Photovoltaik anmelden in Stuttgart Stau beim Solaranlagen-Anschluss – so reagiert der Netzbetreiber

Harald Hauser (links) und Martin Binder sagen, die Stuttgart Netze hätten den Hochlauf bei den Solaranlagen gesehen – sich aber dennoch verschätzt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Wer in Stuttgart eine Solaranlage anschließen will, kommt an Stuttgart Netze nicht vorbei. Hier nimmt der Netzbetreiber Stellung zu Beschwerden wegen Wartezeiten und Problemen bei der Kommunikation.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Die Anzahl an Anfragen von Bürgern, die in Stuttgart eine Solaranlage in Betrieb nehmen wollen, hat sich laut dem Netzbetreiber Stuttgart Netze seit 2021 vervierfacht. Die Folge waren und sind eine Reihe von Problemen. Dass Interessierte ein Jahr warten müssten, bis ihre PV-Anlage am Netz ist, seien allerdings „Einzelfälle“.

 

Der Solarausbau boomt. Ist das für Sie eine gute oder schlechte Nachricht?

Harald Hauser: Wir haben jetzt 6500 Solaranlagen am Netz, das ist für uns in einem städtischen Netz keinerlei Herausforderung, da geht es den Kolleginnen und Kollegen in den ländlichen Versorgungsgebieten anders. Bei den ganz großen Anlagen wie bei Porsche oder am Großmarkt werden auch mal Netzmaßnahmen notwendig, alle anderen Anlagen kann unser Netz aber locker verkraften.

Uns erreichen viele Beschwerden von Stuttgartern, weil sie lange auf die Anmeldung ihrer Solaranlage warten müssen.

Hauser: Die Anlagen haben eine völlig unterschiedliche Komplexität. Eine der großen Herausforderungen ist, wenn der Kunde nicht nur einspeisen, sondern seine Energie vergütet haben will – was selbstverständlich ist. Das setzt eine moderne Messeinrichtung voraus, die in beide Richtungen zählt. Da das in vielen Fällen leider noch nicht der Fall ist, braucht es einen Zählertausch. Das kann schnell gehen, das kann aber auch weniger schnell gehen. Unter Umständen ist der Zählerplatz gar nicht in der Lage, die moderne Messeinrichtung aufzunehmen. Er muss dann erst durch einen Elektrofachbetrieb ertüchtigt werden.

Anschlusswillige beklagen auch die Kommunikation mit der Stuttgart Netze.

Hauser: Wir wissen: Was unser Thema Erreichbarkeit angeht, haben wir uns nicht mit Ruhm bekleckert . Unsere Kunden können aber sicher sein: Jeder Antrag wird bearbeitet, jeder bekommt seine Rückmeldung. Wir merken: Alles, was nicht in der Stunde null ordentlich vorbereitet ist, potenziert das Problem hintenraus. Ich würde schwören, dass Fälle , die von einem kompetenten Elektrofachbetrieb betreut werden, nie zu extremen Situationen führen . Ein großes Thema ist hier die Aufklärungsarbeit im Vorfeld. Deshalb haben wir auch Kontakt aufgenommen zu den Solarscouts, die in Stuttgart neu gegründet wurden und in ihren Bezirken Nachbarn beraten.

Martin Binder: Seit dem 1. Januar ist unsere neue Internet-Anmeldung aktiv. Und wir haben seit dem 1. Januar einen neuen Dienstleister für den Kundenservice zu technischen Anfragen. Da gehört das Thema Photovoltaik ganz vorne mit dazu. Der Service ist von 7 bis 17h telefonisch erreichbar und bietet auch einen Rückrufservice an. Ziel ist es, unseren Fachbereichen den Rücken freizuhalten, damit diese sich um die Bearbeitung der Anträge kümmern können.

Wurden Sie vom großen Solar-Interesse überrascht?

Hauser: Ja, wir haben uns bei unseren Annahmen zu unseren Ungunsten verschätzt. Die Anzahl an neuen Anfragen hat sich seit 2021 vervierfacht. Wir sahen den Hochlauf an Problemen kommen, selbstverständlich haben wir die Personalplanungen entsprechend angepasst.

Wie lang ist die durchschnittliche Wartezeit, wenn jemand eine Solaranlage an Ihr Netz anschließen will?

Binder: Auf keinen Fall ein Jahr, das traue ich mich zu sagen. Solche Wartezeiten sind Einzelfälle . Wir verzichten seit Monaten auf die Anmeldungen von Balkonkraftwerken, die Betreiber haben früher genauso die Berechtigung gehabt, uns zu erreichen, wie jemand, der eine 100-Kilowattpeak-Anlage anschließen will. Das haben wir deutlich vereinfacht, das schafft Kapazitäten.

Hauser: Es ist ein Riesenunterschied, ob das Thema Zählerwechsel mit einhergeht. Wenn nicht, würde ich von einer Wartezeit von Wochen reden, also einstellig. Ist ein Zählerwechsel nötig, sind es zwei Monate, die wir halten sollten. Doch wehe dem Prozess, wenn ein Zählerplatz technisch ertüchtigt werden muss. Dann haben wir es nicht im Griff. Das ist ein Vertragsverhältnis, das der Eigentümer mit dem Elektrofachbetrieb hat. Solche Fälle müssten der Logik nach aber immer weniger werden, weil die Zähler ohnehin nach und nach getauscht werden müssen. Von circa 350 000 unserer Zähler im Netz sind 110 000 bereits moderne Messeinrichtungen.

Wie viele Mitarbeiter kümmern sich aktuell um den Anschluss von PV-Anlagen?

Binder: Aktuell haben wir in Summe sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür sowie weitere Leasingkräfte, wir haben Werkstudenten, und wir haben aktuell fünf offene Stellen. Wir könnten sofort fünf Leute einstellen.

Hauser: Solange wir noch so stark auf Kommunikation angewiesen sind, müssen das nicht nur Leute sein mit elektrischem Basisverständnis, sie müssen auch kommunikationsstark sein und den Frust am Telefon aushalten. Energie war immer ein ziemlich langweiliges Thema. Inzwischen reden alle über Versorgungsunterbrechungen oder Dunkelflauten. Wir wissen, dass wir als Unternehmen heute viel sichtbarer sind als noch vor zehn Jahren.

Ausbau der Photovoltaik

Personen
Harald Hauser ist technischer Geschäftsführer der Stuttgart Netze. Martin Binder ist der Leiter der Netzentwicklung. Stuttgart Netze wurde 2013 als Kooperationsunternehmen gegründet; die Stadtwerke Stuttgart halten 74,9 Prozent der Anteile, Netze BW 25,1 Prozent. Stuttgart Netze sind Eigentümer und Betreiber der Elektrizitätsverteilnetze in der Landeshauptstadt. Die Nummer der Service-Hotline lautet: 0800/4804 400.

Solarausbau
Im Jahr 2023 sind in Stuttgart laut Marktstammdatenregister 2518 Solaranlagen ans Netz gegangen, davon waren 1045 Balkonkraftwerke, 1200 haben 1- bis 12-Kilowatt-Anlagen. 273 waren große Anlagen. In ganz Deutschland wurden im vergangenen Jahr so viele Solaranlagen angeschlossen wie in keinem Jahr zuvor. (ana)

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