Die weite Welt der Musik präsentiert der Kabarettist und Pianist Christoph Reuter am Samstag, 7. Februar, im Großen Haus in Fellbach-Schmiden. Foto: Christoph Reuter
Klavierkabarettist Christoph Reuter spricht vor dem Gastspiel in Fellbach über Pianisten mit schlanken und kräftigen Fingern und über den intensiven Kalorienabbau beim Schlagzeugspiel.
Dirk Herrmann
03.02.2026 - 17:00 Uhr
So manche Menschen gehen bekanntlich zum Lachen in den Keller. Verlockender allerdings ist der Besuch eines Gewölbekellers – zum Beispiel jener des Großen Hauses in Schmiden. Dort veranstaltet das Kulturamt der Stadt Fellbach an diesem Wochenende wieder zwei Abende im Rahmen der Reihe „Kleinkunst im Großen Haus“. Gast am Samstag, 7. Februar, ist der Berliner Kabarettist und Pianist Christoph Reuter. Im Interview spricht er über schlanke und gewichtige Musiker, über Musik als Doping und über seine Einlagen am Schlagzeug.
Herr Reuter, auf den Presse- und PR-Fotos sehen Sie ja nicht gerade übergewichtig aus. Was ist denn Ihr Body-Mass-Index?
Oh, was für ein Einstieg. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, welchen Index ich habe, und bin auch etwas froh darüber. Ich mache glücklicherweise musikalisches Kabarett und keine Ernährungsberatung. Bei mir steht der Spaß mit dem Thema im Vordergrund, dabei möchte ich gut unterhalten, mit schönen Geschichten aus der Welt der Musik, und natürlich auch Klavier spielen. Also keine Tipps zum Body-Mass-Index. Nach dem Motto: „Nach 20 Minuten Joggen erzeugt der Körper Glückshormone – mein Körper schafft das schon nach einem Bier und zwar im Sitzen.“
Die Frage ergibt sich natürlich aus dem Titel Ihres Programms: „Musik macht schlank“. Das erinnert mich spontan an Jane Fondas Aerobic-Siegeszug zu Discoklängen aus den 80ern. Da hat Musik jedenfalls den Körper gestählt…
Das kann Musik definitiv, auch beim Musikmachen verbrennt man viele Kalorien bei unterschiedlichen Instrumenten. Da macht es einen Unterschied, ob Sie brav am Cembalo ein Menuett spielen oder ein krasses Schlagzeugsolo. Übrigens, kleiner Spoiler: Ich spiele in diesem Programm Schlagzeug, was definitiv Kalorien verbrennen wird, bei allen.
Oder hat Sie eher der betagte Wirbelwind Mick Jagger inspiriert, der mit seinen 82 Jahren wie ein Strich in der Landschaft und doch voller Tempo vor Hunderttausenden über die Bühnen tobt?
Dazu muss ich kurz erzählen, dass ich alle meine Programme mit dem „außer manche“ betitele und ich von meinem ersten Programm „Alle sind musikalisch! (außer manche)“ über „Musik macht schlau! (außer manche)“ bis zum „Musik macht schlank! (außer manche)“ gewandert bin. Meistens entsteht eine Idee für ein Programm spontaner. Man hört etwas Lustiges, und mein Gehirn merkt sich genau das. Später überlege ich mir, ob man daraus vielleicht ein Programm machen könnte. Beim Thema „schlank“ fand ich es so herrlich abwegig, das Thema mit Musik in Verbindung zu bringen, dass ich dachte: Das mache ich. Auch damit mich einige Journalisten danach befragen.
So ganz stimmt Ihre These auch nicht: Dicke Jazzpianisten mit Wurst- , äh, sorry, mit nicht ganz so schlanken Fingern bringen es sogar zu Weltruhm, wie der legendäre Fats Waller. Fingerfertig über die Tasten wirbeln kann man also auch, wenn man etwas mehr Volumen und Körpergewicht zu bieten hat.
Ja, oder denken Sie an Elvis in seinen späteren Jahren oder Plácido Domingo. Viele Sänger nehmen ihren Körper auch als Resonanzfläche wahr, und da ist es schon von Vorteil, ein paar mehr Gramm auf den Rippen zu haben, als der Personal Trainer möchte. Aber ich habe das Glück, keine wissenschaftlichen Beweise erbringen zu müssen, sondern etwas Freude, und das macht die Angelegenheit lustiger.
Aber vielleicht spielt es sich mit langen, schlanken Fingern leichter – Sie als studierter Jazzpianist haben den besten Einblick.
Interessanterweise sind schlanke Finger nicht in allen musikalischen Stilistiken von Vorteil. Ich hatte einige Jazzpianolehrer in meinem Leben, die sehr kurze, kräftige Finger hatten und trotzdem fantastisch Klavier gespielt haben. Daher ist nicht die Ausstattung das Wichtigste, sondern das, was man daraus macht.
In Ihrem Programm beantworten Sie viele Fragen, auf die man von allein gar nicht gekommen wäre. Zum Beispiel: Wer wurde mit „Happy Birthday“ reich und berühmt? Ich nehme mal an, es ist nicht Stevie Wonder?
Nein, ich erzähle die Geschichte von dem Lied „Happy Birthday“, das man hierzulande auch mit „Zum Geburtstag viel Glück“ singt, denn die wenigsten kennen die Geschichte dahinter, die Ende des 19. Jahrhunderts beginnt. Und falls Sie jetzt neugierig geworden sind, dann kommen Sie zu meinem Programm, oder kaufen mein neues Buch „Musik macht schlau! (außer manche)“, das gerade beim Heyne Verlag erschienen ist. Da erzähle ich Ihnen ausführlich diese Geschichte, die Sie wiederum beim nächsten anstehenden Geburtstag im Freundeskreis fröhlich weitererzählen können.
