Prävention in der Region Stuttgart Tatort Schulhof: Wie Mobbing bekämpft werden kann

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Es soll am wirksamsten Mobbing bekämpfen: das Olweus-Präventionsprogramm. 15 Schulen im Land wenden es an. Wie wirkt es? Ein Besuch an der Pilotschule Ludwig-Uhland-Gymnasium in Kirchheim unter Teck.

Mobbing kann mit körperlicher Gewalt einhergehen, muss es aber nicht. Foto: dpa
Mobbing kann mit körperlicher Gewalt einhergehen, muss es aber nicht. Foto: dpa

Kirchheim/Teck - Wieder hat es nicht geklappt. Der Junge, auf dessen Pullover in Großbuchstaben „Chill“ steht, ist weit davon entfernt, entspannt zu sein. Er versucht erneut, einen Platz im Stuhlkreis zu ergattern. Seine Mitschüler rücken raupenartig weiter, von Stuhl zu Stuhl. Sie lachen. Er lacht nicht. Es ist nur ein Spiel – doch je häufiger der Siebtklässler scheitert, desto unsicherer wirkt er. Da erlöst ihn seine Klassenlehrerin. Wie es für ihn gewesen sei, fragt Friederike Schelkes. „Scheiße“, sagt er. Und für die anderen? Die meisten fanden es „lustig“ – doch nicht alle. Warum? Schon sind sie mittendrin im Thema.

Eigentlich steht Deutsch auf dem Stundenplan der 7 d des Ludwig-Uhland-Gymnasiums (LUG). Doch diesmal geht es nicht um Orthografie, sondern um Olweus. So lautet der Name eines Anti-Mobbing-Programms aus Skandinavien, das seit dem Schuljahr 2015/16 an dem Kirchheimer Gymnasium umgesetzt wird. Einmal im Monat haben alle Klassen der Schule eine Olweus-Stunde.

Eine Schulkultur des Hinschauens

Das Gymnasium ist eine von 15 Schulen im Land, die an dem von der Landesstiftung Baden-Württemberg finanzierten Pilotprojekt teilnehmen. Eine Ausschreibung für weitere Schulen läuft (siehe Infokasten). Das Besondere an Olweus: Alle Akteure sind eingebunden – Lehrer, Schulsozialarbeiter, Schüler, Eltern. „Es geht um eine Kultur des Hinschauens“, sagt der Rektor des LUG, Georg Braun, dem der Präventionsgedanke besonders gefällt. Seine Schule ist nicht mehr und nicht weniger von Mobbing betroffen als andere. Die Heterogenität der Schülerschaft habe zugenommen, auch Cybermobbing sei ein Thema. Da hätten sie sich gefragt: „Wie können wir noch mehr helfen?“, erzählt Braun.

Zwei Lehrerinnen haben sich an der Uniklinik Heidelberg, die das auf 18 Monate ausgelegte Programm evaluiert, zu Olweus-Coaches weiterbilden lassen. Auch Friederike Schelkes, die das Programm vor Ort koordiniert, ist geschult. Regelmäßig trifft sich das Kollegium, aufgeteilt auf 20 Gruppen, um sich auszutauschen. Die Pausenaufsicht wurde verstärkt. Es gab Elternabende und einen Projekttag – alles zusammen ein Riesenaufwand. Manchen Schulen ist dieser zu groß: Eigentlich waren 22 Schulen im Programm, sieben sind wieder abgesprungen.

Das LUG ist mit mehr als 1200 Schülern die größte Schule, die an Olweus teilnimmt. Der Rektor räumt ein, dass es auch kritische Stimmen gegeben habe. Eigentlich müssten für so etwas zusätzliche Lehrerstunden genehmigt werden, meinen auch diejenigen an der Schule, die voll hinter dem Programm stehen – vor allem, wenn Olweus langfristig weiterlaufen solle.

Hohe Wirksamkeit bescheinigt

In Heidelberg redet man den Aufwand nicht klein. „Je größer die Schule, desto mehr muss organisiert werden“, sagt Fanny Ossa von der Kinder- und Jugendpsychia­trie der Uniklinik Heidelberg. Mit ihrer Kollegin Vanessa Jantzer koordiniert die wissenschaftliche Mitarbeiterin die Evaluation. Sie weist auf den ernsten Hintergrund hin: Mobbingopfer hätten ein erhöhtes Risiko für Ängste und Depressionen, das könne bis zum Suizidversuch gehen.

Studien bescheinigen Olweus eine hohe Wirksamkeit: In Norwegen ließ sich die Zahl an Mobbingopfer mit der Methode um bis zu 70 Prozent reduzieren. Eine Metastudie hat ergeben, dass Olweus von allen Anti-Mobbing-Programmen die größten Effekte erzielt. Die bisherigen Ergebnisse aus Heidelberg sind positiv: Durch Olweus könne die psychische Belastung betroffener Schüler „deutlich gesenkt werden“, berichtet der Studienleiter Michael Kaess, Sektionsleiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Mehr Kinder holen sich Hilfe

Der Aufwand lohnt sich also. Das merkt man auch in Kirchheim. „Es kommen mehr Schüler wegen Mobbings zu mir – und sie kommen früher“, berichtet der Schulsozialarbeiter Thilo Ehrle. Die Hemmschwelle sei gesunken, Hilfe zu holen. „Ob Kinder oder Lehrer, alle sind achtsamer“, sagt Ehrle. Die Lehrerin Eva Wagner, sie ist Olweus-Coach, berichtet, dass die Lehrkräfte nun schneller reagierten, die Schüler aber auch schneller einlenkten. Der Austausch zwischen den Kollegen sei größer, sagt Friederike Schelkes, wodurch man als Klassenlehrer bei Mobbingfällen früher eingreifen könne. „Wenn alle Rollen bereits besetzt sind, ist es wesentlich schwieriger zu agieren“, erklärt Ehrle, warum das wichtig ist. Welche Rollen es gibt, das wissen die Schüler der 7 d genau, das zeigt die Olweus-Stunde: Zuerst spielen sie Mobbing-Situationen vor, danach sortieren sie. Wer war Opfer? Wer Hauptakteur? Wer hat sich noch beteiligt? Wer zeigte Unbehagen, ohne einzuschreiten? Im „Mobbing-Kreis“ hat jeder seinen Platz.

Auch bei echten Mobbingfällen greifen die Lehrer auf diesen Kreis zurück. „Bei wem kannst du dir vorstellen, dass er dich unterstützen könnte“, frage sie den Betroffenen, erzählt Friederike Schelkes. Mit den Akteuren spricht sie gesondert, ohne Opfer. „Weil man mit der Gruppe arbeitet, ist es so erfolgreich“, sagt die Lehrerin. Dann schildere man nicht nur die Situation des Betroffenen, sondern versuche, dem Täter eine andere Rolle zu geben. Was könnte er konkret für das Opfer tun? Wichtig sei, „niemanden an den Pranger“ zu stellen. „Denn der Täter ist meistens auch nicht glücklich“, so Schelkes. In manchen Fällen gehe es aber nicht ohne Sanktionen.