Trotz des knochentrockenen Sommers können Pilzsammler noch fündig werden. Der Naturparkführer Manfred Krautter weiß, wo und wie man sich auf die Suche macht.

Rems-Murr: Chris Lederer (cl)

Wer sich auf die Spuren der Sporen begibt, sollte gewappnet sein. Gutes Schuhwerk, scharfes Messer, und: „Vergessen Sie Ihr Körbchen nicht“, hatte Professor Manfred Krautter am Telefon noch gesagt. Wäre eine Plastiktüte nicht praktischer? Wäre sie nicht. „Die Pilze schwitzen und werden matschig“, sagt der 65-jährige Pilzsachverständige der Deutschen Gesellschaft für Mykologie. Ideal sei ein offener Korb mit großer Grundfläche, damit die Fundstücke gut nebeneinander liegen und sich nicht stapeln.

Beim Warten am vereinbarten Wanderparkplatz steigt zunächst eine Dame aus Rudersberg aus ihrem Auto – eine erfahrene Pilzfinderin, wie sich zeigt: Lässig schwenkt sie ihren Weidenkorb mit Steinpilzen sowie einer Handvoll junger Schopftintlinge vor unsere Nase. „Die hab’ ich nebenbei eingesammelt, jetzt wollte ich schauen, was es hier noch so gibt“, sagt sie. „Hier“ – das ist zum Glück in der anderen Richtung. Sie geht nach rechts weg, wir ziehen nach links los und erhöhen damit zumindest theoretisch unsere Erfolgschancen.

Regentage lassen hoffen

Die stehen momentan vor allem deshalb erheblich besser, weil es in den vergangenen Wochen unerwartet viel geregnet hat. „Pilze lieben es warm und feucht“, erklärt Manfred Krautter auf dem Weg in den Wald. „Dieser Sommer war so trocken, dass wir unsere große Pilzausstellung mit üblicherweise mehr als 250 verschiedenen Pilzarten leider absagen mussten – da wäre eine Pilzausstellung mit nur einer kläglichen Handvoll an Exemplaren insbesondere für unsere Stammgäste eine Enttäuschung gewesen – das wollten wir ihnen und uns nicht antun.“ Die Aussichten auf Artenvielfalt standen schlecht, also wurde früh abgesagt und stattdessen ein Abend mit Musik, Pilzberatung und Krimilesung angesetzt.

Nur mitnehmen, was man genau kennt

Spannend wird es auch bei uns, als wir in den Fichtenwald einbiegen und auf dem moosigen Untergrund schnell die ersten Pilze sehen. Ein Hoch auf den Regen und unseren Fachmann aus Plüderhausen. Der bückt sich gleich, um uns ein besonderes Exemplar mit flockigem Hütchen und einer Art Manschette am Stängel zu zeigen: den gelben Knollenblätterpilz – faszinierend, aber leider hoch giftig. Daneben steht ein wunderschöner Rotfußröhrling, der wäre jung zwar essbar, unser Exemplar ist allerdings vom Goldschimmel befallen, einem krebserregenden parasitären Pilz. Also wieder nix fürs Weidenkörbchen. Doch nur zwei Schritte weiter säumen weiße, glockenartige Gebilde den Wegesrand. Es sind junge Schopftintlinge, „im Volksmund Spargelpilz – die können Sie mitnehmen und in Butter anbraten, solange die Kappen noch geschlossen sind.“ Alte Exemplare zerfließen zu einer tintenartigen Flüssigkeit, daher der Name.

Anfänger sollten sich Kennern anschließen

Anfängern beim Sammeln wird oft empfohlen, dass sie nur diejenigen Pilze mitnehmen, die sie mit absoluter Gewissheit bestimmen können. Das ist vollkommen richtig. Krautter hat aber noch einen anderen guten Ratschlag parat: „Gehen Sie nicht allein in den Wald, sondern mit jemandem, der sich wirklich mit Pilzen auskennt.“ Auf keinen Fall solle man sich auf die vermeintliche Expertise eines dahergelaufenen Körbchenträgers verlassen, dem man vielleicht zufällig im Wald begegnet: „Nicht jeder Sammler ist auch ein Fachmann!“ Beim kleinsten Zweifel sei es besser, einen Pilz stehen zu lassen oder ihn zuhause mit der geeigneten Literatur zu bestimmen. Vielerorts gibt es auch geprüfte Pilzberater, die helfen, Funde zu identifizieren. Auch Manfred Krautter berät, wie sich während unserer Tour beim Blick auf sein Mobiltelefon zeigt: Ein junger Mann hat Krautter ein Foto geschickt und fragt, ob es sich bei diesem Fund um einen leckeren Speisetrüffel handle. Doch von seiner aufgeschnittenen Knolle mit schwarzem Kern sollte er nicht naschen: „Das ist ein Kartoffelbovist“, sagt Krautter, „der ist giftig“. Das lässt er schnell per SMS den ahnungslosen Finder wissen, und weiter geht unsere Suche.

