Pilotprojekt in Waiblingen Millionen für den Wasserstoff
Bis Ende nächsten Jahres soll ein sogenannter Elektrolyseur eine lokale Tankstelle versorgen. Genutzt wird umweltfreundlich erzeugter Strom. Doch die Kosten für die Infrastruktur sind immens.
Bis Ende nächsten Jahres soll ein sogenannter Elektrolyseur eine lokale Tankstelle versorgen. Genutzt wird umweltfreundlich erzeugter Strom. Doch die Kosten für die Infrastruktur sind immens.
An Wasser mangelte es wahrlich nicht am Freitag in Waiblingen. Pünktlich zur Übergabe der Förderbescheide hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet. Wer nicht im Zelt der lokalen Energie-Allianz hy.Waiblingen unterkam, freute sich über einen Platz unterm Regenschirm. Der über dem Gewerbepark am Stadtrand liegenden Aufbruchstimmung allerdings taten die morgendlichen Schauer keinen Abbruch.
Denn neben Landrat und Oberbürgermeister, diversen Bundestagsabgeordneten und Landtagspolitikern sowie Vertretern der Waiblinger Stadtwerke und der Stuttgarter Straßenbahnen hatte sich zum Termin auch Michael Theurer eingefunden. Im Gepäck hatte der Staatssekretär im Berliner Bundesministerium für Digitales und Verkehr eine Finanzspritze, die dem in Waiblingen anvisierten Pilotprojekt für die Produktion umweltfreundlich erzeugten Wasserstoffs auch wirklich den Weg ebnen soll.
Knapp 5,3 Millionen Euro schüttet der Bund aus Steuermitteln aus, um im Kreis eine Infrastruktur für eine Mobilität per Brennstoffzelle zu schaffen. Bis Ende nächsten Jahres soll ein Elektrolyseur in den Testbetrieb gehen, der Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff aufspaltet. Bis zu 259 Tonnen Wasserstoff soll der Apparat in der Größe eines Baustellen-Containers pro Jahr herstellen können. Der Sprit für die Brennstoffzelle wird komprimiert gespeichert und dient in Wasserstoff-Fahrzeugen als absolut emissionsfreier Kraftstoff.
Die Brennstoffzelle nämlich wandelt den Wasserstoff mit Sauerstoff aus der Umgebungsluft wieder in Wasser um – der bei dem chemischen Prozess entstehende Strom treibt den Elektromotor des Fahrzeugs an. In Waiblingen soll die alternative Energie nicht nur für Busse und Lastwagen zur Verfügung stehen. Auch eine öffentliche Wasserstoff-Tankstelle für private Automobile ist geplant. Nach Angaben der von den Stadtwerken und der nordfriesischen Energiewende-Firma GP Joule gebildeten Projektgesellschaft reicht die erzeugte Jahresmenge an Wasserstoff für 28 000 Kilometer.
Als feste Abnehmer sind zunächst zehn Brennstoffzellen-Busse im Waiblinger Nahverkehr und zwei Doppelkabinenfahrzeuge für die Straßenmeisterei im Rems-Murr-Kreis eingeplant. Auch im Fuhrpark der hy.waiblingen und der Stadtwerke sollen fünf Fahrzeuge mit Wasserstoff betrieben werden. Außerdem hat sich die Stadt Waiblingen zum Kauf einer mit Wasserstoff betriebenen Kehrmaschine entschlossen. Das Fahrzeug spart nach Rathaus-Rechnung jährlich rund 35 Tonnen Kohlendioxid ein.
Besonderheit des in eineinhalb Jahren in Waiblingen produzierten Wasserstoffs ist, dass er umweltfreundlich mit Solartechnik produziert werden soll. Statt auf fossile Energieträger wie Gas oder Öl wird bei der Erzeugung auf Fotovoltaik gesetzt. Dank der Kraft der Sonne ist deshalb schon jetzt von „grünem Wasserstoff“ die Rede. Die am Elektrolyseur mit einer Leistung von zwei Megawatt entstehende Abwärme soll in ein Fernwärmenetz eingespeist werden. Für Busse und Lastwagen wird der Wasserstoff mit einem Druck von 350 bar zur Verfügung gestellt, für Privatwagen mit einem Druck von 700 bar. Denkbar sind auch gewerbliche Bereiche wie etwa Handwerker-Autos. Eine Auswahl von mit Wasserstoff betriebenen Transporter-Modellen war am Freitag im Gewerbepark an der alten B 14 zu sehen.
Die erste Wasserstoff-Tankstelle im Rems-Murr-Kreis wird die Waiblinger Zapfanlage allerdings nicht sein. Bei Total-Pächter Peter Eberle in der Ohmstraße in Fellbach kann der Tank schon seit acht Jahren mit Wasserstoff gefüllt werden. Staatssekretär Michael Theurer sieht im Ausbau der Infrastruktur dennoch einen entscheidenden Schritt zur Energiewende: „Wasserstoff spielt eine Schlüsselrolle beim Erreichen der Klimaziele, gerade auch im Verkehrsbereich.“ Der FDP-Politiker sieht in der Technik auch eine Chance, die nötige Transformation in der Automobilindustrie voranzutreiben – einschließlich der meist mittelständischen Zulieferbetriebe. „Wir brauchen den Fleiß und den Erfindergeist der schwäbischen Tüftler, um den CO2-Ausstoß trotz der weiter steigenden Verkehrszahlen zu senken.“
Synthetische Kraftstoffe, von Landesverkehrsminister Winfried Herrmann (Grüne) jüngst als wenig wirtschaftlich geschmäht, wollte Theurer nicht aus dem Auge verlieren. Einen Seitenhieb auf die Bedenken gegen den Ausbau regenerativer Energien hatte er dennoch parat: „Wenn man in Stuttgart eine Müllverbrennung in Wohngebiete stellen kann, müsste im Rems-Murr-Kreis auch Windkraft möglich sein“, sagte er.