Piet Oudolf Der Gartenpapst aus den Niederlanden

Stauden und Gräser bilden die Basis von Piet Oudolfs Gärten. Dazwischen werden Blütenstauden eingewoben, die mit ihrer Farbe und ihrer Struktur über lange Zeit gut aussehen. Darüber stehen einzelne Sträucher und Bäume. Fans pilgern zu den Gärten und Parks, die der Niederländer anlegt. Foto: Outdolf Hummelo/E. Ulmer Verlag

Lesenswert aus dem Plus-Archiv: Der Niederländer Piet Oudolf ist einer der einflussreichsten zeitgenössischen Gärtner. Fans pilgern zu den Gärten und Parks, die er gestaltet – wie die High Line in New York.

Hummelo - Öffentliche Parks steigern ihre Besucherzahlen, wenn Piet Oudolf für sie ein Beet geplant hat. Sein Privatgarten und die Gärtnerei in Hummelo bei Arnheim – über Jahrzehnte hinweg eine Pilgerstätte für Gartenplaner, Stauden- und Gräserfreunde und Busladungen von Gartenreisenden. Was die Menschen an Piet Oudolfs Gartenstil fasziniert? Obwohl geplant, sieht alles sehr natürlich aus.

 

Oudolf nennt dieses Prinzip Matrixpflanzung. Statt Blumen in kunterbunten Farben zusammenzusetzen, dominieren bei ihm wenige Pflanzen eine Fläche. Bodendeckende Stauden und Gräser mit unterschiedlicher Wuchshöhe bilden die Basis. Dazwischen werden Blütenstauden eingewoben, die sowohl mit ihrer Blütenfarbe als auch mit Struktur und Fruchtständen über lange Zeit dekorativ aussehen. Darüber stehen einzelne Sträucher oder Bäume.

Die Architektur der Pflanze

Oudolf, 1944 in Haarlem geboren, arbeitete zunächst im Restaurant seiner Eltern. Er ließ sich mit 25 Jahren zum Garten- und Landschaftsbauer ausbilden. In Hummelo machte er sich mit seinem Gartenbauunternehmen selbstständig. Sein privater Garten diente als Versuchsgelände, um die Stauden zu studieren, die er in seinen Pflanzungen einsetzte.

Der Niederländer schätzt Pflanzen, die nach der Blüte noch ein weiteres Leben haben, wie die große Engelwurz mit ihren braun abreifenden Doldenblüten oder die distelförmigen Samenstände der Mannstreu-Arten. Der architektonische Charakter einer Pflanze ist Oudolf wichtiger als ihre vergängliche Blüte. Er lässt die vertrockneten Stängel und Halme über Winter stehen, auch den Hausgärtnern rät er, die Schere wegzustecken.

Verblühtes und Vertrocknetes wird erst im Spätwinter, sprich Februar/März, zurückgeschnitten. So kann sich ein Gartenbesucher noch an der satten Herbstfärbung und der Winterstruktur erfreuen. Raureif und Schnee lassen vertrocknete Blätter wie Skulpturen erscheinen. Gräser- und Staudensamen werden gerne von Vögeln gefressen.

Bei Piet Oudolf fließen fundiertes Pflanzenwissen und Ökologie zusammen mit dem Gefühl für die Gestaltung mit Formen und Farben. Immer wieder betont der groß gewachsene Niederländer, wie wichtig es für einen Gartenplaner sei, seine Pflanzen zu kennen.

Piet Oudolf schätzt naturnahe Pflanzungen

Er betrachtet eine geplante Pflanzung nicht als einzementierten Status quo, sondern lässt die Entwicklung der Pflanzen zu. Pflanzenarten stehen im Wettstreit miteinander, das muss ein Planer vorher berücksichtigen. Die Gartenpflege greift nur lenkend ein, etwa, wenn sich eine Pflanzenart zu stark selbst aussät.

Diese Entwicklung zu mehr naturnahen Pflanzungen begann schon in den 1990er Jahren. Piet Oudolf ist Teil dieser Bewegung, die für eine neue, natürliche Pflanzenverwendung steht.

Sie wurde erst als „Dutch Wave“, niederländische Welle, bezeichnet. Ihre Ideen fanden international Verbreitung unter der Bezeichnung „New Perennial Movement“. Diese Art einer natürlicheren Staudenverwendung wird von mehreren Gartengestaltern in Europa vertreten. Sie streben unter ökologischen Gesichtspunkten nachhaltige Pflanzungen an mit einer Artenvielfalt, die für Tiere und Menschen attraktiv ist.

Die Anzahl der kombinierten Pflanzenarten ist hoch. Bei der New Yorker High Line, die von Oudolf stammt, sind es über 400 Arten. „Meine Pflanzenauswahl“, sagt Oudolf dazu, „beruht auf einer Mischung von heimischen Wildpflanzen und kultivierten Sorten.“

Mit dem Park The High Line hat New York ein neues grünes Wahrzeichen. Die 1980 stillgelegte, 2,3 km lange Hochbahnstrecke sollte demontiert werden, um Bauland in der Stadt zu gewinnen. Eine Bürgerinitiative appellierte mit Erfolg für den Erhalt und die Begrünung der Trasse. Durch eine Architektengruppe wurde die Trasse neu als multifunktionale Flächen mit Wegen, Sitzbänken, Liegewiesen und Pflanzen für die Stadtbewohner geplant. Piet Oudolf entwarf die Pflanzpläne.

