Pianistin Olivia Trummer gastiert in Stuttgart im Bix Solo oder Trio: was Olivia Trummer am Klavier braucht, sind Freiräume

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Die Pianistin Olivia Trummer nimmt in Ludwigsburg ein Soloalbum auf und kommt mit einem neuen Trio mal wieder in den Stuttgarter Jazzclub Bix.

Farben finden: kein  Problem für die Jazzmusikerin  Olivia Trummer Foto: Veranstalter
Farben finden: kein Problem für die Jazzmusikerin Olivia Trummer Foto: Veranstalter

Stuttgart - In der letzten Woche hat Olivia Trummer in den Ludwigsburger Bauer Studios schon zwei sehr feine Sets gespielt, als sie Anlauf nimmt zum offiziell letzten Stück des Abends, dem Abschluss von Claude Debussys Suite „Children’s Corner“. Es ist das Stück mit den meisten Anspielungen, in diesem Fall auf den „Tri­stan“-Akkord von Richard Wagner, zu dem Debussy als Mensch und Kollege ein sehr gespaltenes Verhältnis hatte.

Folgerichtig ist der Mittelteil von „Golliwoggs’s Cakewalk“ eine witzige und subtile kleine Gemeinheit, denn genau dieser Akkord, dem die Musikgeschichte dann doch einiges verdankt, wird hier gewissermaßen „tiefergelegt“: Aus einem Maserati wird ein Manta, wenn man so will. Olivia Trummer nun wieder unterläuft dieses Verfahren ein wenig, wenn sie mit der linken Hand virtuos auf dem Steinway spielt und mit der rechten Hand auf dem Fender Rhodes Piano. So ist es, als ob der Funke, über den sich Debussy ein wenig lustig macht, gleich doppelt springt. Und dann, als ob gar nichts großartig geschehen wäre, addiert Olivia Trummer noch ein bisschen Debussy, mit dem sie das Ludwigsburger Konzert begonnen hatte. Da sei sie aber, sagt Trummer, „noch nicht ganz da“ gewesen, was keiner im Publikum bei dieser Aufnahmesession so richtig gemerkt hat. Doch wer hätte etwas gegen Zugaben? Also umsingt Olivia Trummer mit irisierenden Linien noch einmal „The Shepherd“, ebenfalls aus „Children’s Corner“. Debussy gehört zu ihren Favoriten.

Bestes klassisches Handwerk

Was sie im Gespräch „ein Spiel spielen“ nennt, hat Olivia Trummer, heute 32 Jahre alt, schon angefangen , als sie in sehr jungen Jahren – im Prinzip mit vier – endlich an den elterlichen Flügel in Stuttgart durfte, unter dem sie vorher schon öfter gerne übernachtet hatte. Fast von Beginn an lief der klassische Unterricht, zuerst von der Mutter, parallel zum Improvisieren, und es war, wie man heute deutlich merkt, schon gut, dass keiner Olivia Trummer ausgeredet hat, zum Beispiel in den Kadenzen der Haydn’schen Klavierkonzerte herumzufuhrwerken. Schon lange und jetzt wieder in Ludwigsburg bei der Aufnahme der neuen Soloplatte unter Live-Bedingungen hört man, wozu es dient, dass da jemand bestes klassisches Handwerk gelernt hat, um sich gleichzeitig am Computergramm des Vaters einen Reim zu machen, der swingt. Noch immer hat Olivia Trummer einen sehr schönen klassischen Anschlag. Aber ihre erste eigene Platte war halt von Bill Evans: „Waltz for Debbie“.

Bestimmte Evans’sche Harmonierungsmuster dringen manchmal durch, wie Olivia Trummer überhaupt keine Schwierigkeiten hat, zu denen zu stehen, die ihr die Richtung gewiesen haben: In Ludwigsburg singt sie zum Beispiel eine klug reduzierte Fassung von Stevie Wonders „You are the Sunshine of my Life“ und auch Burt Bacharachs „Close to you“ kommt dran, ein Lied, das Olivia Trummer schon lange begleitet. Es macht dem Publikum in den Bauer Studios dermaßen gute Laune, dass es sich das Ganze noch einmal als Zugabe wünscht.

