Pilotabschluss der Metaller An der Schmerzgrenze

Geeinigt: IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, Bezirksleiter Roman Zitzelsberger, Südwestmetall- Verhandlungsführer Harald Marquardt und Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf (von links). Foto: dpa/Marijan Murat

Der Pilotabschluss lebt mitten in der Krise von der Hoffnung, dass die Metallindustrie wieder in den Aufschwung kommt. Da wandeln die Arbeitgeber auf heiklen Pfaden, meint Matthias Schiermeyer.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Ohne Kompromissfähigkeit wäre Tarifpolitik nutzlos – diesmal haben die Kontrahenten der Metall- und Elektroindustrie einen besonders weiten Weg zurückgelegt, um am frühen Freitagmorgen in Ludwigsburg auf einen Nenner zu kommen. Beide Seiten standen unter einem selten hohen Erwartungsdruck. Während die Arbeitgeber angesichts der Multikrise anfangs auf eine Nullrunde pochten, wollte die IG Metall die Inflation in diesem und nächsten Jahr weitgehend auffangen. Zwar sollte auch dem Staat ein wichtiger Part zukommen, doch drohte den Unternehmen eine Belastung, die einige von ihnen in größte Nöte getrieben hätte.

 

Die Erleichterung über den Pilotabschluss gilt vor allem der Erkenntnis, dass der große Graben wieder einmal überwunden werden konnte. Dabei haben die Arbeitgeber offenkundig mehr Entgegenkommen bewiesen als die Gewerkschaft – dies mit der erstaunlichen Begründung, dass der Kompromiss ein Vorschuss auf den spätestens für 2024 erwarteten Aufschwung sei. So viel Zuversicht in die Leistungskraft der von großer Heterogenität geprägten Industrie hätte man den Arbeitgebern noch vor der finalen Runde kaum zugetraut – da wurde die Lage noch tiefschwarz gemalt. Es ist daher nicht ausgeschlossen, dass der Tarifabschluss eine ähnliche Enttäuschung an der Mitgliederbasis auslöst wie der Abschluss von 2018.

Gesamtes Waffenarsenal auf den Tisch gelegt

Dies hatte fraglos mit dem Druck der Gegenseite zu tun: Relativ früh hatte die IG Metall ihr Waffenarsenal auf den Tisch gelegt. Ob 24-Stunden-Streiks oder Urabstimmung – die Gewerkschaft schien vor nichts zurückzuschrecken. Da verfolgt sie die schlichte Logik: Nur die Furcht vor massiven Produktionsausfällen erzwingt ausreichend Bewegung der Arbeitgeber. Noch am späten Abend wurden diese vor ein Ultimatum gestellt – was von ihnen als völlig unnötig empfunden wurde und die Atmosphäre zunächst wieder vergiften dürfte.

Denn die Industrie ist anfälliger denn je: Die globalen Produktionsbeeinträchtigungen bestehen weiterhin, und selbst die hohen Auftragsbestände drohen nun wegzubrechen. An der Schwelle zur Rezession hätte ein Arbeitskampf massiven Schaden angerichtet. Wer hätte dafür Verständnis haben sollen? Dass der große Knall unter diesen extremen Vorzeichen verhindert wurde, ist die große sozialpartnerschaftliche Leistung dieses Pilotabkommens.

Inflationsausgleichsprämie hat Zündstoff rausgenommen

Mit dem Plan einer steuerfreien Inflationsausgleichsprämie von bis zu 3000 Euro hatte Kanzler Olaf Scholz die Richtung vorgegeben – ein kluger Schachzug, der viel Zündstoff herausgenommen hat. So werden die Beschäftigten mit hohen Einmalbeträgen entlastet – wie schon die Chemieindustrie nahmen jetzt auch die Metaller das Angebot dankend an. Dass die IG Metall aber nicht auf dauerhafte Lohnerhöhungen verzichten wollte, ist nachvollziehbar, denn auch die Teuerungsrate wirkt anhaltend in die Zukunft hinein. Eine starke Entwertung der Einkommen hätte IG Metall & Co. erhebliche Legitimationsprobleme in den eigenen Reihen beschert. So haben sie mit einer Tabellenerhöhung von insgesamt 8,5 Prozent über zwei Jahre viel erreicht, selbst wenn die Arbeitgeber hier und da noch Erleichterungen aushandeln konnten.

Starke Tarifpartner garantieren Entlastung

Ganz ausgeglichen wird die Inflation damit nicht – auch die Beschäftigten müssen einen Anteil an den hohen Lebenshaltungskosten tragen, vor allem in letzten Monaten dieses Jahres. Der Pilotabschluss kann zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Menschen abseits der Vorzeigebranchen mit viel weniger Zuversicht nach vorne blicken können. Nur wo es starke Tarifpartner gibt, kommen die Menschen ohne große Schmerzen durch das Tal – andernorts herrscht Tristesse. Darum muss sich jetzt die Politik kümmern, Tarifpolitik kann nicht alles leisten.

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