Ein Garten auf einer ehemaligen Hochbahn

Die besondere Situation der Hochbahn war bei der Bepflanzung zu berücksichtigen. Oudolf: „Wir haben nur eine Substratschicht von 30 bis 40 cm für die Pflanzen zur Verfügung. Für Stauden reicht solch ein Erdvolumen aus. Wenn wir Bäume gepflanzt haben, wurden Bereiche geschaffen mit 60 bis 80 cm Erde. Die Erde wurde speziell für diesen Standort zusammengemischt.“

Jetzt ist der Park zehn Jahre alt. „Die Pflanzen sind gewachsen, die Bäume sind groß geworden. Wir greifen mit Pflegemaßnahmen ein, wenn es notwendig wird“, sagt Piet Oudolf. „Wenn eine Pflanzenart nicht wächst, wird sie ausgetauscht. Das ist einfacher, als zu viel Pflege in ihre Erhaltung zu investieren.“ Das Wissen, das man für Pflanzungen benötigt, die über Jahre attraktiv bleiben sollen, werde unterschätzt, sagt der Experte: „Als Gärtner muss man Erfahrung haben, wie sich die einzelnen Pflanzen entwickeln. Wer wuchert und verdrängt andere? Welche Arten sind schwach und werden überwachsen?“

Gerade für öffentliche Parks ist der Gesichtspunkt wichtig, den Pflegeaufwand zu reduzieren und so Kosten zu sparen. Trotzdem sollen Beetflächen für Besucher attraktiv aussehen. Die Parks in Metropolen sind Freizeitflächen für ihre Bewohner. Hier haben Stadtmenschen oft den einzigen Kontakt zur Natur. Mit dem Lebenszyklus der Parkpflanzen lernen sie die Jahreszeiten kennen.

Pflanzungen sollen auch im Winter gut aussehen

Auch in dem New Yorker Park sind Pflanzen vom Frühjahr bis zum Winter, wenn sie absterben, zu sehen. Ein Bildband zu dem Park zeigt auch eindrucksvolle Impressionen aus der Winterzeit. Piet Oudolf: „Bei den Pflanzen geht es mir nicht nur um schöne Blüten. Ein Garten, eine Pflanzung muss über das ganze Jahr gut aussehen, die Pflanzen zeigen uns die Jahreszeiten. Ihre Schönheit besteht auch in Samenständen und den Strukturen von braunen Stängeln.“

Oudolf gelingt es, mit seinen Pflanzplanungen die Sinne der Besucher anzusprechen. Sein Gestaltungskonzept geht davon aus, dass die Pflanzungen aufgrund des Wachstums der Pflanzen angepasst werden müssen. Daher besucht er von ihm geplante Gärten auch nach der Fertigstellung von Zeit zu Zeit.

Als guter Beobachter beurteilt er die Entwicklung der Pflanzungen, berät in seiner ruhigen Art mit den zuständigen Gärtnern Pflege- und Pflanzmaßnahmen. Für ihn als Planer sei wichtig, dass die Menschen sich für seine Pflanzungen interessieren, sie schätzen und pflegen. „Gärtnern wird immer noch als ein einfacher Beruf angesehen“, sagt Oudolf. Er fordert: „Von den Städten muss aber mehr Geld und mehr Fachwissen in diese Entwicklung gesteckt werden. Ein guter Gärtner ist sich der Umweltbedingungen bewusst und hat einen Sinn für Ökologie. Was wir heute dringend brauchen, sind grüne Städte.“

Piet Oudolf arbeitet daran. Er steckt schon mitten in einem neuen Projekt, dem Park auf der Belle Isle in Detroit. Seine öffentlichen Gärten verwandeln Orte und Menschen.

Mehr zu Piet Oudolfs Gärten

Piet Oudolfs Privatgarten ist für Besucher nicht geöffnet. Bilder davon gibt’s hier: Piet Oudolf, Noel Kingsbury: Oudolf Hummelo. Ulmer Verlag, 49,90 Euro. Das Buch informiert über Oudolfs Garten und seine Projekte in der ganzen Welt. Jüngst erschien ein Buch über Oudolfs Garten „The High Line“ in New York, der sich über mehrere Stadtviertel erstreckt: Piet Oudolf, Rick Darke: The High Line. Die grüne Ader New Yorks. Ulmer Verlag. 39,95 Euro.

Öffentliche Oudolf-Rabatten zu sehen gibt es hier:

  • Maximilian-Park Hamm, Alter Grenzweg 2, 59071 Hamm
  • Gräflicher Park Bad Driburg, Brunnenallee 1, 33014 Bad Driburg
  • De Vlinderhof im Maximapark, Alendorperweg 44, Vleuten, Niederlande
  • RHS Garden Wisley, Woking, Surrey, GU23 QB, Großbritannien
  • Highline New York, Gansevoor St. to W 30. St, 10011 New York City, USA
  • Lurie Garden Chicago, Südostende des Millenium Park, Chicago

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