Olivia Trummer ist aus Berlin zu Gast, wo sie 2012 nach einer längeren Zeit in New York an der Manhattan School of Music hingezogen war: „Prenzlauer Berg, ganz klassisch.“ Nette Nachbarn habe sie auch, nämlich welche, die es nicht stört, wenn bei Trummers geübt wird. Manche Sachen gehen nun mal nicht von allein, selbst wenn man, wie Olivia Trummer, ein paarmal bei „Jugend musiziert“ gewonnen hat. Als sie in Ludwigsburg sanft darangeht, die Allemande aus der ersten Partita von Johann Sebastian Bach zu synkopieren, hört man dreierlei: ihr formales klassisches Verständnis, eine makellose Technik und den unbedingten Willen, in jene Freiräume zu kommen, wo nicht mehr ganz gewiss ist, welche Wendung das Stück selbst in einer ziemlich fest gefügten Struktur nimmt. Die Perfektion hat sie, neben anderem, auch in New York gelernt, „weil dort alle auf 200 Prozent ticken“, der Abenteuergeist ist ihr irgendwie angeboren. Mittlerweile hat Olivia Trummer ein Artist Visa für die Staaten – „wodurch sich wieder eine Tür öffnet“. Wenn sie Sehnsucht bekommt, kann sie hin, und Sehnsucht hat sie schon mal öfter.

Stilistisch von enormer Bandbreite

Trummers Bandbreite ist enorm, zumal nachdem sie, in der Jugend in Chören sozialisiert, vor zehn Jahren das Singen angefangen hat. In Ludwigsburg spielt sie zum Beispiel „Embracing“, ein Lied, das von den verschiedenen Möglichkeiten handelt, jemanden oder etwas festzuhalten, am Ende Wolken gar, die vorüberziehen, auf dass sie blieben: „and make them stay“. Nicht von ungefähr gibt es manchmal so eine Art Eichendorff’schen Moment in Trummers Lyrik: wo nichts passiert und alles gesagt ist. Um Eichendorff herum rankte sich tatsächlich einmal eine Auftragsarbeit, die Olivia Trummer angenommen hatte. „Da gehen immer Fenster auf“, sagt sie, realistisch und metaphorisch gesehen, das liegt ihr. Außer eigenen Texten würde sie Lyrik reizen von Leonard Cohen, aber „da weiß ich nicht, ob ich die zum Klingen bringen kann“, sagt sie. Oder Gedichte von E. E. Cummings, „der aber noch mal eine besondere Hausnummer“ sei. Ein zweites Solo­album hat Olivia Trummer jedenfalls schon im Kopf, da will sie „frei improvisieren und mich einfach davontragen lassen“. Der Rest ist immer Abendform.

Am Freitag kommt Olivia Trummer wieder mal in den Jazzclub Bix, mit Freude natürlich, wiewohl sie „Heimspiele“ immer auch ein bisschen anstrengend findet. Ihre Trio-Besetzung hat häufig variiert in den letzten Jahren, was auch daran liegt, dass „meine Leute immer sehr gefragt sind“. Heuer dabei sind der Bassist Hagai Cohen Milo, der in Boston bei Danilo Perez und Bob Moses studiert, Film- und Theater­musiken (für die Bayerische Staatsoper) geschrieben hat und schon vom Magazin „Down Beat“ ausgezeichnet worden ist. Am Schlagzeug sitzt der Darmstädter Tobias Backhaus, ebenfalls Komponist und vom Berlin Jazz Orchestra bis Till Brönner schon ziemlich überall dabei gewesen. Drei Komponisten, drei ausgezeichnete Solisten: ein vielversprechender Abend also.