Auch viele Langstreckenläufer bringen sich beim Training durch die Knöpfe in den Ohren in Schwung: Gehört das für Marathonläufer nicht wegen Missachtung der Dopingregeln strikt verboten?
Ja, das ist eine Grauzone. Oft ist im Profibereich Musik tatsächlich verboten, weil es leistungssteigernde Effekte haben kann. Sie laufen gleichmäßiger und schneller, wenn Sie einem Rhythmus folgen.
Apropos Doping, Drugs and Rock’n’Roll: Musik – ist sie eine bessere Droge als die in Rock- und Jazzkreisen beliebten illegalen Aufputschmittel? Manche geniale Werke sind offenkundig nur durch harten Stoff (Miles Davis) oder ausgeprägten Koks-Konsum entstanden – siehe Fleetwood Macs berüchtigtes 1977er Album „Rumors“. Und doch würdigen wir sie als Meisterwerke der Musikgeschichte.
Das Thema ist heikel und schon bei den klassischen Komponisten war die große Frage, ob sie grandiose Musik geschrieben haben, weil sie bewusstseinserweiternde Dinge zu sich genommen haben, oder sowieso diese Musik geschrieben hätten, auch ohne fremde Hilfe. Das ist ein schönes Thema, über das man stundenlang mit einem Glas in der Hand debattieren kann, ohne eine gute Antwort zu bekommen. Das liebe ich.
Ihre ersten Erfolge feierten Sie mit dem später als TV-Showmaster berühmt gewordenen Eckart von Hirschhausen, der als Sidekick Ihrer witzigen Darbietungen agierte – oder habe ich da was falsch verstanden?
Sie sind jetzt schon witziger als ich. Aber klar, ich spiele seit langer Zeit sehr gerne mit Eckart zusammen.
Nach Hunderten von Auftritten als Alleinunterhalter gibt’s wohl kaum noch Lampenfieber – oder wischen Sie es nach wenigen Sekunden auf der Bühne spätestens mit dem ersten virtuosen Klaviersolo weg?
Also, ich muss sagen, dass ich Lampenfieber sehr mag. Es ist auch eine Art von Droge. Noch dazu kostenlos und, falls ein Auftritt gut verläuft, erzeugt es eine größere Freude, als es eine synthetische Droge je könnte, das glaube und hoffe ich zumindest. Ein Glück kennen viele Menschen dieses Lampenfieber auf der Bühne nicht, sonst würden noch mehr Menschen Kabarettprogramme spielen. Haben Sie da schon einmal darüber nachgedacht, diese Droge zu genießen? Mögen Sie Lampenfieber?
Nein, das ist überhaupt nicht mein Ding. Sie sind ja nicht nur als lustiger „Piano man“ (Billy Joel), sondern auch seriöser Komponist von Klavierkonzerten, sechs Oratorien und einem Musical bekannt. Da bricht sich womöglich Ihr wahres Ich Bahn, kommt also Ihre tiefe Seele und ernste Seite zum Tragen?
Also ich trenne da nicht so strikt. Für mich passt das alles stimmig zusammen und ergibt mein musikalisches Leben. Ich mag es, unterschiedliche musikalische Dinge zu tun – zu spielen und zu komponieren. Und so darf ich jeden Tag eine andere Seite der Musik ausleben. Herrlich. Heute Pianist, morgen Komponist und am 7. Februar 2026 in Fellbach Kabarettist.
Modernes Kabarett zeichnet sich durch das gefürchtete Einbeziehen des Publikums aus. Jetzt habe ich gelesen, dass Sie in 120 Sekunden jedem Menschen das Klavierspielen beibringen können. Picken Sie sich dann auch bei der Kleinkunst im Großen Haus im Gewölbekeller in Fellbach-Schmiden einen raus, dem Sie dann „Hänschen Klein“ abringen?
Ich mag es sehr, ab und zu mit dem Publikum zu kommunizieren, und in meinen Programmen kommt jeder, absolut jeder dran. Spaß beiseite, natürlich nicht. Ob das so stimmt, werden Sie sehen, wenn Sie nach Fellbach zu meinem Programm kommen. Es soll ja auch für das Publikum eine Möglichkeit geben, in kurzer Zeit etwas schlauer, musikalischer und schlanker zu werden.
Mann am Klavier, Frau am Klavier
Christoph Reuter Der Pianist und Komponist Christoph Reuter, am 7. Februar zu Gast in Fellbach, hat an den Musikhochschulen Leipzig und Berlin Jazzpiano studiert und mit dem Konzertexamen abgeschlossen. Er hat mehr als 30 Alben eingespielt, drei Klavierkonzerte, sechs Oratorien und ein Musical geschrieben. Seit vielen Jahren ist er musikalischer Sidekick bei den Shows des Kabarettisten Eckart von Hirschhausen.
Lucy van Kuhl Bereits am Freitag, 6. Februar, 20 Uhr, ist die Chansonnière Lucy van Kuhl im Gewölbekeller des Großen Hauses in Schmiden zu erleben. Ihr Klavierkabarett trägt den Titel „Geschickt verpackt“. Beginn der beiden Abende ist um 20 Uhr, Karten jeweils 20 Euro – im Vorverkauf beim i-Punkt im Rathaus Fellbach, Telefon 0711/58 00 58.