Pianist Michael Wollny in Nürtingen Geheimnisvolle Klangmalereien

Der Pianist Michael Wollny liebt das musikalische Abenteuer. Foto: Rainer Kellmayer

Als Klangzauberer präsentierte sich der Pianist Michael Wollny bei den Nürtinger Jazztagen. Er erschloss dem Publikum eine kosmische Welt der Töne.

Nürtingen -

 

Wenn Michael Wollny am Flügel sitzt, weiß man nicht, was man mehr bewundern soll: Die phänomenale Fingertechnik, seine überschäumende Fantasie oder die Fähigkeit, das Publikum in eine kosmische Welt der Töne zu entführen. Beim Solokonzert im Rahmen der Nürtinger Jazztage zog der Ausnahmepianist in der Stadthalle K3N die Zuhörerinnen und Zuhörer vom ersten Ton an in seinen Bann. Vollgriffige Akkorde füllten den ganzen Konzertraum.

Mit hexenmeisterlicher Virtuosität trat Wollny in einem wahren Klangrausch den Weg durch den Quintenzirkel an, und gelegentlich wagte er Ausflüge in die fragile Tonwelt des Impressionismus. Doch reine Tastenakrobatik ist Wollny nicht genug. Immer wieder griff er ins Innenleben des Flügels und erweiterte so das Klangspektrum des Instruments: Er zupfte die Saiten einzeln an oder dämpfte diese beim Tonanschlag ab. Ungewohnte Klänge brachen sich Bahn – mal dumpf antönend, mal hell flirrend, um dann wieder mit perkussiver Kraft pointierte Akzente zu setzen.

Furchterregendes Grollen

Ein furchterregendes Grollen stand neben Momenten innigster Zärtlichkeit, und wenn die linke Hand zum groovenden Puls ansetzte, begann die Musik zu swingen. Doch mit traditionellem Jazz hat Michael Wollny nichts am Hut. Seine Welt ist die des musikalischen Abenteurers, der neuen Klängen nachspürt, dem Hörer Kurioses, Unerwartetes und bisher Ungehörtes serviert und damit eine ganz besondere Aura schafft. Wenn man die Augen schließt und sich ganz darauf einlässt, setzt sich auch gleich das Kopfkino in Gang: Fantasiewelten öffnen sich – der Tonrausch wird zum faszinierenden Erlebnis, das einem den Atem nimmt.

Der stete Fluss der Inspiration

Michael Wollny ist kein Freund kurzer Stücke. Wenn er Titel wie „Mühlrad“, „Father Lucifer“ oder „Tale“ in einer 40-minütigen Performance nahtlos aneinanderreiht, fordert dies eine gehörige Portion an Kondition und den steten Fluss der Inspiration – kein Problem für den Pianisten, der sich bei der Moderation auch als ein sehr charmanter Plauderer entpuppte.

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Dabei erfuhr das Publikum dann zum Beispiel, dass Wollny die Idee zum Titel „Mondenkind“ kam, als er mit seinem Sohn den Film „Apollo 11“ anschaute. Mit apokalyptischen Klängen und monotonen Tonfolgen in höchster Lage entführte Michael Wollny den Hörer in ein aufregendes Weltraumabenteuer. Dabei zauberte er die rasanten Fingerspiele so virtuos aus dem Flügel, dass die Tasten regelrecht heiß liefen. In seiner unverwechselbaren Art sorgte der virtuose Klangzauberer für ein stetiges Changieren der Stimmungen. Er streute spannende Effekte ein und führte das Publikum mit einer gelungenen Klangmischung von düster bis laut, voller Energie und mit bombastischen Toneruptionen, in einen geheimnisvollen Kosmos. Gelegentlich erhoben sich die Klangmalereien in ätherischer Schönheit – doch Wollny liebt die starken Kontraste.

Ein geheimnisvoller Kosmos

Unvermittelt ließ der Künstler den Flügel donnern und traktierte die Gehörgänge mit wilden, mit den Oberarmen aus den Tasten gepeitschten Clustern, die einen um das Heil des Flügels zittern ließen. Den fachkundigen Jazzfans, die in der Nürtinger Stadthalle den aufregenden Klangspuren konzentriert gefolgt waren, hat es gefallen. Mit Beifallsstürmen forderten sie Zugaben: Michael Wollny zog nochmals alle Register seines phänomenalen pianistischen Könnens. Zunächst begeisterte er mit einer bunten Mischung aus melodischen Akkordfolgen, sperrigen Klängen und fernöstlich anmutenden Tonspielen. Und als das Publikum noch immer nicht genug hatte, gab‘s zum Schluss gar noch einen fetzigen Boogie-Woogie als Rausschmeißer.

Michael Wollny persönlich

Biografie
 Michael Wollny wurde 1978 in Schweinfurt geboren. Von 1997 bis 2004 studierte er an der Hochschule für Musik in Würzburg. Dort legte er 2004 das Meisterklassen-Diplom ab. Seit 2005 steht Wollny beim Jazzlabel ACT unter Vertrag: 19 CDs hat er eingespielt. Neben seiner Konzerttätigkeit als Solopianist musizierte er in Ensembles wie dem „Hubert Winter Quartett“, den „Young Friends“ sowie im Duo mit dem Saxofonisten Heinz Sauer. Michael Wollny lebt in Leipzig. Dort ist er als Professor an der Hochschule für Musik und Theater tätig.

Auszeichnungen Für sein Album „Melancholia“ erhielt Wollny 2005 den Preis der Deutschen Schallplattenkritik und – zusammen mit Heinz Sauer – den Bayerischen Kunstförderpreis. 2008 wurde er mit dem SWR-Jazzpreis ausgezeichnet, 2010 folgte der renommierte ECHO-Jazz als Instrumentalist des Jahres. Weitere Echo-Prämierungen gab es in den Jahren 2011, 2013, 2015 und 2016. 2017 erhielt Wollny den Bayerischen Kulturpreis und im November 2018 wurde er mit dem Kulturpreis der Stadt Würzburg ausgezeichnet.

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