Eigentlich sollte Piers Morgan dem Nachrichtensender CNN zu neuem Ruhm verhelfen. Doch auch er ist in den Murdoch-Skandal verwickelt.
London - CNN-Chef Jon Klein hat sich in den vergangenen Monaten sicherlich schon häufiger darüber geärgert, dass er Anfang dieses Jahres Piers Morgan zum Nachfolger der Prime-Time-Talk-Legende Larry King bestellt hat. Der glatte Brite kommt bei den amerikanischen Fernsehzuschauern nicht annähernd so gut an wie sein kauziger Vorgänger. Der Sendeplatz von Morgans Show ist bei den Quoten dramatisch hinter die Konkurrenz zurückgefallen. So richtig bereut hat Klein seine Personalentscheidung allerdings wohl erst in den vergangenen vierzehn Tagen, seit immer deutlicher wird, dass Morgan in die Abhöraffäre um Rupert Murdochs britische Zeitungen verstrickt ist.
Zum ersten Mal fiel Morgans Name im Zusammenhang mit dem Murdoch-Skandal am 22. Juli, als der ehemalige Daily Mirror-Reporter James Hipwell behauptete, das Abhören von Mobiltelefonen sei bei der Zeitung gängige Praxis gewesen. Morgan war 1993 Chefredakteur von "News of the World" geworden, dann 1996 an die Spitze des "Daily Mirror" gewechselt und laut den Aussagen von Hipwell, "sehr stark in das Tagesgeschäft involviert." Morgan dementierte prompt jegliche Kenntnis von illegalen Abhörpraktiken und versuchte Hipwells Glaubwürdigkeit infrage zu stellen.
Der Murdoch-Skandal ist über den Atlantik geschwappt
Doch der für seine Frechheit bekannte Starinterviewer, der beim "Mirror" 2005 wegen einer Affäre um gefälschte Fotos seinen Hut nehmen musste, kann die Anschuldigungen nicht einfach abschütteln. In der vergangenen Woche fand die BBC einen Artikel, den Morgan im Jahr 2006 verfasst und in dem er ein abgehörtes Gespräch zwischen Ex-Beatle Paul McCartney und seiner damaligen Geliebten Heather Mills zitiert hatte. Mills sagte nun gegenüber der BBC, es sei "absolut unmöglich, dass Morgan an die Aufnahme gekommen sein kann, ohne meine Nachrichten illegal abgehört zu haben." Nun fordern Mitglieder des Untersuchungsausschusses im britischen Parlament, Morgan zur Anhörung vorzuladen.
Durch die Causa Morgan ist der Murdoch-Skandal nun endgültig auch über den Atlantik geschwappt. Dabei hatte man genau das in den New Yorker Büros von Murdochs News Corp. verzweifelt zu verhindern versucht. So druckte das Murdoch-Blatt "Wall Street Journal" am 18. Juli ein Editorial, das die Vorgänge bei den Londoner Partnerzeitungen alleine auf die britische Boulevardkultur zu schieben versuchte. "Fleet Street hat den wohl verdienten weltweiten Ruf, Geschichten zu drucken, die auf einer einzigen ungeprüften Quelle beruhen und die wahr sind oder auch nicht", schrieb der Autor. Beim "Journal" herrschten andere Sitten.
Kommerzielle und ideologische Interessen
Sein Herausgeber Les Hinton, der allerdings gerade zurückgetreten war, weil er zur Zeit der Abhöraffären die britische Division von News Corp. geleitet hatte, habe beim "Journal" ethische Standards an die journalistische Arbeit angelegt. Dem "Wall Street Journal"-Editorial vorangegangen war am Tag zuvor jedoch ein Stück in der "New York Times", das sehr wohl britische Praktiken bei Murdochs Unternehmen aufgedeckt hatte. Die "Times" berichtete darin, dass die Murdoch-Tochter News America Marketing, ein Unternehmen zum Vertrieb von Werbebeilagen, über die Jahre insgesamt 655 Millionen Dollar an Schweigegeldern bezahlt habe, um Klagen wegen Industriespionage und anderen unlauteren Praktiken zu vermeiden. Dazu gehörte ein Vergleich mit einer Konkurrenzfirma über 29 Millionen Dollar, welche News America verklagt hatte, nachdem diese in ihr Computernetz eingedrungen war.
Der Herausgeber des "Wall Street Journals" versuchte Berichte der Konkurrenz abzutun als "Schadenfreude, die so dick ist, dass man sie mit einer Kettensäge durchschneiden kann". Dahinter steckten eindeutige kommerzielle und ideologische Interessen. Doch so einfach kann sich der amerikanische Zweig von News Corp. nicht von dem Verdacht befreien, dass hier die gleiche Unternehmenskultur herrschte wie in England und Australien. In der vergangenen Woche veröffentlichte das "New York Magazine" ein umfangreiches Dossier seines Medienbeobachters Frank Rich, der vor vierzig Jahren bei der Murdoch Zeitung "New York Post" als Theaterkritiker seine Karriere begonnen hatte. Rich stellt News Corp. als "archetypischen Medienkoloss" dar, bei dem "die Einschüchterung und Knebelung von Politikern, Konkurrenten, Reportern und ganz normalen Bürgern" zum Alltag gehört, "wenn es darum geht, Macht und Profite zu maximieren und vermeintliche politische, wirtschaftliche, persönliche Feinde auszuschalten."
"Die Murdoch Story hat gerade erst angefangen"
Die Indizienlast, die Rich gegen Murdoch aufbaut, ist erdrückend. Rich beginnt mit seinen eigenen Erfahrungen bei der "Post", als er mit Klatschmeldungen über sein Privatleben gefügig gemacht werden sollte und schließlich kündigte. Es geht weiter mit dem 4,5-Millionen-Dollar-Buchvertrag, den Murdoch 1995 dem Kongressabgeordneten Newt Gingrich anbot, der über ein Kartellverfahren gegen News Corp zu befinden hatte. Und es endet mit den Verstrickungen zwischen Murdoch und dem der Korruption überführten New Yorker Polizeichef Bernie Kerik, die stark an die Verbindungen der Londoner Polizei mit Murdoch erinnern.
Bis sich sowohl die amerikanischen Behörden als auch die US-Medien in gebührendem Umfang mit all diesen Dingen beschäftigen, ist es laut Rich nur noch eine Frage der Zeit. "Die Murdoch Story", stimmt ihm der "New York Times"-Medienreporter David Carr zu, "hat gerade erst angefangen." Die Frage, ob und wie CNN seinen Talkmaster Piers Morgan wieder loswird, ist da noch das geringere Problem.