Photovoltaik in der Region Stuttgart Warum die Region Stuttgart Solar-Schlusslicht ist

Im ersten Halbjahr 2023 wurde mehr Solarleistung zugebaut als im ganzen Jahr 2023. Die Region Stuttgart nutzt ihre Potenziale bislang nur bedingt. Foto: Marijan Murat/dpa/Thomas Fritsch

Nirgends ist pro Einwohner weniger Solarleistung verbaut als in der Region Stuttgart. Woran liegt das – und was bedeutet das für die Energiewende?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Bei Photovoltaik steht die Region Stuttgart landesweit auf dem letzten Platz. Auf einer Karte des „Photovoltaik-Netzwerk Baden-Württemberg“ ist sie als einzige hellgrau eingefärbt: hellgrau wie wenig zugebaute Solarleistung, jedenfalls auf Dächern und gemessen an der Einwohnerzahl. Bei der installierten Gesamtleistung liegt die Region Stuttgart landesweit auf Platz zwei hinter der Region Heilbronn-Franken. Doch viele Menschen bedeuten viel Energieverbrauch. Gemessen daran haben andere Regionen, zum Beispiel Oberschwaben, zuletzt doppelt so viel installiert.

 

Und der Solarboom setzt sich fort: im ersten Halbjahr 2023 wurde in Baden-Württemberg mehr PV-Leistung zugebaut als insgesamt 2022. Auch wenn man die insgesamt verbaute Solarleistung pro Kopf betrachtet, ist die Region Stuttgart ein heller Fleck inmitten weitaus leistungsfähigerer Gegenden im Land. Das zeigen die Daten, die unsere Redaktion gemeinsam mit der Initiative „Wattbewerb“ ausgewertet und als Solarranking Baden-Württemberg veröffentlicht hat.

Woran liegt es, dass eine energiehungrige Region wie Stuttgart so wenig eigenen Solarstrom erzeugt? „Es geht hier deutlich enger zu als in allen anderen Teilen des Landes“, sagt der Chefplaner des Regionalverbands, Thomas Kiwitt. Tatsächlich ist die Region Stuttgart dicht besiedelt, hier leben mehr Menschen unter einem Dach als in den meisten anderen Landstrichen im Südwesten.

Das macht den Solarzubau komplizierter, etwa wenn es sich um eine Eigentümergemeinschaft handelt, zudem ist die Installation meist teurer als auf dem Dach eines Einfamilienhauses. Wegen der kleineren Dachfläche pro Person sind dicht besiedelte Regionen bei Rankings, die auf die PV-Leistung pro Einwohner schauen, strukturell im Nachteil. Ähnlich argumentiert die Stadt Stuttgart, die im Solarranking auf dem letzten Platz der Großstädte landet.

Viel Solarleistung auf einen Schlag lässt sich mit großen Freiflächenanlagen erzeugen. Das gehe in der Region Stuttgart schwerer als anderswo, sagt Kiwitt. Die Böden seien äußerst fruchtbar und für Solaranlagen zu schade, zumal viele Grundstücke oft sehr klein sind. „Eine mehrere Hektar große PV-Anlage umzusetzen, ist oft enorm aufwendig – schon um die Eigentümer überhaupt festzustellen“, sagt der Regionalplaner.

Die Flächen wären da

Die Region Stuttgart hat zwar weniger geeignete Flächen als andere Landkreise – nutzt sie aber so gut wie nicht, wie eine Auswertung der Klimaschutz- und Energieagentur des Landes mit Stand 2021 zeigt. „Der Photovoltaik-Ausbau muss noch deutlich beschleunigt werden, um den wachsenden Strombedarf sicher und klimafreundlich decken zu können“, heißt es darin. Rund vier Prozent der Fläche könnten sofort für PV-Anlagen genutzt werden, berichtet der Regionalverband. „Die Freiflächen sind da. Eigentlich können wir durchstarten“, sagte dazu schon vergangenes Jahr der Regionaldirektor Alexander Lahl unserer Zeitung.

Von selbst passiert das nicht. Wer ist in der Pflicht? Die Ludwigsburger Baubürgermeisterin Andrea Schwarz wies im Juli darauf hin, dass man auf die Mithilfe der Bürger angewiesen sei. Private Dächer werden von Privatleuten und Unternehmen bestückt. Für sie hat die Bundesregierung vergangene Woche Erleichterungen auf den Weg gebracht. Doch auch Kommunalverwaltungen können das Ihre zum Gelingen der Energiewende beitragen. Sie stellen Bebauungspläne auf und regeln die Flächennutzung, um Freiflächenanlagen zu ermöglichen. Zudem können sie ihre eigenen Gebäude mit Solaranlagen bestücken. Gespräche mit zahlreichen Gemeinden machten Hoffnung, dass „schon kurzfristig“ mehr größere Solaranlagen errichtet würden, sagt Thomas Kiwitt nun.

Was Kommunen tun können

In welchen Gemeinden der Solarausbau schon jetzt gut gelingt und in welchen weniger gut, zeigt erstmals das Solarranking unserer Zeitung. Wo sich Solaranlagen lohnen und wie viel Strom sie erzeugen können, hat die Landesanstalt für Umwelt errechnet. Es handelt sich zwar nur um eine eine Schätzung, doch allein im Stuttgarter Stadtgebiet könnten Solaranlagen bei entsprechender Sonneneinstrahlung die Leistung eines durchschnittlichen Atomkraftwerks erbringen.

Dieses Potenzial zu nutzen ist auch Aufgabe der regionalen Wirtschaftsförderung. Sie müht sich redlich, betreibt etwa eine Solardach- und Freiflächenbörse im Internet. Auch Erstberatungen, Informationsveranstaltungen und ein „PV-Check“ für Kommunen und Unternehmen zählen zu den Leistungen eines eigens gegründeten Förderprojekts „PV-Netzwerk“. Hunderte kostenlose solcher Checks inklusive Wirtschaftlichkeitsberechnung habe man vergangenes Jahr durchgeführt, berichtet die Wirtschaftsförderung.

Es tut sich also was. Im Solarranking wird die Region Stuttgart sich dennoch schwertun – zumindest bei der Solarleistung je Einwohner. Thomas Kiwitt hofft, dass die hier „deutlich intensiveren Nutzungskonflikte“ vor allem mit Landwirten dank sogenannter Agri-PV gelöst werden können, die wie ein Dach etwa über Obstplantagen oder Äckern installiert wird. Auch auf den rund 15 Prozent bereits bebauten Fläche der Region könnte Solarstrom erzeugt werden, etwa auf Dächern, über Parkplätzen und an Lärmschutzwänden oder mit sogenannten Balkonkraftwerken.

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