepublik eingemischt hat.

 

Habermas legt zwar Wert darauf, zwischen seinen philosophischen Arbeiten und seinen politischen Einmischungen zu unterscheiden. Aber bei genauerem Hinsehen zeigt sich, die einen ohne die anderen nicht zu verstehen sind.

Kind der Re-Education

Als Angehöriger der Flakhelfergeneration, der den Nationalsozialismus und dessen Zusammenbruch als Jugendlicher erlebt hat, begrüßte Habermas den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg als Bruch mit einer verhängnisvollen Tradition des deutschen Nationalismus. Er sei ein Kind der alliierten „Re-Education“, hat er gelegentlich betont. Von daher erklärt sich, dass jeder mit seiner Gegnerschaft rechnen musste, der gegenüber den Errungenschaften der europäischen Aufklärung und der westlichen Demokratien einen deutschen Sonderweg rehabilitieren wollte.

Das zeigte sich beispielsweise im Historikerstreit der 1980er Jahre, in Habermas’ Skepsis gegenüber der deutschen Wiedervereinigung 1990 oder in seinem Plädoyer für den europäischen Einigungsprozess, in dem er sich deutlich auf die Seite des französischen Präsidenten Emmanuel Macron geschlagen hat.

Versöhnung der Gegensätze

Galten viele der von Habermas vertretenen Positionen in den Anfangsjahrzehnten der Bundesrepublik noch als Standpunkte einer linken Minderheit, so waren sie Ende der 1980er Jahre in der Mitte der westdeutschen Gesellschaft ankommen. Parallel dazu hat sich in seinen philosophischen Arbeiten die von Heidegger inspirierte Technikkritik und die von Marx und Adorno herkommende Kapitalismuskritik seiner frühen Jahre abgeschwächt zu einer Theorie der „kommunikativen Rationalität“.

Das Werk von Habermas zeichnete sich immer mehr dadurch aus, gegensätzliche philosophische Positionen miteinander zu versöhnen: Hermeneutik und sprachanalytische Philosophie; deutschen Idealismus und amerikanischen Pragmatismus; Systemtheorie und Frankfurter Schule; das Emanzipationsversprechen von Liberalismus und Sozialismus und die Fortschrittsskepsis der in Nietzsches und Heideggers Bahnen denkenden Postmodernen wie Foucault und Derrida. Für den kommenden Herbst hat Habermas’ Hausverlag Suhrkamp ein neues voluminöses Werk von ihm angekündigt, das dem Verhältnis von Glauben und Wissen in der abendländischen Philosophiegeschichte gewidmet ist.

Streben nach Konsens

Aus seiner Abneigung gegen den Dezisionismus von Carl Schmitt, der zwischen Freund und Feind unterscheidet, hat Habermas eine Demokratietheorie ersonnen, die die Spaltung der Gesellschaft in Parteien durch einen Dauerdiskurs mit dem Ziel eines „herrschaftsfreien Konsenses“ überwinden will. Dieses Zauberwort vom „Konsens“ hat längst aus dem philosophischen Jargon Eingang in die politische Sprache gefunden.

Inzwischen allerdings zeigt sich der Preis, der für dieses Streben nach Konsens zu entrichten ist, philosophisch wie politisch. Der Philosophie von Habermas ergeht es wie den deutschen Volksparteien, die in ihrem Bemühen, es allen recht zu machen und niemandem weh zu tun, auch niemanden mehr richtig begeistern. Dass manche in Habermas längst so etwas wie den Staatsphilosophen des neuen Deutschland sehen, müsste bei ihm eigentlich einiges Unbehagen auslösen. Auch hier gilt der Befund von Hans Magnus Enzensberger, dass es Siege gibt, die von Niederlagen nicht zu unterscheiden sind.

Fragmentierte Öffentlichkeit

In den Strukturen unserer sprachlichen Kommunikation, im Austausch von begründender Rede und Gegenrede, an dem alle gleichberechtigt teilnehmen können, ist die Möglichkeit zur Versöhnung gegensätzlicher Positionen immer schon angelegt, behauptet der sprachphilosophisch abgeschwächte Vernunftbegriff, mit dem Habermas operiert. Dessen Defizite werden heute immer sichtbarer.

Im Zeitalter einer fragmentierten Öffentlichkeit, in der Youtuber und Influencer ihre eigene Fangemeinde um sich scharen, und in der Gesellschaft der Singularitäten mit jeweils spezifischen Lebensstilen, von denen der Soziologe Andreas Reckwitz spricht, finden solche milieuübergreifenden Diskurse immer seltener statt. Und wenn, dann führen sie nicht zum Konsens, sondern vertiefen den Streit. Und was ist mit nicht sprachfähigen Wesen wie etwa den vom Klimawandel bedrohten Eisbären oder den von der Agrarindustrie beseitigten männlichen Küken in der Hühnerzucht, die ihre Rechte nicht in einem Diskurs einklagen können?

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