Pilotprojekt für Migranten in Stuttgart Warum die Spitzen-Gastronomie auch auf Flüchtlinge setzt

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Das Gastro-Unternehmen Rauschenberger und Bildungswerk Kolping haben sich zusammengetan, um Migranten und Flüchtlinge besser zu integrieren. Besonders überzeugt hat eine junge Frau aus Syrien, die eigentlich mal Betriebswirtschaft studiert hat.

Pier-51-Küchenchef Philipp Di Mineo und seine Auszubildende Nour Karro Foto: Lg/Leif Piechowski
Pier-51-Küchenchef Philipp Di Mineo und seine Auszubildende Nour Karro Foto: Lg/Leif Piechowski

Stuttgart - Philipp Di Mineo hat in seiner Zeit als Küchenchef im Pier 51 schon mehr als 100 Auszubildende betreut. Und obwohl die Abbrecherquote bei der Lehre zum Koch generell mit fast 50 Prozent sehr hoch ist, schätzt er, habe er 85 seiner Azubis bis zum Abschluss begleitet. Die 29-jährige Nour Karro aber ist eine ganz besondere Kraft für ihn: „Sich unterordnen können, Durchsetzungsvermögen haben, Belastbarkeit zeigen – das alles bringt Nour im hohen Maße mit.“ Ebenso wichtig: „Man muss ihr nur einmal was zeigen, und schon funktionieren die Abläufe“, lobt Di Mineo.

Karro ist auch deshalb eine besondere Mitarbeiterin, weil sie Teil eines Pilotprojekts ist, das die Rauschenberger Gastronomie, zu der das Pier 51 in Degerloch gehört, und das Kolping Bildungswerk auf die Beine gestellt haben. Mit „Ingastro“ sollen Flüchtlinge und Migranten in die Gastronomie und somit auch besser in die Gesellschaft integriert werden. Jörg Rauschenberger, Chef des Fellbacher Unternehmens mit 600 Mitarbeitern, darunter 71 Auszubildende, erzählt, dass er sich schon „auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise nicht ganz uneigennützige Gedanken gemacht“ habe. Schließlich mangelt es auch und besonders der Gastronomie an Fachkräften. Aber genauso wichtig sei es ihm, „einen gesellschaftspolitischen Beitrag zur Integration“ zu leisten. „Wenn die Motivation voll da ist“, sagt Rauschenberger, „muss man eben manchmal auch Dinge tun, die sich nicht rechnen.“

Es mussten „Allianzen“ gesucht werden

Ein Dutzend Migranten mit ganz unterschiedlichen Biografien, Fähigkeiten und Sprachkenntnissen gut einzubinden, ist selbst für ein großes Unternehmen wie Rauschenberger nicht leicht. Deswegen mussten „Allianzen gesucht“ werden. „Rauschenberger ist der Vater des Gedankens, ich bin die Mutter des Konzepts“, sagt Stephan Reichstein. Er ist in Stuttgart Leiter Strategie und Standortentwicklung des Kolping Bildungswerks Württemberg und weiß: „Bildung ist der Weg, die Lebenssituation zu verbessern.“

Niemand wurde zwangsrekrutiert

Kolping kümmert sich bei dem Pilotprojekt um alles Grundsätzliche und Behördliche – und hat das Fortbildungsprogramm zertifizieren lassen. Zwölf Teilnehmer wurden vom Jobcenter zugewiesen, aber „niemand zwangsrekrutiert“, so Reichstein. Im theoretischen Teil standen Sprachunterricht, Bewerbungstraining, Arbeitsrechtliches und Sicherheitstechnisches sowie Hygiene inklusive Kleider-, Haar- und Bartordnung auf dem Programm. „Diese typisch deutsche Ordnung wurde von allen gut aufgenommen“, sagt Reichstein. Und als es dann bei Rauschenberger zum praktischen Teil ging, staunte manch einer, er habe „noch nie eine so saubere Küche gesehen“.

In acht Wochen wurden 320 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten durchgezogen. Die Fortbildung ist für Reichstein „die erste Stufe einer hohen Treppe“. Nicht alle Teilnehmer haben sie genommen und Disziplin, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit bewiesen. Dennoch ist das Pilotprojekt nun so positiv abgeschlossen worden, dass man an weitere Kooperationen denke. Bis zu vier im Jahr – auch mit anderen Gastro-Unternehmen – seien vorstellbar. Zehn der zwölf Teilnehmer haben durchgehalten, für Jörg Rauschenberger „eine sehr gute Quote“. Drei davon – ursprünglich aus Syrien, Gambia und Bangladesch kommend – haben nun die Zusage für eine Ausbildungsstelle in seinem Haus. Die anderen gelten mit ihren neuen Referenzen als gut weitervermittelbar.

Restaurant in Aleppo

Und dann ist da noch Nour Karro. Sie wurde in das Förderprojekt aufgenommen, weil sie sich schon während ihres Praktikums bei Rauschenberger so gut bewährt hatte. Im Herbst 2015 war sie aus Syrien nach Deutschland gekommen und über Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg schließlich in Schorndorf gelandet. Ihre Familie hatte in der Altstadt von Aleppo ein Restaurant, doch wie weite Teile der Stadt wurde dies im Bürgerkrieg zerstört. In ihrer Heimat hat Karro Betriebswirtschaft studiert, die Sprachbarriere in einem Job mit viel Schriftverkehr habe sie aber diese Laufbahn in Deutschland nicht weiterverfolgen lassen. „Da hätte ich im Vergleich zu den anderen dreimal so viel leisten müssen“, sagt Karro, die inzwischen gut Deutsch spricht und trotz ihrer Bescheidenheit ziemlich ehrgeizig ist.

In ihrem ersten Lehrjahr ist sie als Gardemanger für die kalten Speisen zuständig, im zweiten wird sie dies als Entremetier für die Beilagen sein, und im dritten Jahr sind dann ganz klassisch die Soßen an der Reihe. Bis dahin wolle sie „viele Erfahrungen sammeln und die schwäbische Küche noch besser kennenlernen“. Lieben tut sie die jetzt schon, zum Beispiel Linsen mit Spätzle, aber auch „Käsknöpfle“, wie sie sagt. Karro ist Kurdin und Muslima, hat jedoch keine Berührungsängste mit Schweinefleisch in der Küche, das im Pier 51 ohnehin kaum verarbeitet wird. Und sie hat schon sehr konkrete Vorstellungen von der fernen Zukunft, will ein Kochbuch schreiben und sich mit Foodtrucks selbstständig machen – im Alter von 55 Jahren, wie sie sagt.

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