Philosoph zum Klimaschutz Lasst uns Bäume pflanzen!

Philosophische Theorien müssen nicht kompliziert sein. Bei Olaf Müller geht es um ganz handfeste Dinge. Foto: dpa
Philosophische Theorien müssen nicht kompliziert sein. Bei Olaf Müller geht es um ganz handfeste Dinge. Foto: dpa

Nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Solche Einwände lässt Olaf Müller nicht gelten. Bei einem Vortrag in Stuttgart appelliert der Berliner Philosoph an jeden Einzelnen, „seinen CO2-Dreck wegzumachen“ – und geht selbst mit gutem Beispiel voran.

Wissenschaft: Alexander Mäder (amd)
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Stuttgart - Es gibt den Witz vom Ethikprofessor mit zweifelhaftem Lebenswandel, der gefragt wird, warum bei ihm Reden und Handeln nicht zusammenpassen. „Haben Sie schon einmal ein Schild gesehen, das in die Richtung läuft, in die es zeigt?“, verteidigt er sich. Olaf Müller ist ein Gegenentwurf zu diesem Professorentyp. Er lehrt Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und lebt seine Philosophie. Er spricht nicht nur über die Gründe für Klimaschutz, sondern macht selbst mit. Er lebt in der Nähe der Universität, fährt wie viele Berliner mit dem Rad und macht Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern.

Mit seiner Frau und den beiden Töchtern hat Müller in den vergangenen zwölf Monaten zwölf Tonnen CO2 emittiert, also drei Tonnen pro Kopf. Das liegt unter dem deutschen Durchschnitt von zehn Tonnen, sogar unter dem weltweiten Schnitt von fünf Tonnen. Zum Auftakt der Ringvorlesung „Zukunftsprojekt Erde“ in der Unibibliothek Stuttgart bekannte Müller am Dienstagabend, dass er noch weiter Treibhausgase einsparen wolle, denn das international anerkannte Klimaschutzziel sehe zwei Tonnen pro Person vor. Fürs erste hat er 300 Euro an den Verein Prima-Klima-weltweit in Düsseldorf gespendet, damit die Organisation 1200 Quadratmeter brach liegende Fläche aufforstet. Nach zehn Jahren wird der Wald die zwölf Tonnen CO2 wieder der Atmosphäre entzogen und in seinem Holz gespeichert haben. Müller zeigt eine Urkunde, auf der zu lesen ist, dass der Wald in der Nähe der sächsischen Stadt Adorf steht. „Irgendwann werde ich hinfahren und ihn mir anschauen“, sagt er.

Über Klimaschutz sollte man nicht nur reden

Müller gefällt dieser Ansatz, weil er an den Einzelnen appelliert. Den „Funktionseliten“, zu denen er die Klimapolitiker zählt, misstraut er. Doch warum sollten andere seinem Beispiel folgen? Ein schlagendes Argument habe er nicht, sagt er, aber auf eine Spannung wolle er schon aufmerksam machen: die Spannung zwischen Reden und Handeln. „So wie ein Pazifist nicht hasserfüllt sein sollte“, sagt er, „sollte auch ein Klimaschützer kein CO2 emittieren.“

Dagegen steht das Argument, dass eine Tonne CO2, die jemand einspare, nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Nur wenn viele mitmachen, hat die Mühe auch Erfolg. Diese Art zu denken will Müller nicht akzeptieren und man bekommt den Eindruck, dass es ihn umtreibt. „Es ist alles andere als einfach, Wutausbrüche zu zügeln und in treffende Gegenargumente umzumünzen“, steht auf dem Thesenpapier, das er verteilt hat. Aber er versucht es: Wer von Klimaschutz rede, aber seine CO2-Emissionen nicht kompensiere, sei keine harmonische Persönlichkeit, argumentiert er. Man könne die emotionale Zerrissenheit zwar mit rationalen Argumenten überdecken – „aber das ist nicht gut“. In einem seiner Aufsätze schreibt Müller, man müsse ein inneres Gleichgewicht anstreben – gerade in moralischen Fragen, um als Person auf diesem Feld glaubwürdig zu bleiben.

Ein bisschen denken muss jeder selbst

Müller führt noch ein zweites Argument an: „CO2 ist Dreck, und seinen Dreck macht man wieder weg.“ Er kontert damit den Einwand, der Einfluss des Einzelnen sei nicht messbar, mit dem Hinweis darauf, dass der CO2-Ausstoß des Einzelnen durchaus messbar ist. Und er appelliert an eine moralische Norm, die er in Deutschland – und im Schwabenland sowieso – tief verankert sieht. Sie habe eine Motivationskraft, die alle „hochelaborierten“ philosophischen Theorien in den Schatten stelle.

Und doch wirkt die moralische Norm nicht bei jedem. An diesen Einwand scheint sich Müller gewöhnt zu haben. „Dass ich mit meiner Utopie nicht durchdringe, ist mir klar“, sagt er. Er könne nur mit Argumenten dafür werben. Doch spricht es nicht gegen die vermeintliche Motivationskraft einer Norm, wenn sich kaum jemand daran hält? Ein Zuhörer fragt, ob es nicht einen Unterschied mache, dass man den CO2-Dreck nicht sehe. Ja, sagt Müller, da müsse man naturwissenschaftlich denken – und letztlich seinen Kopf bemühen, um sich die Folgen vor Augen zu führen. Ob es auch dazu eine Norm gibt, lässt er offen.

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