„Wunderhübsch – aber giftig!“

Die erste Stunde vergeht wie im Flug, wir sehen Dutzende Pilze, pflücken leckere Maronenröhrlinge, schneiden flockenstielige Hexenröhrlinge, deren gelbes Fleisch sich an der Luft blau verfärbt und die trotz des Namens gegart lecker schmecken. Wir begutachten den seltenen Stahlblauen Rötling, „wunderhübsch, aber giftig“, und lassen ihn ebenso im Wald wie den Tigerritterling mit seinen Tränen am Stiel. Essen könnten wir dagegen violette Lacktrichterlinge oder Trompetenpfifferlinge, finden davon aber nur recht klein geratene Gesellen.

Zahlreicher sind Falsche Pfifferlinge. „Wenn man einen von denen aus Versehen isst, kann nicht viel passieren, er schmeckt nur penetrant nach nix.“ Ähnlich sei es beim klebrigen Hörnling, dessen spektakuläres Äußeres an eine Koralle erinnert. „Mich fasziniert an den Pilzen die Formen und Farbenvielfalt“, sagt Krautter. Nicht nur Augen und Zunge kommen auf ihre Kosten: Manche Pilze riechen nach Rettich oder Butter, andere nach Mehlmühle oder Zigarrenkiste, wieder andere nach Blaubeer- oder Apfelkompott oder fahrender Dampflokomotive.

15 000 bekannte Großpilze gibt es. Wer den Einstieg ins Pilzesammeln sucht und sich leckere Speisepilze einprägen möchte, solle sich zunächst an die Gruppe der Röhrlinge halten, empfiehlt der Fachmann. Zu ihnen zählen etwa die Steinpilze, flockenstielige Hexenröhrlinge und Maronenröhrlinge. Sie sind leicht zu unterscheiden, und nur wenige ihrer Artgenossen seien ungenießbar.

Ein Kilo pro Person pro Tag

Den ersten Steinpilz auf unserer Tour entdeckt übrigens das geschulte Auge unseres Fotografen. Dieser „König der Pilze“ sollte nicht das letzte Fundstück bleiben. Doch wie viel Pilze darf man überhaupt mitnehmen. Als Faustregel beim Sammeln gelte: „maximal ein Kilo pro Person und pro Tag“, sagt Krautter. Zur kurzfristigen Lagerung über Nacht empfiehlt Krautter den dunklen, kühlen Keller, bedeckt mit einem feuchten Tuch. Ideal sei das aber nicht, denn „frische Pilze sollte man möglichst schnell verarbeiten“. Wer Steinpilze oder Maronenpilze langfristig haltbar machen wolle, könne sie in dünne Scheiben schneiden und im Backofen bei rund 50 bis 70 Grad oder in einem Dörrautomat trocknen. „Das intensiviert den Geschmack.“ Roh essen sollte man selbst gesammelte Pilze generell nicht.

Das Abendessen ist gesichert

Bei uns landen die gesammelten Maronen-, Steinpilze und flockenstielige Hexenröhrlinge gleich am Abend in der einen Pfanne, in der anderen die Schopftintlinge. Und in einer dritten werden orangene Fichten-, Lachs- und Steinreizker gebraten; alle mit Butter, wenig Schalotten und einer Prise Salz. So viel steht fest: Es lohnt sich nicht nur die Jagd auf den König der Pilze.

Lesung In der Schwalbenflughalle in Großerlach-Grab gibt es statt der Pilzausstellung an diesem Samstag, 8. Oktober, 18.30 Uhr, eine Krimilesung, Musik mit Hearts & Bones sowie die Möglichkeit, mit Pilzexperten ins Gespräch zu kommen. Karten: 24 Euro.

Pilzsachverständige findet man unter: www.dgfm-ev.de