Piratenpartei Die digitale Elite will die Welt retten

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Die ersten Piraten in einem Landesparlament wollen nicht auf ein Klischee reduziert werden, sondern anders Politik machen als die anderen.  

Die Wahlparty in Berlin-Mitte hat sehr lange gedauert. Foto: dpa 3 Bilder
Die Wahlparty in Berlin-Mitte hat sehr lange gedauert. Foto: dpa

Berlin - Es ist der Tag eins nach der Wahl, das ganze Leben wird sich ändern. Eigentlich ein Superanfang, aber schon gibt es das erste Problem: der Beamer, der Laptop. Da kommt ein neues System von außen, völlig unerwartet. Es passt einfach nicht. Kein Internet-Piratenauftritt an der alten, steinernen Wand des Parlaments, verdammte Technik!

Saal 113 im Berliner Abgeordnetenhaus: seit Montag ist die Piratenpartei hier drin, ganz offiziell. Es ist eine Premiere in einem deutschen Landesparlament - und was für eine. 8,9 Prozent der Berliner Wähler haben für die junge Partei gestimmt. Das bedeutet, theoretisch könnten jetzt zur Mittagszeit in diesem Saal 15 frisch gewählte Volksvertreter ihre erste offizielle Pressekonferenz geben.

Praktisch allerdings liegt die Vermutung nahe, dass die Rumflaschen am Montag bei der Wahlparty im Ritter Butzke in Kreuzberg ein bisschen zu oft die Runde gemacht haben. Vielleicht ist der ein oder andere auch deshalb nicht da, weil er für den Tag nach der Wahl schon länger eine andere Verabredung hatte. Wer schließlich konnte sich vor ein paar Wochen schon vorstellen, dass alle, die überhaupt für einen Listenplatz kandidiert haben, auch ins Parlament kommen würde? Keiner.

Irgendeiner daddelt immer irgendwie rum

Die Reihen sind also noch etwas licht. Einer nach dem anderen erklimmen die Neuparlamentarier mitunter leicht schlurfend die steinernen Stufen des Hohen Hauses. Es sind ausschließlich Männer, die meisten tragen Jeans, T-Shirts mit enorm witzigen Aufdrucken und Augenringe. Einer, Superheld auf der Brust, kippt sich ein Fläschchen mit Magentropfen die Kehle runter. "Stress", sagt er, und verzieht das Gesicht.

So sieht es gar nicht aus. Das Erste, was die zehn Männer tun, nachdem sie angekommen sind: Laptop aufklappen, iPhone aus der Tasche holen, sich fotografieren, die anderen fotografieren, Botschaften empfangen, Botschaften versenden. So geht das eine Stunde lang. Die Piraten sind die Partei der digitalen Elite. Viele der Neuparlamentarier machen irgendwas mit IT. Irgendeiner daddelt immer irgendwie rum. "Daran", sagt einer lächelnd, "wird man sich bei uns gewöhnen müssen" - Feixen in der Runde.

Ja, wenn man sie da so sitzen sieht, dann kann man sich sehr schön vorstellen, dass hier durch den ehrwürdigen Preußischen Landtag ab und zu eine ganz andere, frische Brise wehen könnte. Wohin, das ist vielleicht noch ein bisschen unklar. "Wir sind die mit den Fragen", haben sie im Wahlkampf plakatiert. "Ihr seid die mit den Antworten." Dass die Richtung des politischen Wollens und Wirkens in manchen Punkten offen ist und dass sie sich - je nachdem, was die Basis wünscht - auch jederzeit ändern kann, das gehört zum Grundkonzept dieser jungen Partei.