Pilotprojekt am Hospiz Esslingen Hospizarbeit beginnt nicht erst mit dem Sterben

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Ein einjähriges Pilotprojekt des Esslinger Hospiz hat sich damit beschäftigt, wie eine kommunale Sorgekultur entwickelt werden kann. Dieses wurde auch wissenschaftlich begleitet.

Im Hospiz in Esslingen werden Menschen an ihrem Lebensende begleitet. Foto: Ines Rudel/Archiv
Im Hospiz in Esslingen werden Menschen an ihrem Lebensende begleitet. Foto: Ines Rudel/Archiv

Esslingen - Das vom Hospiz Esslingen getragene Pilotprojekt „Letzte Fragen – Esslingen im Dialog“ ist nach einem Jahr nun abgeschlossen. Aber deshalb ist die Entwicklung hin zu einer kommunalen Sorgekultur in der Stadt noch lange nicht zu Ende. Laut einer Mitteilung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde sollen die Ergebnisse diverser Workshops, in die viele Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen eingebunden waren, nun im persönlichen und beruflichen Umfeld weitergetragen und umgesetzt werden. In einer Broschüre sind sie zusammengefasst worden.

Die evangelische Kirche ist die Trägerin des Esslinger Hospizes im Stadtteil Oberesslingen, in dem seit der Eröffnung im April 2014 viele Menschen an ihrem Lebensende begleitet wurden. Laut dem Dekan Bernd Weißenborn beschränkt sich die Arbeit aber nicht nur auf die hospizlichen Aufgaben im engeren Sinn. Von Anfang an habe sich die Kirche in die „gesellschaftspolitische Diskussion über Sterben, Tod und den Umgang mit schwer Erkrankten“ einbringen wollen. In diesem Zusammenhang sei es der Kirche ein Anliegen gewesen, Antworten auf die Frage zu finden, wie eine Gesellschaft human, sorgend, fürsorglich sein und immer wieder werden könne.

Der Förderverein Hospiz und die Lecher-Stiftung bringen sich ein

Mit dem vom Förderverein Hospiz und der Lechler-Stiftung finanziell geförderten Projekt „Letzte Fragen – Esslingen im Dialog“ habe man sich dieser Herausforderung gestellt, sagt Weißenborn. Und es habe sich gezeigt, dass es wichtig sei, Dienste und Institutionen aus verschiedenen Bereichen zusammenzubringen und gemeinsam zu überlegen, „was wir miteinander tun können, um eine Sorgekultur unter uns zu vertiefen“. Wie Bernd Weißenborn ist auch Susanne Kränzle, die Gesamtleiterin des Esslinger Hospizes, davon überzeugt, dass die Hospizarbeit in die Gesellschaft gehört. „Das Lebensende und das Sterben sind Themen, für die alle Menschen in einer Gemeinschaft verantwortlich sind. Irgendwann sind wir alle auf die Fürsorge anderer angewiesen“, sagt Susanne Kränzle.

Für die Teilnahme an dem Projekt wurden rund 100 Personen – vorwiegend Frauen – gewonnen. Sie führten in ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld sogenannte Sorgegespräche, in denen es laut Kränzle um „tiefe letzte Fragen“ ging. Diese wurden dokumentiert und von Andreas Heller und Patrick Schuchter, zwei Wissenschaftlern der Universität Graz, ausgewertet. An „Erzählungen“, wie Patrick Schuchter die Gespräche nennt, kamen 160 zusammen. Es handle sich dabei um Lebenserfahrungen und das Alltagswissen von Menschen, die keine Profis auf diesem Gebiet seien.

Was Schuchter als sehr wichtig erachtet, denn „ethische Fragen im Gesundheitswesen werden sonst primär von den Profis dargestellt“. Zwar sei es schwierig gewesen, Gespräche zu initiieren, aber es seien dennoch erfreulich viele zustande gekommen. Und es habe sich gezeigt, dass Sterben zwar ein schweres Thema sei, über das „aber oft mit spielerischer Leichtigkeit diskutiert wurde“, so Schuchter. Letztlich sei es nicht darum gegangen, Lösungen zu finden, sondern andere tiefer zu verstehen.

Susanne Kränzle hat aber dennoch einiges erfahren, das umsetzbar ist. So wolle sie in einem der Esslinger Wohncafés weitere Gesprächsrunden anbieten. Eventuell biete sich dafür auch im Hospiz selbst Raum. Zudem will die Hospizleiterin stärker mit den Profis im Gesundheitswesen ins Gespräch kommen. Sie habe erkannt, dass diese daran interessiert seien, „die Sicht der Betroffenen“ zu erfahren.

Viele kleine Gesten

Patrick Schuchter ist überzeugt, dass es die vielen kleinen Gesten seien, die eine füreinander sorgende Gemeinschaft ausmachten: nachschauen, ob bei der betagten Nachbarin morgens die Rollläden hochgezogen werden, Einkäufe mit zu erledigen oder einfach mal auf ein Gespräch vorbeischauen. Wenn sich aus dem Wunsch einer blinden Frau, jemand möge ihr vorlesen, ein Vorlesekreis entwickele, dann seien das die besonderen Erfolge des Projekts. Gerade diese Sorgekultur im nachbarschaftlichen Bereich ist auch dem Dekan Bernd Weißenborn wichtig: „Was passiert, wenn das wegbricht?“, fragt er und sagt: „Dem wollen wir unter anderem mit diesem Projekt entgegenwirken.“

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