Philosophie für junge Menschen Wie man sich selbst sucht – und vielleicht findet
Was macht mein Leben aus? Zwei neue Sachbücher für Kinder und Jugendliche stellen Fragen und geben Denkanstöße.
Was macht mein Leben aus? Zwei neue Sachbücher für Kinder und Jugendliche stellen Fragen und geben Denkanstöße.
Die aktuell geballten Krisen gehen auch an Kindern und Jugendlichen nicht spurlos vorbei. Vielleicht geben sie einen Impuls, gerade jetzt über die wichtigen Dinge im Leben sozusagen philosophisch, also grundlegend nachzudenken. Ein neues Kinder- und ein neues Jugendsachbuch greifen dazu existenzielle Fragen auf.
Das verrät bereits der Titel des Buchs der feministischen Autorin und Aktivistin Jamia Wilson. Er lautet: „Die ganz großen Fragen. Wie sie dir helfen, unsere Welt und dich selbst zu verstehen“. Um Identität, Lebenssinn, Glaube, Freiheit, Gerechtigkeit und vieles mehr geht es darin.
Die Themen werden knapp beschrieben, mit Zitaten berühmter Menschen verschiedener Kulturkreise aus Vergangenheit und Gegenwart aufgelockert und von Andrea Pippins farbenfroh mit Gesichtern, Symbolen und Ornamenten illustriert. Ein hübscher, Mahatma Gandhi zugesprochener Satz lautet: „Ich werde niemanden mit schmutzigen Füßen durch meinen Kopf gehen lassen.“
Die Autorin spricht ihre junge Leserschaft oft direkt an, ermuntert, neugierig zu bleiben und eigene Meinungen zu entwickeln. Trotz der manchmal etwas holprig wirkenden gendergerechten Sprache lesen sich die jeweils auf Doppelseiten zusammengefassten Texte mit ihrer zeitgemäßen Haltung ziemlich gut.
Im Kapitel Identität zum Beispiel geht es um den Begriff „Race“, der eben nicht mit „Rasse“ übersetzt werden könne, da es bei Menschen wissenschaftlich gesehen keine „biologische Einordnung“ gibt, wie sie etwa die Nazis abwertend konstruierten. Nur das Aussehen ist verschieden und führte zu jahrhundertelangen Ungerechtigkeiten, die bis heute fortwirken.
Das Glossar am Ende erklärt der jungen Zielgruppe möglicherweise ungewohnte Begriffe. Ein Zeitstrahl ordnet die genannten Philosophinnen, Denker und Künstlerinnen von Konfuzius, Baruch de Spinoza über Voltaire, Olympe de Gouges bis hin zu Frida Kahlo, Stephen Hawking, Alice Walker und J. K. Rowling ein. Ein bilderreiches, sehr schön gestaltetes Buch, das viele Denkanstöße vermittelt.
Was macht mich aus? Wie finde ich heraus, wer ich bin und wie ich mein Leben führen möchte? Um letztendlich ähnlich grundsätzliche Fragen dreht sich auch der an Jugendliche gerichtete Ratgeber „Wo bitte geht’s zum guten Leben?“ von Ina Schmidt. So eingängig und flott, wie es der Titel verspricht, ist auch das Buch geschrieben. Die Kulturwissenschaftlerin und promovierte Philosophin Schmidt überzeugte schon mit ihrem Buch für Kinder ab fünf Jahren „Das kleine Ich auf der Suche nach sich selbst: Eine philosophische Vorlesegeschichte für Kinder“, das auch in Erwachsenenkreisen gerne verschenkt wird.
In ihrem neuen Buch für Jugendliche geht Schmidt spielerisch von Postkartenweisheiten aus wie: „Lebe deinen Traum und träume nicht dein Leben.“ In gelungener Mischung pendelt sie zwischen unmittelbar lebenspraktischen und philosophischen Überlegungen hin und her. Wobei aktuelle Ausgaben der Werke von Hannah Arendt bis Platon, aus denen sie berichtet, immer auf der jeweiligen Seite verzeichnet sind, was zum Weiterlesen Lust machen kann. Ein Ratschlag ist dann etwa, sich die Begleiterscheinungen konkret auszumalen, wenn man zum Beispiel von einem Bauernhofleben in einsamer Berggegend träumt.
Handfeste Tipps gibt es in eingefügten Textboxen, deren Gestaltung wie auch die charmanten Zeichnungen zu den Kapitelanfängen von der Illustratorin Lena Ellermann stammen. Zur Lebensweisheit „Sei einfach du selbst“ wird empfohlen, ein „Selbstbild“ von sich zu entwerfen, es einer Freundin zu zeigen, ob sie einen ähnlich wahrnimmt, um dann die Rollen zu tauschen. Zuvor finden sich hier viele, nicht unkomplizierte Gedanken, die zwischen Biologie, Philosophie und Psychologie changieren. Aber Dank des leichten und frischen erzählerischen Duktus‘ liest sich das so lehrreich wie vergnüglich.
Die Philosophie „als Expertin fürs Allgemeine“? So beschreibt die Autorin das Fach und vermag dafür zu begeistern. Gerade, weil sie auch praktisch vermittelt, wie viel sich für die eigene Lebensgestaltung aus ihr ziehen lässt. Voraussetzung ist die Kunst des Fragens. Oder wie Rainer Maria Rilke zum „Liebhaben“ von Fragen schrieb: „Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages, in die Antwort hinein.“ Ein irgendwie tröstlicher Gedanke für das, was man lebenslange Entwicklung nennt.
Jamia Wilson
„Die ganz großen Fragen. Wie sie dir helfen, unsere Welt und dich selbst zu verstehen“. Aus dem Englischen von Constanze Wehnes. Carlsen-Verlag. 64 Seiten. 16 Euro. Ab 10 Jahren
Ina Schmidt
„Wo bitte geht’s zum guten Leben?“. Carlsen-Verlag. 160 Seiten. 16 Euro. Ab 14 Jahren