Neun von zehn Erwachsenen in Deutschland haben zumindest leichte Veränderungen der Beinvenen. Dr. Hans Seiter vom Ambulanten Gefäßzentrum am Robert Bosch Krankenhaus erklärt, was man dazu wissen sollte.
Dr. Seiter, was machen unsere Venen eigentlich den ganzen Tag?
Im Grunde übernehmen unsere Venen die Entsorgung im Körper: Sie sammeln das sauerstoffarme, „verbrauchte“ Blut aus den Organen ein und transportieren es zurück zum Herzen. Arterien hingegen sorgen für die Versorgung und bringen sauerstoffreiches Blut in die Organe.
Diese Entsorgung ist entscheidend für das Funktionieren unseres Körpers. Bildlich gesprochen: Wenn der Zug mit verbrauchtem, venösem Blut den Bahnhof nicht verlässt, kann kein neuer Zug mit frischem, sauerstoffreichem Blut einfahren.
Eine besondere Herausforderung dabei: Während in den Arterien das Herz als Pumpe den Bluttransport übernimmt, müssen die Venen täglich rund 7000 Liter Blut entgegen der Schwerkraft zurück zum Herzen befördern. Dabei werden sie vor allem durch die sogenannte Muskel-Venen-Pumpe in den Beinen unterstützt.
Außerdem dienen die Venen als wichtiger Blutspeicher: Rund 85 Prozent der gesamten Blutmenge befinden sich in ihnen.
Welche Venenerkrankungen begegnen Ihnen in der Praxis am häufigsten?
In unserer Praxis sehen wir am häufigsten Patientinnen und Patienten mit Besenreisern und Krampfadern. Danach folgen arterielle Durchblutungsstörungen, Thrombosen sowie Lymphödeme.
Wie entstehen Krampfadern und warum sollte man sie nicht einfach ignorieren?
Krampfadern sind in erster Linie genetisch bedingt. Begünstigt werden sie unter anderem durch höheres Alter, Übergewicht, Schwangerschaft und Bewegungsmangel. Durch diese Faktoren kommt es zu einer Schwäche des Bindegewebes. Die Venenwände, die im Gegensatz zu Arterien keine Muskelschicht haben, werden dadurch poröser und weiten sich aus. In der Folge schließen die Venenklappen nicht mehr richtig. Das bedeutet: Das Blut wird nicht mehr ausreichend in Richtung Herz transportiert, sondern staut sich in den oberflächlichen Venen. So entstehen die typischen Krampfadern.
Unbehandelt können sie Beschwerden wie Schweregefühl oder Schmerzen verursachen und auch zu Folgeerkrankungen wie Venenentzündungen oder Thrombosen führen.
Wie behandeln Sie Krampfadern heute – welche Methoden kommen dabei zum Einsatz?
Die Wahl der Behandlung richtet sich immer nach dem Schweregrad der venösen Insuffizienz, dem Alter sowie weiteren Begleiterkrankungen der Patientinnen und Patienten.
Wir nutzen unterschiedliche Verfahren. Dazu zählen konservative Maßnahmen wie die Kompressionstherapie sowie verschiedene Formen der Verödung – flüssig, Schaum oder Microschaum.
Je nach Befund können auch invasive Verfahren notwendig sein, sogenannte endoluminale, also kathetergestützte Verfahren wie Laser- oder Radiofrequenzbehandlungen sowie nicht-thermische Methoden wie der Venenkleber. Auch mikrochirurgische, minimalinvasive Operationstechniken kommen zum Einsatz.
Und wie sieht es mit Besenreisern aus – sind sie harmlos?
Grundsätzlich sind Besenreiser harmlos und führen in der Regel nicht zu Komplikationen. Sie können jedoch als Vorstufe von Krampfadern angesehen werden.
Wie entstehen Lymphödeme und wie kann man sie heute behandeln?
Lymphödeme können entweder genetisch bedingt sein oder entstehen sekundär durch Schädigungen des Lymphgefäßsystems, zum Beispiel infolge von Entzündungen, Unfällen oder Operationen. Die Behandlung erfolgt in der Regel konservativ, vor allem durch Kompressionstherapie, manuelle Lymphdrainage und Kältewickel. Ziel ist es, den Lymphabfluss zu verbessern und Schwellungen zu reduzieren.
Wann können Venenerkrankungen gefährlich werden?
Venenerkrankungen können sowohl akut als auch chronisch verlaufen. Zu den akuten Formen gehören etwa Thrombosen, zu den chronischen Erkrankungen etwa Krampfadern und die chronisch-venöse Insuffizienz (CVI).
Dabei ist wichtig zu wissen: Zwischen diesen Krankheitsbildern bestehen vielfältige Wechselbeziehungen. Krampfadern können die Entstehung von Thrombosen begünstigen – und umgekehrt. Im ungünstigen Verlauf kann sich aus beiden Krankheitsbildern eine chronisch-venöse Insuffizienz entwickeln, die zu dauerhaft geschwollenen oder sogar offenen Beinen führt. Thrombosen können im schlechtesten Fall zu lebensbedrohlichen Lungenembolien führen.
Umso wichtiger sind eine frühzeitige Diagnose und konsequente Therapie, sowohl zur Behandlung akuter Ereignisse als auch zur Vermeidung langfristiger Schäden.
Wie gehen Sie vor, wenn Patientinnen und Patienten mit Venenbeschwerden zu Ihnen kommen? Welche Untersuchungen sind entscheidend?
Bei der Abklärung von Venenbeschwerden ist die wichtigste Untersuchung die farbcodierte Duplexsonografie, eine spezielle Form des Ultraschalls. Mit dieser Methode lassen sich sowohl die Struktur der Venen als auch der Blutfluss genau beurteilen. Der Duplex ist das moderne „Stethoskop“ des Gefäßchirurgen beziehungsweise Phlebologen.
Betreffen Venenprobleme nur ältere Menschen?
Venenprobleme sind keineswegs nur ein Thema im höheren Alter, sondern können auch jüngere Menschen betreffen. Allerdings nehmen Häufigkeit und Beschwerden mit dem Alter deutlich zu:
Schon bei den 20- bis 29-Jährigen berichten rund 45 Prozent über venentypische Beinbeschwerden wie Schwere- und Spannungsgefühl, Schwellungen, Krämpfe, Juckreiz oder unruhige Beine. Bei den 70- bis 79-Jährigen sind es etwa 75 Prozent.
Thrombosen treten mit zunehmendem Alter auch häufiger auf: Während sie bei den 18- bis 29-Jährigen etwa 1 Prozent betreffen, sind es bei den über 65-Jährigen rund 10 Prozent.
Was kann ich ganz konkret tun, um meine Venen gesund zu halten?
Es ist wichtig, die Risikofaktoren zu berücksichtigen und entsprechend vorzubeugen. Dazu gehört vor allem regelmäßige Bewegung sowie ein gesundes Körpergewicht.
In bestimmten Risikosituationen – etwa bei längeren Reisen – kann das Tragen von Kompressionsstrümpfen sinnvoll sein. Bei familiärer Vorbelastung oder auch bei der Einnahme hormoneller Verhütungsmittel wie der Pille empfiehlt sich zudem eine frühzeitige Untersuchung des Venensystems.
Info: Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des RBK Stuttgart.




